Vir­tuo­si­tät, Akro­ba­tik und Lei­den­schaft

Liszt-preis­trä­ger To­mo­ki Sa­ka­ta im Men­dels­sohn-saal

Leipziger Volkszeitung - - KULTUR - VON TORS­TEN FI­SCHER

Kaum auf der Büh­ne, flirrt die Luft über dem St­ein­way, und To­mo­ki Sa­ka­ta macht sich Sams­tag­abend oh­ne Um­schwei­fe dar­an, dem Pu­bli­kum im nur mit­tel­präch­tig ge­füll­ten Men­dels­sohn-saal zu de­mons­trie­ren, wel­che Qua­li­tä­ten in ei­nem Liszt-wett­be­werbs­ge­win­ner schlum­mern.

An­fangs je­doch fla­cker­te es im Ad­a­gio von Jo­hann Se­bas­ti­an Bachs Con­cer­to d-moll BWV 974, der Über­tra­gung des Obo­en­kon­zerts sei­nes Zeit­ge­nos­sen Ales­san­dro Mar­cel­lo, eher all­mäh­lich. Ge­schmei­dig tas­te­te sich Sa­ka­ta mit weich in­to­nier­ten Tril­lern und be­hut­sa­mer Dy­na­mik as ba­ro­cke Glanz­stück des Abends her­an: Bachs fünf­te Fran­zö­si­sche Sui­te of­fen­bar­te un­ter den Fin­gern das 1993 ge­bo­re­nen Ja­pa­ners stil­si­cher ein ei­ge­nes Ge­prä­ge. We­nig kann hier die stets in al­le Hö­hen em­por­stre­ben­de Po­ly­pho­nie brem­sen – au­ßer der wun­der­bar sin­nie­ren­de Sa­ra­ban­de, be­vor die wie ei­ne Spiel­uhr auf­ge­zo­ge­ne Gi­gue hin­ter die­ses ba­ro­cke Tas­ten­thea­ter den Schluss­ton setzt.

End­lich kann Sa­ka­ta sei­ne gan­ze pia­nis­ti­sche Spra­che aus­brei­ten und setzt zu­nächst vir­tuo­ses State­ment: Brahms 28 Pa­ga­ni­ni-va­ria­tio­nen. Bei­de Hef­te spielt er von der ers­ten No­te bis zum Schluss. Emo­tio­nen merkt man ihm an, spar­sam je­doch und sehr do­siert. Die gro­ße Ges­te ist sei­ne Sa­che nicht. Sei­nem Brahms kommt dies in­so­fern zu­gu­te, als dass er pein­lich ge­nau auf den me­lo­di­schen Zu­sam­men­halt der Va­ria­tio­nen ach­tet. Nicht nur Kraft und pu­re Vir­tuo­si­tät prä­gen sein pia­nis­ti­sches Vo­ka­bu­lar, auch sein Sinn fürs lo­gi­sche Er­gän­zen me­lo­di­scher Baustei­ne har­mo­niert or­ga­nisch mit den ge­wähl­ten Tem­pi.

Und be­vor man sich’s ver­sieht, ent­facht To­mo­ki Sa­ka­ta im­mer mehr Glut­nes­ter in der Dich­te von Liszts pia­nis­ti­schem Per­pe­tu­um mo­bi­le „Chas­se-nei­ge“, dem „Schnee­trei­ben“aus den Étu­des d’exe­cu­ti­on trans­cen­den­te – irr­lich­tern­de Tech­nik­übun­gen mit aus­drucks­star­ker Sym­bo­lik. Nach der Pau­se ist er voll­ends an­ge­kom­men bei Liszts Höl­len­ritt über die Tas­ten, da kämpft er sich nicht nur in atem­lo­sen Tre­mo­li durch auf­brau­sen­de Schnee­stür­me, ent­facht fein ar­ti­ku­lier­te Irr­lich­ter („Feux-fol­lets“) oder trumpft mas­sig im For­tis­si­mo auf („Eroi­ca“), son­dern wei­tet auch den Blick in die Na­tur mit­tels gut ba­lan­cier­ter Klang­schich­ten („Pay­sa­ge“).

Nach der tem­pe­ra­ment­vol­len Aida­pa­ra­phra­se, spielt sich Sa­ka­ta in der fi­na­len Rh­ap­so­die es­pa­gn­o­le, Liszts Re­mi­nis­zenz an das spa­ni­sche Tem­pe­ra­ment, in ei­nen Rausch, der je­doch mehr tech­nisch als emo­tio­nal über­wäl­tigt, der mehr akro­ba­ti­scher Akt als lei­den­schaft­li­cher Fun­ke ist: Ste­hen­der Ju­bel, aber nicht über al­le Rei­hen hin­weg.

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