Ns­ter­ror in Sach­sen – ein Stück kri­ti­sche „Hei­mat“­ge­schich­te

Von Kz-au­ßen­la­ger bis To­des­mär­sche: En­ga­gier­te Bür­ger er­hel­len säch­si­sche Ver­gan­gen­heit

Leipziger Volkszeitung - - SACHSEN UND MITTELDEUTSCHLAND - VON JÜR­GEN KOCHINKE

DRES­DEN. Das Werk ist 624 Sei­ten stark, dar­in geht es nicht ge­ra­de um das, was man ein Wohl­fühl­the­ma nennt. „Ns-ter­ror und Ver­fol­gung in Sach­sen“lau­tet der Ti­tel, „von den frü­hen Kon­zen­tra­ti­ons­la­gern bis hin zu den To­des­mär­schen“. Zwi­schen den Buch­de­ckeln wim­melt es von Fak­ten, his­to­ri­schen Zu­sam­men­hän­gen und De­tails über Op­fer­grup­pen, Kz-au­ßen­la­ger so­wie mas­sen­haf­te Skla­ven­ar­beit in den auf Kriegs­mo­dus ein­ge­stell­ten Be­trie­ben. Und all das hat sich auf dem Ge­biet des heu­ti­gen Frei­staats ab­ge­spielt – ein Band, hin­ter dem ei­ne enor­me Fleiß­ar­beit an kri­ti­scher „Hei­mat“-ge­schich­te steckt.

Da­bei ist das Buch im Kern zwei­er­lei: ei­ne his­to­ri­sche Au­f­ar­bei­tung ge­ra­de auch je­ner Be­rei­che, die in der Lan­des­for­schung bis­her zu kurz ge­kom­men sind; und ei­ne ge­hö­ri­ge Por­ti­on po­li­ti­sche Bil­dung mit Ge­gen­warts­be­zug. In der Ein­lei­tung der Au­to­ren liest sich das so: „Es geht um die Er­hal­tung des Frie­dens und die Durch­set­zung der Grund­rech­te und Frei­hei­ten des Men­schen. Ge­ra­de auch an­ge­sichts heu­ti­ger Ten­den­zen der Aus­gren­zung und Dis­kri­mi­nie­rung hal­ten wir es für wich­tig, aus der deut­schen Ge­schich­te zu ler­nen.“Es ist kein Zu­fall, dass in die­sem Zu­sam­men­hang auch Wor­te fal­len wie „Hass“und „ras­sis­ti­sche In­to­le­ranz“, wie sie auch in Sach­sen an der Ta­ges­ord­nung sei­en. Das weckt ne­ben­bei Er­in­ne­run­gen an frem­den­feind­li­che Aus­schrei­tun­gen, für die Or­te wie Hei­denau, Claus­nitz oder auch Mei­ßen und Baut­zen ste­hen, oh­ne dass es die Au­to­ren über­haupt noch nö­tig hat­ten, die­se ex­pli­zit zu er­wäh­nen.

Au­ßer­ge­wöhn­lich da­bei ist nicht nur der akri­bi­sche An­satz der Au­to­ren, son­dern auch die Ent­ste­hungs­ge­schich­te des Werks selbst. Be­reits 2006 be­gann ei­ne Grup­pe höchst en­ga­gier­ter Hei­mat­for­scher am The­ma zu ar­bei­ten. Am En­de ver­sam­mel­ten sich rund 50 Men­schen um den Mit­her­aus­ge­ber Klausdie­ter Mül­ler. Jetzt ist das Werk un­ter der Flag­ge der Lan­des­zen­tra­le für po­li­ti­sche Bil­dung er­schie­nen und kann so den Weg in die Öf­fent­lich­keit fin­den – be­reit­ge­stellt nicht zu­letzt für Schul­klas­sen.

Was das heißt, lässt sich am Bei­spiel der frü­hen La­ger er­fas­sen. So be­stand das Sys­tem die­ser KZ auf säch­si­schem Ge­biet in den Jah­ren 1933 bis 1937 nach ak­tu­el­lem Stand der For­schung aus 103 La­gern in min­des­tens 80 Städ­ten und Ge­mein­den, ver­teilt über das ge­sam­te Land. Hin­zu ka­men 62 so­ge­nann­te KZAu­ßen­la­ger in säch­si­schen Be­trie­ben für die Rüs­tungs­pro­duk­ti­on in den Jah­ren da­nach. Be­acht­lich ist dies nicht zu­letzt des­halb, weil die­se gro­ße Zahl der frü­hen und klei­ne­ren La­ger im kol­lek­ti­ven Ge­dächt­nis der Deut­schen von der Re­le­vanz der über­re­gio­nal be­kann­ten KZ über­la­gert wur­den – von Bu­chen­wald über Sach­sen­hau­sen oder Dach­au bis hin zu den Ver­nich­tungs­la­gern im Os­ten wie Au­schwitz-bir­ken­au oder Treb­lin­ka. „Wer das Wort Kon­zen­tra­ti­ons­la­ger hört“, heißt es da­zu im Vor­wort, „as­so­zi­iert da­mit die­se La­ger, und nicht die vie­len La­ger vor der säch­si­schen Haus­tür so­wie die vie­len Au­ßen­la­ger in di­rek­ter Nä­he von Be­trie­ben.“

Und ge­nau an die­ser Stel­le wird der Band un­mit­tel­bar po­li­tisch. Denn hier, „vor der säch­si­schen Haus­tür“, wur­den vie­le Deut­sche di­rek­te Au­gen­zeu­gen von Men­schen­ver­ach­tung bis hin zu Miss­hand­lung und Ver­nich­tung. Die meis­ten die­ser säch­si­schen Au­gen­zeu­gen ha­ben zu­ge­schaut – weg­ge­schaut, müss­te man eher sa­gen. So je­den­falls sieht es Mit­her­aus­ge­ber Mül­ler, wie er bei der Vor­stel­lung des Werks jetzt im Bür­ger­foy­er des Land­tags sag­te: „Ab­war­tend bis ab­wei­send“ha­be die Be­völ­ke­rung re­agiert, so Mül­ler, „es gab nur we­nig Hil­fe“. Das wie­der­um lässt sich auch in Be­zug auf ei­nen wei­te­ren Aspekt ähn­lich sa­gen. 120 To­des­mär­sche und Trans­por­te mit Zehn­tau­sen­den Häft­lin­gen gin­gen von säch­si­schem Ge­biet aus oder durch­quer­ten die­ses – stets be­wacht von Ss-scher­gen, die ge­ra­de ge­gen Kriegs­en­de zum Mit­tel stand­recht­li­cher Er­schie­ßun­gen grif­fen.

Für nicht we­ni­ge Op­fer en­de­te der Trans­port in Au­schwitz-bir­ken­au, je­nem Sinn­bild der Ns-ver­nich­tungs­ma­schi­ne­rie, das laut Land­tags­prä­si­dent Mat­thi­as Rößler (CDU) ei­nen „Zi­vi­li­sa­ti­ons­bruch“ dar­stellt. Dies nahm, so Rößler bei der Buch-prä­sen­ta­ti­on, „auch in Sach­sen sei­nen Lauf“. Nicht zu­fäl­lig fand die Vor­stel­lung des Werks kurz vor dem 27. Ja­nu­ar statt, dem Jah­res­tag der Be­frei­ung von Au­schwitz durch die Ro­te Ar­mee. Und eben­falls nicht zu­fäl­lig gibt es ei­nen Hin­weis zur ak­tu­el­len Be­deu­tung die­ser Form der For­schung im Vor­wort des Werks: „Mit un­se­rer Ar­beit wol­len wir da­zu bei­tra­gen, die Men­schen zu über­zeu­gen, dass sie nicht die Au­gen vor der Ver­gan­gen­heit ver­schlie­ßen dür­fen, um hof­fent­lich der Ge­fahr zu be­geg­nen, nicht blind für die Ge­gen­wart zu wer­den.“Hans Bren­ner/wolf­gang Heid­rich/klaus-die­ter Mül­ler/diet­mar Wend­ler (Hg.): Ns-ter­ror und Ver­fol­gung in Sach­sen. Von den frü­hen Kon­zen­tra­ti­ons­la­gern bis zu den To­ders­mär­schen. 624 Sei­ten, Be­stell­num­mer 159 der Säch­si­schen Lan­des­zen­tra­le für po­li­ti­sche Bil­dung, dort ist der Band auch un­ter Te­le­fon 0351 853180 oder über In­ter­net www.shop.slpb.de be­stell­bar.

Fo­to: Wil­ly Pfis­ter/icrc

Die To­des­mär­sche führ­ten Zehn­tau­sen­de auch durch Sach­sen.

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