Mehr als ei­ne Ge­schich­te

Leipziger Volkszeitung - - POLITIK - VON VIOLA GEORGI

An die­sem Wo­che­n­en­de ha­ben wir in Deutsch­land des Ho­lo­caust ge­dacht. Wir al­le? Wer nach Deutsch­land ein­wan­dert, wan­dert auch in die deut­sche(n) Ge­schich­te(n) ein. Wer deut­scher Staats­bür­ger ist oder wird, der tritt auch das ne­ga­ti­ve his­to­ri­sche Er­be des Ho­lo­caust an. Sie oder er ge­hört zur deut­schen Haf­tungs­ge­meinsc haft.

Heu­te, sagt der His­to­ri­ker Micha­el Jeis­mann, ge­he es nicht mehr so sehr um das, was ge­schah, son­dern viel­mehr dar­um, „wie das Ge­sche­he­ne er­zählt und ver­ge­gen­wär­tigt wer­den soll“. Und es darf er­war­tet wer­den, dass ich mich als Staats­bür­ger an den mit der Hy­po­thek des NS ver­bun­de­nen De­bat­ten um die Zu­kunft der E rin­ne rungs kul­tur be­tei­li­ge. Das Ein­brin­gen der ei­ge­nen Per­spek­ti­ven auf die Ge­schich­te er­mög­licht das Teil­ha­ben an Er­in­ne­rung, auch wenn es sich um die Ge­schich­te ei­nes an­de­ren Lan­des han­delt. Der Ge­ne­ra­tio­nen wech­sel, die zeit­li­che Dis­tanz zum Zwei­ten Welt­krieg, die Glo­ba­li­sie­rung des Ho­lo­caust so­wie Ge­no­zi­de in an­de­ren Tei­len der Welt prä­gen die his­to­ri­schen Zu­gän­ge hier le­ben­der Men­schen – un­ab­hän­gig von ih­rer Her­kunft.

In ei­ner plu­ra­len Ge­sell­schaft müs­sen aber viel­fäl­ti­ge his­to­ri­sche Er­fah­run­gen hei­misch wer­den kön­nen. Im Sin­ne ei­nes re­pu­bli­ka­ni­schen Staats­bür­ger ver­ständ­nis­ses scheint es ge­bo­ten, die kom­ple­xen Ge­schichts­be­zü­ge al­ler in Deutsch­land le­ben­den Men­schen in den Blick zu neh­men und zu ar­ti­ku­lie­ren – auch oh­ne Fest­le­gung auf na­tio­na­le Iden­ti­tä­ten. Dann kön­nen sich auch al­le wie­der­fin­den in den N ar ra­ti­vend er deut­schen Einw an de­rungs­ge­sellsc haft.

Viola Georgi ist Pro­fes­so­rin am In­sti­tut für Er­zie­hungs­wis­sen­schaft der Uni­ver­si­tät Hil­des­heim.

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