BI­ZAR­RE MACHTSPIELE

Am Schau­spiel Leip­zig fei­ert „Kö­nig Ubu / Ubus Pro­zess“ei­ne spiel­freu­di­ge Pre­mie­re

Leipziger Volkszeitung - - KULTUR - VON DIMO RIESS

Ge­lun­ge­ne Ubu-pre­mie­re am Schau­spiel

Im wei­ten, in Gold­ta­pe­te ge­fass­ten Oval thront auf Stel­zen ein Glas­kas­ten. Wo­rin sich ein nack­tes We­sen win­det und die Au­gen rollt wie ei­ne ver­dutz­te Rob­be, die ver­se­hent­lich in ein Aqua­ri­um ge­ra­ten ist. Vi­deo­bil­der pro­ji­zie­ren das Ge­sicht in Groß­auf­nah­me auf die als trans­pa­ren­te Lein­wand ver­wen­de­te Vor­der­sei­te des Kas­tens. Und es ist kei­ne Rob­be, es ist Va­ter Ubu, erst Kö­nigs­mör­der, dann Ty­rann und jetzt: An­ge­klag­ter vor ei­nem in­ter­na­tio­na­len Ge­richts­hof. „Ver­bre­chen ge­gen die Men­sch­lich­keit, ver­ste­hen Sie das?“, fragt der Rich­ter.

Am Sams­tag­abend war Pre­mie­re für „Kö­nig Ubu / Ubus Pro­zess“am Leip­zi­ger Schau­spiel. Ein Dop­pel­abend aus Al­f­red Jar­rys Ego­ma­nen-gro­tes­ke „Kö­nig Ubu“von 1896 und Si­mon Ste­phens 2010 ur­auf­ge­führ­ter Fort­set­zung „Ubus Pro­zess“, in dem ein von In­stinkt ge­trie­be­nes Herr­scher­mons­ter auf die mons­trö­se Ra­tio­na­li­tät ju­ris­ti­scher Bü­ro­kra­tie knallt. Schau­spiel-haus­re­gis­seu­rin Clau­dia Bau­er ge­lingt es, die Stof­fe flie­ßend zu ver­we­ben, oh­ne äs­the­ti­sche Brü­che. Sie hebt mit dem Er­öff­nungs­bild die Chro­no­lo­gie auf, über­blen­det fi­na­les Tri­bu­nal und den Glanz mon­ar­chi­schen Ge­prän­ges.

Statt das Ur­teil zu emp­fan­gen, steigt Ubu in ei­nen ro­sa An­zug und win­det sich aus sei­nem Ge­fäng­nis auf die Büh­ne, um sei­ne Ge­schich­te zu er­zäh­len. Der Glas­kas­ten, eben noch Ver­hör­zel­le – viel­leicht ist er doch eher der In­ku­ba­tor, der be­stän­dig skru­pel­lo­se Ego­ma­nen ge­biert. Das Rad dreht sich. Op­ti­mis­mus bie­tet der Abend kei­nen. Am En­de wird Ubu wie­der im Kas­ten sit­zen, aber oh­ne Schuld­be­wusst­sein, und sein Plä­doy­er hal­ten. Die Ge­schich­te der Mensch­heit, sagt er sinn­ge­mäß, ist kei­ne auf dem Weg zur Ver­nunft. Und: „Das Ge­won­ne­ne kann in ei­nem Li­dschlag ver­lo­ren ge­hen.“

Zwi­schen die­sen bei­den Sze­nen als An­ge­klag­ter liegt der Weg Ubus, Auf­stieg und Fall. An­ge­stif­tet von sei­ner Frau zum Mord an Kö­nig Wen­zel (Wen­zel Ban­ney­er) von Pol­nisch-bal­lo­ni­en beu­tet er an­schlie­ßend gie­rig das Land aus, bis ihn die Ein­mi­schung des rus­si­schen Za­ren zu Fall bringt. Äs­the­tisch kon­se­quent schrill aus­ge­mal­te Sta­tio­nen im Sin­ne Jar­rys zie­hen vor­über. Ge­tra­gen von ei­ner kon­stru­ier­ten Ges­tik und Be­we­gungs­spra­che, bi­zar­ren Ko­s­tü­men (Va­nes­sa Rust) und ei­ner fo­kus­sier­ten Büh­ne (Andre­as Au­er­bach).

Ei­nen „grenz­de­bi­len Eier­tanz“will vor ei­ni­gen Jah­ren ein Kri­ti­ker in ei­ner Bauer­in­sze­nie­rung ge­se­hen ha­ben. Ein ver­nich­ten­des, aber sprach­lich hüb­sches Ur­teil, das man für „Ubu“wie­der in Stel­lung brin­gen kann. Nur mit an­de­ren Vor­zei­chen: Denn der „grenz­de­bi­le Eier­tanz“ge­rät hier schlicht hin­rei­ßend. Groß­ar­tig be­setzt mit Ro­man Ka­no­nik als ge­frä­ßi­ger Bauch­mensch Va­ter Ubu und Ju­lia Preuß als tän­zelnd hin­ter­trie­be­ne Mut­ter Ubu. Wenn man denn im Bild blei­ben will, ge­ben sie den ers­ten Eier­tän­zer und die Eier­tanz-pri­ma­bal­le­ri­na. Über­mü­tig, aber auf den Punkt ge­bracht. Es gibt Schau­spiel­fut­ter, und das glän­zen­de En­sem­ble nutzt es, spielt sich frei oder har­mo­niert in Cho­reo­gra­fi­en. Be­son­ders die wer­den von der Mu­sik (Lei­tung: Da­ni­el Bar­ke) ge­stützt, die sich durch den Abend zieht. Mit auf der Büh­ne steht das Vo­kal-en­sem­ble Voxid als Mit­ver­schwö­rer.

Ubu lässt den Bauch rol­len, der aus dem An­zug schaut. Ma­ma Ubu – mit Turm­fri­sur, schril­ler Stim­me und stak­sen­dem Gang – braucht nicht viel, um den gie­ri­gen Gat­ten zur Tat zu über­re­den. Mit­ver­schwö­rer Bor­du­re (Denis Pet­ko­vic) freut sich tän­zelnd auf sei­nen Auf­stieg. Es sind gro­tes­ke Gestal­ten, die die Büh­ne be­völ­kern, ein­fäl­tig schrul­li­ge Co­mic-we­sen mit über­stei­ger­tem Aus­druck. Ka­ri­ka­tu­ren zwar, gna­den­los über­dreht, aber der psy­cho­lo­gi­sche Kern ih­res An­triebs schim­mert doch sicht­bar durch die Hül­le. Und lässt We­sen er­ken­nen, die nicht ein­fach als bö­se oder psy­cho­pa­thisch ab­zu­tun sind. Die Gier treibt sie, der Ver­stand wird ru­hig ge­stellt, und das Ge­wis­sen ver- schanzt sich schnell hin­ter Schutz­be­haup­tun­gen.

Die Zei­ten ma­chen es der Ins­ze­nie­rung leicht, aus dem über 120 Jah­re al­ten Stoff den Fin­ger­zeig auf ego­ma­ni­sche Zeit­ge­nos­sen ab­zu­lei­ten. Wenn Ubu am Kla­vier sitzt und voll Selbst­mit­leid sei­ne Geg­ner re­pe­ti­tiv als „bö­se, bö­se“be­zeich­net wie ein be­lei­dig­ter Trump. Dras­ti­scher und ein­deu­ti­ger, wenn Ubu mit der Klo­bürs­te über die her­aus­ge­ris­se­nen Ge­set­zes­blät­ter fährt und der un­ab­hän­gi­gen Jus­tiz den To­des­stoß ver­passt. Und wun­der­bar pla­ka­tiv, wenn die Dreh­büh­ne den Blick frei­gibt auf die iro­nisch ge­dop­pel­te Pu­tin-iko­no­gra­fie: Mit nack­tem Ober­kör­per sitzt da der Zar auf dem Mam­mut, ein Rie­sen­lachs auf dem Arm.

Die Dreh­büh­ne wen­det die Sze­ne­rie, als Ubu in den Krieg ge­gen den Za­ren zieht, be­glei­tet von dem auf Krü­cken stak­sen­den Pferd (Max Hu­ba­cher) und Flo­ri­an Stef­fens als Pol­ni­sche Ar­mee auf Pla­teau-schu­hen. Dann mar­schie­ren sie vor­bei an der Rück­wand der Ku­lis­sen, die bald zur Pro­jek­ti­ons­flä­che wird für un­se­re Fern­seh-ge­sell­schaft. Die Be­schul­dig­ten recht­fer­ti­gen sich in ei­ner Tv-show ge­gen­über dem Mo­de­ra­tor, be­ru­fen sich auf Be­feh­le, auf Nicht-wis­sen, auf Mit­läu­fer­tum.

Vom Stumm­film-zitat über die Co­mic­spra­che bis zur heu­ti­gen Me­di­en-hatz, es ge­lingt dem rund zwei­stün­di­gen Abend, dar­aus ein stim­mi­ges, ein zeit­lo­ses Bild zu ent­wer­fen. Ein, bei al­ler Ko­mik und Spiel­freu­de, tris­tes Bild. Schnee hat zu fal­len be­gon­nen, als der Krieg zwi­schen Ubus Po­len und Russ­land be­ginnt. Und es schneit noch im­mer vom Büh­nen­him­mel, als sich das Ge­richt in selt­sam lä­cher­li­chen Fra­gen ver­strickt („War­um sind sie dem Kö­nig auf den Fuß ge­tre­ten?“). Als wei­ge­re es sich ein­zu­se­hen, dass es als In­stru­ment für ei­ne bes­se­re Welt we­nig taugt.

Wei­te­re Auf­füh­run­gen: 3. und 24. Feb., 1. März, 19.30 Uhr, Schau­spiel; Kar­ten: 0341 1268168

Fo­tos (2): Rolf Ar­nold/schau­spiel

In Pa­ra­de­rol­len: Die Ver­schwö­rer Ro­man Ka­no­nik als Va­ter Ubu (vorn l.) und Ju­lia Preuß als Mut­ter Ubu (vorn r.).

Ubus pol­ni­sche Ar­mee setzt sich in Be­we­gung.

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