Un­term Mühl­rad

Leipziger Volkszeitung - - KULTUR - VON RAI­NER WA­GNER

G ot­tes Müh­len mah­len (ähn­lich wie der Jus­tiz und der Bü­ro­kra­tie) lang­sam, aber ste­tig. Und die Müh­le am rau­schen­den Bach klap­pert auch noch, falls der Denk­mal­schutz sein wach­sa­mes Au­ge dar­auf ge­hal­ten hat. Nur ist der Herr über die Mühl­rä­der kein Mül­ler mehr, son­dern neu­er­dings ein „Ver­fah­rens­tech­no­lo­ge in der Müh­len- und Fut­ter­mit­tel­wirt­schaft“.

Ganz über­ra­schend ist es nicht, dass nun auch die Be­rufs­be­zeich­nung Mül­ler un­ter die Rä­der ge­kom­men ist. Schließ­lich heißt heu­te je­der Haus­meis­ter Fa­ci­li­ty Ma­na­ger. Und dass Key Ma­na­ger kei­ne Schlüs­sel zäh­len, son­dern Groß­kun­den be­treu­en, hat sich auch her­um­ge­spro­chen. Man muss ja schon dank­bar sein, dass die neue Be­rufs­be­zeich­nung auf Deutsch da­her­kommt. Wer möch­te schon Mas­ter of Gr­ind sein?

Aber was wird nun aus der li­te­ra­ri­schen Über­lie­fe­rung? Das Grimm­sche Mär­chen „Der ar­me Mül­ler­bursch und das Kätz­chen“wird mit lau­ter „Ver­fah­rens­tech­no­lo­gen für...“min­des­tens dop­pelt so lang, aber halb so span­nend. Da gibt es näm­lich nicht nur den al­ten Mül­ler, son­dern gleich drei Mül­ler­bur­schen. Auch der Schluss von „Max und Mo­ritz“ver­liert ent­schei­dend an Schwung, wenn nicht mehr „Meis­ter Mül­lers Fe­der­vieh“die ge­schro­te­ten Bö­se­wich­ter auf­pi­cken.

Wer al­ler­dings das al­te Volks­lied von der Wan­der­lust des Mül­lers in die neue Zeit über­tra­gen kann, der ist reif für die Zu­kunft. Wer „Das Wan­dern ist des Ver­fah­rens­tech­no­lo­gen in der Müh­len­und Fut­ter­mit­tel­wirt­schaft Lust, das Wa­han­dern“schafft, oh­ne sei­ne Zun­ge zu ver­ren­ken, der ist fit für den Sieg beim nächs­ten Poe­try-slam.

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