Kühl und klug

„Dan­tons Tod“als Hom­mage der Oper Mag­de­burg zu Gott­fried von Ein­ems 100. Ge­burts­tag

Leipziger Volkszeitung - - KULTUR - VON RO­LAND H. DIPPEL

Für die Salz­bur­ger Fest­spie­le muss­te die­se Opern­ur­auf­füh­rung nach dem Zwei­ten Welt­krieg Wen­de und Re­ha­bi­li­tie­rung brin­gen: Das ge­lang mit „Dan­tons Tod“, die der da­mals noch un­be­kann­te Gott­fried von Ei­nem (1918–1996) im un­ter­ge­hen­den „Drit­ten Reich“be­gon­nen hat­te und die im Au­gust 1947 zum Sen­sa­ti­ons­er­folg wur­de. Das en­den­de Macht­du­ell zwi­schen Ro­bes­pierre und Dan­ton kürz­te Bo­ris Bla­cher aus den 29 Sze­nen von Ge­org Büch­ners Dra­ma in ein Text­buch mit sechs Bil­dern in zwei Ak­ten. Der Urauf­füh­rungs­tri­umph ka­ta­pul­tier­te Gott­fried von Ei­nem in die ers­te Rei­he, Auf­trä­ge aus Ham­burg und Wi­en folg­ten. Die Lan­des­büh­nen Sach­sen zei­gen von Ein­ems span­nen­den „Be­such der al­ten Da­me“ab 26. Mai.

Der Ur­sprung von In­ten­dan­tin Ka­ren Sto­nes Idee ei­ner Pro­duk­ti­on von „Dan­tons Tod“an der Oper Mag­de­burg ist klar. Wäh­rend ih­rer Zeit als Spiel­lei­te­rin an der Baye­ri­schen Staats­oper Mün­chen war dort die hoch­ge­rühm­te his­to­ri­sie­ren­de Ins­ze­nie­rung von Jo­han­nes Schaaf auf im Re­per­toire. Von die­ser un­ter­schei­det sich die in ei­ne sti­li­sier­te Ge­gen­wart ver­leg­te Mag­de­bur­ger Les­art deut­lich. Dort rückt Sto­ne in ih­rer Re­gie die dif­fe­ren­zie­ren­de Darstel­lung der po­li­ti­schen Geg­ner Dan­tons und Ro­bes­pierre ins Zen­trum. Da­mit agiert sie im Sinn von Ein­ems, der noch vor der Urauf­füh­rung ei­ner Schwarz-weiß-kon­tras­tie­rung wi­der­sprach. Aber vor al­lem öff­net sie die Büh­nen­flä­che für den von Mar­tin Wa­gner aus­ge­zeich­net vor­be­rei­te­ten und bril­lant agie­ren­den Chor: Die Ori­en­tie­rungs­lo­sig­keit der Mas­sen und den Blut­rausch in der wu­chern­den Ter­ror­zo­ne formt der Cho­reo­graph Da­vid Wil­li­ams als Kör­per­ge­misch und struk­tu­rier­tes Cha­os.

Doch bis zur Hin­rich­tung, wenn Strö­me von Blut über die Schrift­zü­ge „Ega­lité! Fra­ter­nité! Li­ber­té!“flie­ßen, blei­ben Sto­nes kul­ti­vier­te Bil­der merk­lich kühl. Nicht ein­deu­tig wird, ob sie sich zu sehr auf die über­wäl­ti­gen­de Aus­stat­tung ver­lässt, oder ob die­se Zu­rück­hal­tung ei­ne Po­si­tio­nie­rung be­deu­tet, um die Ma­ni­pu­lier­bar­keit der Mas­sen mit ste­ri­len In­te­ri­eurs zu zei­gen. Das ex­pres­si­ve Po­ten­zi­al des Gast­ba­ri­tons Pe­ter Bor­ding reizt nach sei­ner Ver­tei­di­gungs­re­de um­so kräf­ti­ger zum spon­ta­nen Sze­nen­ap­plaus.

Mu­si­ka­lisch be­rei­tet die­se Opern­mo­der­ne aus dem Jahr 1947 heu­te kei­ner­lei An­stren­gun­gen, was nicht vor der An­for­de­rung des ge­nau­en Hö­rens schüt­zen darf. Denn si­cher hat Gott­fried von Ei­nem die Lie­be des Paa­res Ca­mil­le Des­mou­lins (Amar Mucha­la) und Lu­cil­le (Noa Da­non mit ly­risch-ver­zweif­lungs­vol­lem So­lo am schmer­zend bit­te­ren En­de) als Kon­trast zu den Schreck­nis­sen ge­setzt. Die­se Ge­füh­le sind fast scheu ver­steckt un­ter ei­nem schil­lern­den Orches­ter­satz, in dem der von Schil­ler be­schwo­re­ne „ver­häng­nis­vol­le Kreis­lauf der Ge­schich­te“eben­so wühlt und ru­mort wie Büch­ners der Par­ti­tur vor­an­ge­stell­te be­rühm­te Fra­ge nach dem, „was in uns lügt, stiehlt, mor­det“. Von zeit­lo­ser Be­deu­tung ist der Kon­trast zwi­schen Dan­tons vi­ta­ler Rhe­to­rik und der lei­se­sug­ges­ti­ven Elo­quenz Ro­bes­pierres, den der Te­nor Stephen Chaun­dy per­fekt mo­del­liert.

Wie vor­bild­haft ist die­ser Mag­de­bur­ger Kraft­akt? Die vom Na­tio­nal­so­zia­lis­mus in die Nach­kriegs­zeit rei­chen­de Ent­ste­hung von „Dan­tons Tod“wi­der­setzt sich noch im­mer der ethi­schen Wer­tung des in von Ein­ems Oper stark ver­knapp­ten Su­jets. Die von ihm in den Vor­der­grund ge­stell­te Po­li­tik als Lei­den­schaft bleibt am­bi­va­lent. Auf al­le Fäl­le ist „Dan­tons Tod“ein ech­tes Opern­dra­ma über Mas­sen, die ih­re ei­ge­ne Ma­ni­pu­lier­bar­keit igno­rie­ren.

Ge­ne­ral­mu­sik­di­rek­tor Kim­bo Is­hii und die Mag­de­bur­gi­sche Phil­har­mo­nie re­ak­ti­vie­ren das mit die­ser Par­ti­tur mög­li­che Be­geis­te­rungs­po­ten­zi­al. Hoch­span­nung und star­ke Bil­der sind in Mag­de­burg ga­ran­tiert, doch mit die­sem gran­dio­sen So­lis­tenen­sem­ble wä­re weit­aus mehr Emo­ti­on mög­lich und viel­leicht so­gar nö­tig. Auf­füh­run­gen: 11., 24. Fe­bru­ar, 2. März, 2. April. Kar­ten und In­fos un­ter Tel 0391 40; www.thea­ter-mag­de­burg.de

Fo­to: Kirs­ten Ni­jhof

Dan­tons En­de un­ter der Guil­lo­ti­ne.

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