GE­SCHICKT GE­SCHEI­TERT

Proust-ins­ze­nie­rung im Lofft ist ge­schickt ge­schei­tert

Leipziger Volkszeitung - - KULTUR - VON STEF­FEN GEORGI Von 28. Fe­bru­ar bis 3. März gas­tiert das Stück im Thea­ter im Pum­pen­haus Müns­ter; www.thea­ter-ag­gre­ga­te.de.

Proust-ins­ze­nie­rung im Lofft

Man muss hier mal mit Sta­tis­tik be­gin­nen: Mar­cel Prousts „Auf der Su­che nach der ver­lo­re­nen Zeit“er­schien kom­plett erst­mals 1927 in sie­ben Tei­len, die sich in 15 Ein­zel­bän­de un­ter­glie­der­ten. In de­nen ste­cken et­wa 4000 Sei­ten und an­dert­halb Mil­lio­nen Wör­ter so­wie ein Hand­lungs­zeit­raum von 50 Jah­ren und der Auf­tritt von gut 200 Per­so­nen. Kei­ne Fra­ge: Die­ses Werk ist ein li­te­ra­ri­scher Mo­no­lith. Ein klit­ze­klei­nes Bruch­stück aus die­sem gibt es jetzt im Lofft als dra­ma­ti­sche Auf­be­rei­tung. „Sie könn­ten erst ein­mal so höf­lich sein, mir Gu­ten Tag zu sa­gen!“heißt die Ins­ze­nie­rung (Re­gie: Chris­ti­an Fries). Am Frei­tag war Pre­mie­re.

Na­tür­lich kann so ein Un­ter­fan­gen nur schei­tern, denn die­ser Mo­no­lith ist un­glaub­lich fi­li­gran und de­tail­reich ge­ar­bei­tet; durch­zo­gen mit ei­ner Un­zahl er­zäh­le­ri­scher Adern, die in ih­rer Ge­samt­heit ein Mus­ter er­ge­ben, ei­ne Kom­po­si­ti­on, in der sich Mo­ti­ve auf so sub­ti­le Art ge­gen­sei­tig be­din­gen, dass je­der Ader­lass das Mus­ter zwangs­läu­fig be­schä­digt und ver­armt. Ganz so, als wür­de man aus ei­ner mu­si­ka­lisch kom­ple­xen Kom­po­si­ti­on (und auch das ist Prousts Werk durch­aus) ent­schei­den­de No­ten, Me­lo­die­li­ni­en oder auch Dis­so­nan­zen her­aus­bre­chen, zu­guns­ten des il­lus­trie­ren­den Hum­ta­ta ei­ner sim­plen Aus­sa­ge. Im kon­kre­ten Fall heißt die: Auch um 1900 rum gab es schon je­nes so­zio­lo­gi­sche Phä­no­men, das man heu­te „dis­sen“nennt.

Das nach­zu­wei­sen, hat sich Au­tor, Schau­spie­ler und Re­gis­seur Chris­tan Fries für sei­ne Ad­ap­ti­on auf „Die Welt der Gu­er­man­tes“so­wie „So­dom und Go­mor­ra“ka­pri­ziert. Es sind je­ne Tei­le aus Prousts Werk, die sich da­für un­be­nom­men gut eig­nen, in de­nen sich in den Sa­lons der Ober­schicht ne­ben ge­pfleg­ter Kon­ver­sa­ti­on und dop­pel­bö­di­gem Par­lie­ren auch ein bru­tal kal­ter Zy­nis­mus als eben sa­lon­fä­hig ent­puppt. Hier labt man sich nicht nur am Cham­pa­gner, son­dern auch an den Gif­ten des Res­sen­ti­ments; hier ge­rinnt ein im­ma­nen­ter An­ti­se­mi­tis­mus nicht nur zum Akt des ver­meint­li­chen Pa­trio­tis­mus (es ist die Zeit der Drey­fus-af­fä­re), son­dern, ähn­lich der ge­pfleg­ten Ho­mo­pho­bie, zu ei­ner Fra­ge des Stils.

Die­ser Stil nun ist es, der auch – der Ti­tel ver­rät es – in „Sie könn­ten erst ein­mal so höf­lich sein, mir Gu­ten Tag zu sa­gen!“sei­ne Wir­kung ent­fal­tet. Ei­ne, durch die recht schnell we­ni­ger Prousts sub­ti­le Kom­ple­xi­tät das Mus­ter vor­gibt als viel­mehr je­ne Art lust­voll un­barm­her­zi­gen Se­zie­rens, mit dem einst die Fil­me ei­nes Clau­de Chab­rol der „bes­se­ren Ge­sell­schaft“ins Fleisch schnit­ten.

Dass Fries im Mit­tel­teil sei­ner Ins­ze­nie­rung de­zi­diert mit ki­ne­ma­to­gra­phi­schen Stil­mit­teln ar­bei­tet, mag die­sen Ein­druck ver­stär­ken. Der ent­schei­den­de Knack­punkt ist, dass Fries an­stel­le von Prousts pris­ma­ti­schem Blick ei­ne ka­na­li­sier­te Per­spek­ti­ve setzt. Und das nicht un­ge­schickt.

Soll hei­ßen, dass „Sie könn­ten erst ein­mal so höf­lich sein…“an Proust schei­tert, be­deu­tet nicht, dass die Ins­ze­nie­rung selbst ge­schei­tert ist. Was sich maß­geb­lich auch As­trid Kohl­hoff, Ve­re­na Noll, Stefan Ebe­ling und Da­vid Fi­scher ver­dankt, die im Wech­sel die ver­schie­de­nen Da­men und Her­ren zwi­schen Mü­ßig­gang und Ab­grün­dig­keit ge­ben. Dass nun die dar­stel­le­risch stär­ke­ren Mo­men­te kon­se­quent zu­guns­ten der frag­los hin­rei­ßend auf­spie­len­den Her­ren aus­fal­len, muss man da­bei in­des auch der Re­gie an­krei­den. Dass die Ins­ze­nie­rung ih­ren nüch­tern ei­gen­wil­li­gen, gern mal be­wusst die Zu­schau­er­ge­duld stra­pa­zie­ren­den Reiz hat, al­ler­dings eben­falls.

Fo­to: Chris­ti­an Mod­la

Schnel­ler Fi­gu­ren­wech­sel: die Darstel­ler des Proust-abends.

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