Das En­de der Ban­ken

Nied­rig­zin­sen und Di­gi­ta­li­sie­rung ha­ben ei­ne Re­vo­lu­ti­on im Ban­ken­sek­tor an­ge­sto­ßen. Aus den Dör­fern ver­schwin­den die Fi­lia­len, Bar­geld­au­to­ma­ten wer­den ab­ge­baut, Fi­nanz­ge­schäf­te wan­dern ins Netz. Der Kampf um die Zu­kunft des Bank­ge­schäfts hat längst be­gonn

Leipziger Volkszeitung - - BLICKPUNKT - VON ANDRE­AS NIES­MANN

In We­wels­fleth in Schles­wig-hol­stein lässt sie sich schon be­sich­ti­gen, die schö­ne neue Welt der Ban­ken. Wo­bei das Wort „be­sich­ti­gen“es nicht ganz trifft, denn zu se­hen gibt es ja nicht mehr viel in die­ser schö­nen neu­en Welt.

Leucht­re­kla­me, Wer­be­fah­nen, Bank­schal­ter – al­les weg. Oder so gut wie. Seit dem 1. Ja­nu­ar ist die We­wels­fle­ther Fi­lia­le der Spar­kas­se West­hol­stein dicht. Und nicht nur die. Gut die Hälf­te ih­rer Nie­der­las­sun­gen hat die Bank auf­ge­ge­ben. Ei­ni­ge wur­den in Selbst­be­die­nungs­stand­or­te um­ge­wan­delt, an­de­re ganz ge­stri­chen. So auch in We­wels­fleth. Die Bür­ger aus dem 1400-Ein­woh­ner-nest ha­ben pro­tes­tiert. Ge­nützt hat es nichts.

Delf Bol­ten ist im­mer noch em­pört. Der eh­ren­amt­li­che Bür­ger­meis­ter von der CDU er­in­nert sich an ei­ne Zeit, in der es vier Ban­ken in We­wels­fleth gab. En­de der Acht­zi­ger­jah­re muss das ge­we­sen sein, glaubt er.

Die Hy­po­ver­eins­bank, die Spar­kas­se, ei­ne Volks­bank und ei­ne Raiff­ei­sen­bank sei­en da­mals im Ort ver­tre­ten ge­we­sen, sagt er. „Heu­te ist kei­ne Bank mehr da.“Nicht ein­mal ei­nen Geld­au­to­ma­ten ha­ben sie zu­rück­ge­las­sen.

Dar­über är­gert sich Bür­ger­meis­ter Bol­ten be­son­ders. Hän­de­rin­gend hat er die Spar­kas­sen­vor­stän­de in der Kreis­stadt It­ze­hoe dar­um ge­be­ten, we­nigs­tens ei­nen Selbst­be­die­nungs­stand­ort zu er­hal­ten. Die Leu­te aus dem Ort ha­ben sich mit Spruch­bän­dern auf­ge­stellt, Herz­chen wa­ren dar­auf und der Spruch: „Wir wol­len treu blei­ben! Bit­te lasst uns den Sb­au­to­ma­ten!“So­gar ei­nen kos­ten­lo­sen Raum hat­te der Bür­ger­meis­ter da­für or­ga­ni­siert. „Ha­ben die schlicht­weg ab­ge­lehnt“, sagt er. „Pass­te nicht in de­ren Vor­stel­lung von Ef­fi­zi­enz.“

We­wels­fleth liegt im ho­hen Nor­den der Re­pu­blik, aber im Sü­den, Wes­ten und Os­ten sieht es kaum an­ders aus. Wo man auch hin­schaut – über­all ma­chen die Ban­ken zu. Seit der Jahr­tau­send­wen­de hat Deutsch­lands Ban­ken­markt nach ei­ner Aus­wer­tung der bun­des­ei­ge­nen KFWBank mehr als 10 000 sei­ner da­mals gut 38 000 Fi­lia­len ver­lo­ren. Al­lein in den ver­gan­ge­nen zwei Jah­ren mach­ten 2200

Ge­schäfts­stel­len für im­mer dicht. Wenn es in die­sem Tem­po wei­ter­geht, ist im Jahr 2035 die Hälf­te al­ler Bank­fi­lia­len des Jah­res 2000 weg.

Nicht nur Pri­vat- und Ge­nos­sen­schafts­ban­ken trei­ben die Kon­so­li­die­rung vor­an, son­dern auch die öf­fent­lich-recht­li­chen Spar­kas­sen. De­ren Auf­ga­be ist es ei­gent­lich, die Ver­sor­gung der Be­völ­ke­rung mit Fi­nanz­pro­duk­ten si­cher­zu­stel­len. Trotz­dem ha­ben auch die Spar­kas­sen in den ver­gan­ge­nen zehn Jah­ren rund ein Vier­tel ih­rer Ge­schäfts­stel­len ge­schlos­sen – und fast über­all gab es Pro­tes­te. Die Ent­wick­lung ver­lief zu­letzt der­art dra­ma­tisch, dass sich die Land­krei­se als Trä­ger vie­ler In­sti­tu­te ge­nö­tigt sa­hen, ei­ne deut­li­che Mah­nung aus­zu­spre­chen. Soll­te der Trend an­hal­ten, dro­he die Ver­an­ke­rung der In­sti­tu­te im länd­li­chen Raum ver­lo­ren zu ge­hen, warn­te der Ge­schäfts­füh­rer des Deut­schen Land­kreis­ta­ges, Hans-gün­ter Hen­ne­ke.

Der Deut­sche Spar­kas­sen- und Gi­ro­ver­band ar­gu­men­tiert da­mit, dass sich das Ver­hal­ten der Kun­den im Zu­ge der Di­gi­ta­li­sie­rung deut­lich ge­än­dert ha­be. Ein­mal pro Jahr be­su­che ein durch­schnitt­li­cher Spar­kas­sen­kun­de sei­ne Bank­fi­lia­le noch. Im glei­chen Zei­t­raum nut­ze er an die hun­dert­mal die Spar­kas­sen-app.

Na­tür­lich ha­ben die Ban­ken ih­re Kun­den ein Stück weit in die­se Rich­tung „er­zo­gen“, et­wa mit Ge­büh­ren­mo­del­len, die die On­li­ne-über­wei­sung kos­ten­los er­mög­li­chen und den pa­pier­schrift­li­chen Zah­lungs­ver­kehr mit ei­ner Ab­ga­be be­le­gen. Doch es än­dert nichts an dem grund­sätz­li­chen Be­fund: Vor al­lem jun­ge Men­schen brau­chen die Fi­lia­le nicht mehr.

Wäh­rend Kun­den noch vor we­ni­gen Jah­ren ih­re Bank re­gel­mä­ßig auf­su­chen muss­ten, um Über­wei­sungs­schei­ne auf­zu­ge­ben, Schecks ein­zu­lö­sen, Geld ab­zu­he­ben oder fremd­län­di­sche Wäh­run­gen für den Ur­laub zu be­stel­len, geht jetzt – fast – al­les auch an­ders. Über­wei­sun­gen er­le­di­gen sie am Com­pu­ter oder am Smart­pho­ne, Bar­geld zie­hen sie am Au­to­ma­ten oder be­zah­len gleich mit Plas­tik­kar­ten, De­vi­sen – so man sie au­ßer­halb der Eu­ro-zo­ne noch braucht – he­ben Tou­ris­ten mit der Kre­dit­kar­te am Flug­ha­fen ab. Und wer bit­te stellt heu­te noch ei­nen Scheck aus?

Man kann es auch so sa­gen: Die klei­ne Bank­fi­lia­le, ehe­mals fes­ter Be­stand­teil dörf­li­cher In­fra­struk­tur wie Bä­cker, Metz­ger, Arzt und Kir­che, ist für vie­le Men­schen über­flüs­sig ge­wor­den. Und für die In­sti­tu­te zum Kos­ten­trei­ber. Die Kon­se­quenz, das Fi­li­al­netz aus­zu­dün­nen, ist be­triebs­wirt­schaft­lich die lo­gi­sche Fol­ge. Das Nach­se­hen ha­ben Men­schen, die we­ni­ger mo­bil sind und sich mit der di­gi­ta­len Welt nicht an­freun­den kön­nen oder mö­gen. Meist sind es Äl­te­re. Sie ste­hen plötz­lich oh­ne Zu­gang zu Bar­geld oder Zah­lungs­ver­kehr da.

Und dann? Von We­wels­fleth fah­ren die Men­schen jetzt ins zehn Ki­lo­me­ter ent­fern­te Glück­stadt, um Geld ab­zu­he­ben. Und wenn sie schon mal dort sind, er­le­di­gen sie auch gleich ih­re Ein­käu­fe in der grö­ße­ren Stadt. Was auf Dau­er ge­sche­hen wird, ist ab­seh­bar. „Die Ein­nah­men feh­len dann un­se­rem Ein­zel­han­del im Ort“, fürch­tet Bür­ger­meis­ter Bol­ten.

Um der Ent­wick­lung nicht ganz hilf­los zu­zu­se­hen, bie­tet der ört­li­che Ede­kaMarkt jetzt ei­nen Cash-back-ser­vice an, al­so die Mög­lich­keit, beim Be­zah­len des Ein­kaufs mit Kar­te gleich Bar­geld ab­zu­he­ben. Ein­zi­ger Ha­ken: Die Kun­den müs­sen min­des­tens für 20 Eu­ro ein­kau­fen und kön­nen dann höchs­tens 200 Eu­ro ab­he­ben. Ge­ra­de für al­lein­ste­hen­de Se­nio­ren sei­en 20 Eu­ro Ein­kaufs­wert mäch­tig, fin­det Bol­ten. Für Jün­ge­re sei das Bar­geldli­mit von 200 Eu­ro da­ge­gen zu nied­rig. Wä­re es nach Bol­ten ge­gan­gen, gä­be es die Gren­zen nicht. War aber nicht mög­lich, we­gen ge­setz­li­cher Be­stim­mun­gen ge­gen Geld­wä­sche.

Die Men­schen in We­wels­fleth und an­ders­wo wer­den sich auf die neue Si­tua­ti­on ein­stel­len, et­was an­de­res bleibt ih­nen auch nicht üb­rig. Die Fra­ge ist al­ler­dings, wer noch sei­ner Bank die Treue hält, wenn die­se nur noch ei­ne Fern­be­zie­hung will. Schon jetzt er­öff­nen im­mer mehr Kun­den ihr Kon­to bei ei­ner Di­rekt­bank. Und dann gibt es da noch zahl­rei­che neue Ak­teu­re am Markt, so­ge­nann­te Fin­techs, die den Ban­ken in de­ren ur­ei­gens­ten Ge­schäfts­fel­dern Kon­kur­renz ma­chen. Das Un­ter­neh­men Sma­va et­wa ver­mit­telt On­li­ne-kre­di­te, Klar­na und Pay­pal wi­ckeln Zah­lun­gen von On­li­ne-ein­käu­fen ab, Va­mo bie­tet ei­ne au­to­ma­ti­sier­te und auf per­sön­li­che Be­dürf­nis­se zu­ge­schnit­te­ne Geld­an­la­ge an.

Wei­te­re wer­den fol­gen. Seit An­fang des Jah­res ist die neue Zah­lungs­richt­li­nie der EU, die Pay­ment Ser­vice Di­rec­tive 2 (kurz PSD2) in Kraft – und hat be­reits für Alarm­stim­mung in den Vor­stands­eta­gen der Ban­ken­tür­me ge­sorgt.

Die Richt­li­nie er­höht zwar die Si­cher­heit im Zah­lungs­ver­kehr, sie ver­schärft aber auch den Wett­be­werb. So müs­sen Ban­ken ex­ter­nen Zah­lungs­dienst­leis­tern künf­tig Zu­griff auf Kun­den­kon­ten ge­wäh­ren, wenn ein Kun­de das wünscht. Die Di­enst­leis­ter kön­nen dann zum Bei­spiel Bu­chun­gen aus­wer­ten, neue Fi­nanz­pro­duk­te an­bie­ten oder Zah­lun­gen aus­lö­sen. Sie drin­gen da­mit in ein tra­di­tio­nel­les Ge­schäfts­feld der Ban­ken vor.

Und dann sind da noch die vier gro­ßen In­ter­net­gi­gan­ten, die in Bran­chen­krei­sen nur Ga­fa hei­ßen und al­le an ei­ge­nen Fi­nanz­diens­ten bas­teln oder die­se schon an­bie­ten: Goog­le, App­le, Face­book und Ama­zon. App­le et­wa bie­tet be­reits in 20 Län­dern sei­nen Di­enst App­le Pay an, der das bar­geld­lo­se Be­zah­len per Han­dy auch im Su­per­markt er­mög­licht. Bei Face­book kön­nen Nut­zer des Mes­sen­gerDi­ens­tes ih­ren Freun­den nicht nur Emo­jis, son­dern auch Geld schi­cken. Und Ama­zon hat längst ei­nen ei­ge­nen Be­zahl­dienst im Port­fo­lio.

„Ban­king is ne­cessa­ry, banks are not“, pro­phe­zei­te Mi­cro­soft-grün­der Bill Ga­tes schon 1994. Bank­ge­schäf­te sind nö­tig, Ban­ken nicht – stellt sich der Satz nun, knapp 25 Jah­re spä­ter, als wahr her­aus? Manch ei­ner glaubt an die The­se, dass sich das Über­le­ben der Ban­ken im Si­li­con Val­ley ent­schei­det.

Ro­bert Gre­go­ry glaubt nicht dar­an. Der Pro­fes­sor für In­for­ma­ti­ons­sys­te­me an der spa­ni­schen Bu­si­ness School IE­SE er­forscht seit Jah­ren die Fol­gen der di­gi­ta­len Trans­for­ma­ti­on. Er glaubt, dass die In­ter­net­gi­gan­ten lang­sam, aber si­cher an ih­re Gren­zen kom­men.

„2017 war ein Wen­de­punkt“, sagt Gre­go­ry. „Die Ma­xi­me des ,Hö­her, schnel­ler, wei­ter’ gilt für Goog­le, Face­book und Co. nicht mehr.“Po­li­ti­ker und Wett­be­werbs­hü­ter hät­ten die Groß­kon­zer­ne ins Vi­sier ge­nom­men, und auch Ver­brau­cher sä­hen die Tech­un­ter­neh­men zu­neh­mend kri­tisch. „Vie­len ist die Da­ten­macht der In­ter­net­un­ter­neh­men in­zwi­schen un­heim­lich“, sagt Gre­go­ry. „Die­se Men­schen wer­den sich sehr ge­nau über­le­gen, wem sie ih­re Da­ten an­ver­trau­en – ge­ra­de wenn es um Fi­nanz­ge­schäf­te geht.“

Für Ban­ken sei das ei­ne gro­ße Chan­ce, glaubt der For­scher: „Tra­di­tio­nell gel­ten Ban­ken als ver­schwie­gen, zu­ver­läs­sig und ver­trau­ens­wür­dig. Wenn sie die­se Wer­te stär­ken, müs­sen sie vor dem An­griff neu­er Di­enst­leis­ter nicht ban­ge sein.“

Gleich­wohl glaubt auch Gre­go­ry, dass Ban­ken sich ver­än­dern müs­sen – und wer­den. „Al­le Ban­ken müs­sen ih­re Di­gi­ta­li­sie­rung vor­an­trei­ben und sich schlan­ker auf­stel­len“, sagt er. „Ziel muss es sein, tra­di­tio­nel­le Wer­te wie Ver­trau­ens­wür­dig­keit mit mo­der­nen Di­enst­leis­tun­gen zu kom­bi­nie­ren.“

Stefan Mitt­nik, In­ha­ber des Lehr­stuhls für Fi­nan­zöko­no­me­trie an der Uni Mün­chen, ist skep­ti­scher, was die Zu­kunft der Ban­ken an­geht. Er zieht ei­ne Ana­lo­gie zum Ein­zel­han­del. „Bei den Händ­lern ha­ben es Voll­sor­ti­men­ter wie Kar­stadt oder Kauf­hof schon lan­ge schwer“, sagt Mitt­nik. „Bei den Ban­ken wird das ähn­lich sein.“

Der Pro­fes­sor er­war­tet, dass Fin­techs vor al­lem die mar­gen­star­ken Ge­schäfts­be­rei­che der Ban­ken an­grei­fen wer­den, wäh­rend die In­sti­tu­te auf er­lös­schwa­chen Be­rei­chen hän­gen blie­ben. „Schon jetzt müs­sen Ban­ken vie­le Ge­schäfts­be­rei­che quer­sub­ven­tio­nie­ren”, sagt Mitt­nik. Auf Dau­er wer­de das kaum ge­hen. „Klas­si­sche Voll­ban­ken, die al­les an­bie­ten, von der Fi­lia­le über das Kon­to­ge­schäft bis hin zum Ver­si­che­rungs­ver­kauf und zur Bau­fi­nan­zie­rung, wer­den ver­schwin­den“, sagt Mitt­nik. „Die Kun­den wer­den sich ih­re Fi­nanz­dienst­leis­tun­gen dann ein­zeln zu­sam­men­su­chen“, glaubt der Ex­per­te.

Auch die­se Ent­wick­lung hat in We­wels­fleth schon be­gon­nen. Bür­ger­meis­ter Bol­ten et­wa hat sei­ne ers­ten Kon­ten bei der Spar­kas­se schon ge­kün­digt, die üb­ri­gen wer­den fol­gen. „Mal se­hen, wo ich dann hin­ge­he“, sagt er. „Ei­ne fes­te An­lauf­stel­le brau­che ich ja jetzt nicht mehr.“

So­gar ei­nen Geld­au­to­ma­ten im Ort ha­ben die ab­ge­lehnt. Pass­te nicht in de­ren Vor­stel­lung von Ef­fi­zi­enz. Delf Bol­ten, Bür­ger­meis­ter von We­wels­fleth

Fo­to: dpa

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