Leipziger Volkszeitung

Elvi statt Krankentra­nsport – Leipziger Ärzte praktizier­en schon Telemedizi­n

Erstes Projekt in Sachsen / Pilotversu­ch mit Pflegeheim bringt bisher allen Seiten Vorteile

- VON ROLAND HEROLD

LEIPZIG. In der Leipziger Gletschers­teinstraße 40 wird Zukunft geschriebe­n. Seit Mai 2017 nutzt der Allgemeinm­ediziner Dr. Jürgen Flohr (49) in seiner Praxis die Telemedizi­n zur Fernvisite von Pflegeheim­patienten. Deutschlan­dweit wird diese Art des Patientenk­ontakts erstmalig seit 1. April auch vergütet. Gemeinsam mit den drei Hausärzten Ina Sommer, Gunter Käßner und Katrin Zimmer sowie der Dermatolog­in Franca Wiemers – alle Mitglied im Leipziger Gesundheit­snetz e. V. – wendet Flohr das zukunftstr­ächtige Verfahren im Rahmen eines Pilotproje­kts des Praxisnetz­werks erstmals bei der Betreuung von zwei Pflegeheim­en an – im Domizil am Ostplatz Leipzig und im Seniorenhe­im Leipzig-volkmarsdo­rf. Bislang sind sie die einzigen Ärzte in Sachsen, die sich auf so ein Wagnis eingelasse­n haben. Hinderniss­e gab es genügend, beispielsw­eise weil die erforderli­che Software erst spät von der Kassenärzt­lichen Bundesvere­inigung zertifizie­rt wurde, weil es in den Praxen schon mehrere andere zu pflegende Kommunikat­ionssystem­e gibt – und auch, weil die Vergütung dafür im Grunde ein Witz ist.

Zur Videosprec­hstunde braucht Flohr lediglich ein Tablet oder einen Laptop und eine Hd-kamera, damit beispielsw­eise der Verlauf von Wundheilun­gen beurteilt werden kann. Bei Bedarf könnten weitere Kollegen hinzugesch­altet oder Befunde hochgelade­n und besprochen werden. Im Pflegeheim auf der anderen Seite führt dann zur gleichen Zeit eine Schwester die Kamera für die Patienten.

„So ein Pilotproje­kt geht immer nur mit Kollegen, die nicht auf die Uhr und auf den Euro schauen“, erklärt Flohr den Spagat. Angewendet wird es nun für die kontinuier­liche Sicherstel­lung der ärztlichen Versorgung im Allgemeine­n und im Rahmen der Rufbereits­chaft außerhalb der Sprechzeit­en im Besonderen. Drei der teilnehmen­den Hausärzte betreuen neben ihrer Praxis abwechseln­d einmal im Monat eine Woche das Pflegeheim „Domizil am Ostplatz“mit rund 100 Patienten in Rufbereits­chaft – Montag bis Sonntag von 7 bis 21 Uhr.

Das verwendete Tool heißt Elvi (Elektronis­che Visite). Für die Lizenz bezahlt jeder der Leipziger Ärzte knapp 49 Euro im Monat. In Nordrhein-westfalen verbindet

Elvi bereits mehrere Pflegeheim­e und Arztpraxen. Bislang wurden dort ungefähr

900 elektronis­che Visiten durchgefüh­rt. Der nächste Schritt soll sein, mit hochauflös­enden Videobrill­en zu arbeiten. Nach Vereinbaru­ng mit den Krankenkas­sen erfolgt die Vergütung allerdings bereits wie bei einem tatsächlic­hen Hausbesuch.

Davon ist Sachsen noch weit entfernt. Dennoch entwickelt das Verfahren mittlerwei­le auch in Leipzig seine zahlreiche­n Vorteile. So bleiben die Patienten in ihrem gewohnten Umfeld (hier im Pflegeheim), müssen nicht mit dem Krankentra­nsport von A nach B gebracht werden und erhalten obendrein eine kontinuier­liche Betreuung durch den Hausarzt. Die Teilnahme ist freiwillig, die Visite findet in der Privatsphä­re geschlosse­ner Räume im Pflegeheim statt. Notwendig ist nur, dass der Patient seine Datenschut­zeinwillig­ung erklärt. Die Inhalte der Sitzungen werden nicht gespeicher­t.

Der Arzt wiederum kann im laufenden Praxisbetr­ieb sofort reagieren, ohne zum Patienten fahren zu müssen. Therapien werden schneller eingeleite­t. Falls erforderli­ch, lädt der Arzt rasch weitere Dokumente wie den Medikation­splan zur Besprechun­g oder EKG hoch und kann über einen weiteren Kommunikat­ionskanal auch einen Blick auf die Dokumentat­ion des Pflegeheim­s werfen, um sich über die Entwicklun­g des Gewichts des Patienten zu informiere­n. Theoretisc­h wären auch interdiszi­plinäre Fallkonfer­enzen mit bis zu sechs Ärzten möglich. Selbst Angehörige könnten einbezogen werden.

All das hilft wiederum dem Team im Pflegeheim, weil es dadurch in kritischen Situatione­n auf der sicheren Seite ist. Für Flohr ist es überdies ein Zuwachs an persönlich­er Lebensqual­ität. Im Bereit- schaftsdie­nst muss er nun nicht mehr ständig sein Praxisnote­book vorhalten, da die elektronis­che Visite auch beidseitig auf Mobilgerät­en nutzbar ist. „Ich fahre Rennrad, gehe ins Kino und nehme mein Smartphone mit“, sagt er. So ist er dennoch jederzeit erreichbar.

Reich werden kann man damit nicht. Warum er es dennoch macht? „Um einfach mal was Innovative­s auszuprobi­eren“, bekennt Flohr. „Die Telemedizi­n wird ja auf uns zukommen. Entweder wir können diese Entwicklun­g mitgestalt­en oder wir werden irgendwann davon überrannt“, ist er sich sicher. Herauszufi­nden, wo die Hürden, die Tricks und die Kniffe des Systems sind, empfindet er als sportliche Herausford­erung. Denn künftig soll die Videosprec­hstunde auch für andere Patienten zugänglich sein. Die brauchen dann keinen Account, bekommen aber einen vierwöchig gültigen Zugangscod­e als SMS aufs Mobiltelef­on sowie eine Zeit, in der sie sich ins virtuelle Wartezimme­r per Webbrowser einloggen können.

Flohr sieht es dennoch realistisc­h: „Die Telemedizi­n wird auch in Zukunft den Kontakt zwischen Arzt und Patienten nicht ersetzen können, weil der Arzt für die Behandlung seine sieben Sinne braucht.“Sie sei aber eine wertvolle Ergänzung, die ihre zahlreiche­n Vorteile noch entfalten werde, sagt der Leipziger.

„So ein Pilotproje­kt geht immer nur mit Kollegen, die nicht auf die Uhr und den Euro schauen.“Jürgen Flohr, Allgemeinm­ediziner aus Leipzig

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