Darm­spie­ge­lung mit Kopf­mas­sa­ge

13 Acts wid­me­ten sich am tra­di­tio­nel­len Co­ver-wo­che­n­en­de im Il­ses Eri­ka der Band Ra­dio­head

Leipziger Volkszeitung - - SZENE LEIPZIG - VON BEN­JA­MIN HEI­NE

Kraft­werk, Oa­sis, Ri­han­na und U2 – ein­mal im Jahr wid­men sich im Il­ses Eri­ka Pro­fis, Halb­pro­fis und ge­nia­le Di­let­tan­ten den ganz Gro­ßen des Pop am nun schon tra­di­tio­nel­len Co­ver-wo­che­n­en­de im Ja­nu­ar. Dies­mal ging es am Frei­tag und Sams­tag um die bri­ti­sche Band Ra­dio­head, al­so je­ne Al­ter­na­ti­ve-art-prog-ro­cker, die ei­ner je­ner al­ten, wei­sen Män­ner, die tag­ein tag­aus oh­ne Son­nen­licht in Leip­zigs Un­ter­ta­ge­kul­tur ma­lo­chen, einst als „Darm­spie­ge­lung des Pop“be­zeich­ne­te. „Man be­geg­net ih­nen mit Re­spekt, aber wer sie mag, ist ein biss­chen ma­so­chis­tisch ver­an­lagt“, heißt es wei­ter in des­sen Schrif­ten. Und so ist das dies­jäh­ri­ge Co­ver-wo­che­n­en­de auch deut­lich erns­ter als sonst, stre­cken­wei­se re­gel­recht kramp­fig. Aber nicht nur.

Be­vor es am Frei­tag los­geht, na­tür­lich freu­di­ge Auf­re­gung an der Bar und vor der Büh­ne. Die ei­nen er­in­nern sich an ih­re letz­ten Ra­dio­head-kon­zer­te, die an­de­ren brau­chen Schnaps, weil vorm an­ste­hen­den Gi­tar­ren­so­lo die Hän­de zit­tern. Was ein Pro­blem der Aben­de be­reits vor­weg­nimmt: Ra­dio­head-stü­cke sind so aus­ge­fuchst, dass die meis­ten der Nun-mal­nicht-ganz-pro­fis auf der Büh­ne sehr kon­zen­triert sein müs­sen, was der Lo­cker­heit nicht un­be­dingt zu­träg­lich ist. Den Reiz der Ver­an­stal­tung mach­te ja in der Ver­gan­gen­heit aus, dass ver­schie­dens­te Bands ihr ei­ge­nes Ding aus den zu co­vern­den Songs ma­chen – dies­mal sind die meis­ten Bands schon froh, wenn sie die Ori­gi­na­le ei­ni­ger­ma­ßen hin­be­kom­men. Und dass die­se Ori­gi­na­le eben kei­ne PopHits sind, die fern­ab von per­sön­li­chem Ge­schmack ins kol­lek­ti­ve Ge­dächt­nis ein­ge­gan­gen sind, hilft auch nicht un­be­dingt, die Ver­an­stal­tung auch für Nicht-fans in­ter­es­sant zu ma­chen. Und so ge­lingt dies­mal nur drei der 13 Bands ge­nau das: Das zu co­vern­de Ma­te­ri­al in ei­ge­ne Mu­sik zu ver­wan­deln (statt sich in Kopf­stim­men­ge­jam­mer und har­ten Gi­tar­ren zu ver­lie­ren), so dass nicht nur die hier ja eh se­li­gen Ra­dio­head-fans be­geis­tert sind.

In dem schma­len Strei­fen Luft zwi­schen den Köp­fen des Pu­bli­kums und der Zim­mer­de­cke ist am ers­ten Abend ir­gend­wann die Schne­cke ei­nes Kon­tra­bas­ses zu se­hen. Er­fah­re­ne Co­ver-nach­tGän­ger wis­sen so­fort, was das be­deu­tet: Las Maña­ni­tas, das High­light ei­nes je­den Jahr­gangs. Und nein, sie las­sen sich auch dies­mal nicht lum­pen. Mit Man­do­li­ne, Me­lo­di­ca, Kon­tra­bass, Gi­tar­re und kün­di­gen sie sich als „ei­ne ru­hi­ge Kaun­tri-bänd“an und ga­lop­pie­ren los. „How to Disap­pe­ar Com­ple­te­ly“spie­len sie, und tat­säch­lich las­sen sie das Schwe­re und Be­deu­tungs­schwan­ge­re der Ori­gi­nal­mu­sik re­gel­recht ver­schwin­den. In „Kar­ma Po­li­ce“macht Ra­dio­head so­gar rich­tig Spaß. Wer hät­te das für mög­lich ge­hal­ten? Las Maña­ni­tas zie­hen dann so­gar „Creep“übers Wasch­brett, nie war der Song „so fucking spe­cial“. Kur­ze Pau­se zum Pfer­de­füt­tern.

Da­nach auf die Büh­ne zu müs­sen, wür­de ver­mut­lich fast je­den über­for­dern, nicht aber Ele­phants on Ta­pe, „ei­ne Band auch im rich­ti­gen Le­ben.“At­mo­sphä­ri­sche Gi­tar­re, Schlag­zeug­bas­tel­ar­bei­ten und der ge­hauch­te, elek­tro­nisch ver­frem­de­te Ge­sang von Li­sa Zwinz­scher klin­gen nach post­in­dus­tri­el­ler Leich­tig­keit, nach rum­pel­frei­em Fri­ckel-pop, zu dem man tan­zen kann, aber eben nicht muss. Ir­gend­wann ist Mar­kus Roms herr­lich tür­ki­se Gi­tar­re plötz­lich matt­schwarz und klingt auch so. Mo­de­ra­tor Chris­ti­an Feist eilt ge­plät­tet auf die Büh­ne: „Das Wort traum­haft wur­de für euch er­fun­den!“Gut mög­lich.

Aber min­des­tens auch für An­na Hauss. Denn was die wie Ele­phants on Ta­pe in der jun­gen Jazz­sze­ne der Stadt ver­wur­zel­te Sän­ge­rin am Sams­tag­abend auf die Büh­ne bringt, hat es in der Il­se noch nicht ge­ge­ben. Denn An­na Hauss singt „No Sur­pri­ses“(sie hat al­so auch Hu­mor) so groß und ru­hig und er­ha­ben, als sei er von Ni­na Si­mo­ne. Ro­bert Wi­en­rö­ders Kla­vier­schlag­zeug spiel ver­sucht gar nicht erst, un­ter die­ser Mess­lat­te zu blei­ben. Für „Pa­ra­no­id An­dro­id“schraubt Fa­bix ganz ru­hig die E-gi­tar­re da­zu. Wor­aus Hauss’ Kleid ge­macht ist, er­kennt man im Dun­keln nicht, ih­re Stim­me aber ist zwei­fels­frei aus Samt. Mit der Zei­le „Why don’t you re­mem­ber my na­me?“bricht das Trio zu Ge­wal­ti­gem auf, dass man Mit­leid mit dem auf sei­nen X-bei­nen zit­tern­den Sta­ge-pia­no be­kommt. Dem Pu­bli­kum platzt das Woohoo nur so raus. Ei­ne spon­ta­ne Um­fra­ge wür­de die Il­se si­cher in „An­nas Eri­ka“um­be­nen­nen. Denn wenn Ra­dio­head die „Darm­spie­ge­lung des Pop“ist, dann ist das hier das gan­ze Ge­gen­teil da­zu, ei­ne mu­si­ka­li­sche Kopf­mas­sa­ge. Wä­re man ei­ne Kat­ze, wür­de man schnur­ren.

Und die Moral von der Ge­schicht? Ex­pe­ri­men­tal-avant­gar­de taugt zum Co­vern nicht un­be­dingt. Das ha­ben auch die Ma­cher der Il­se er­kannt und für 2019 wie­der ei­ne Band aus­ge­sucht, die zur Hul­di­gung ge­nau­so taugt wie zum Durch-den-ka­kao-zie­hen: In den 60ern hat sie an­ge­fan­gen, sich erst dem Pro­gres­si­ve Rock ge­wid­met, nach ei­nem Sän­ger­wech­sel dann dem Über-pop. Sie und die So­lo­pro­jek­te der Sän­ger ste­hen al­so nächs­tes Jahr im Mit­tel­punkt. Wer jetzt denkt: Mensch, ich komm nicht drauf, aber „I can feel it“schon und zwar „in the Air to­night“, liegt rich­tig. Das Pu­bli­kum am Sams­tag ist bei der Ver­kün­dung erst­mal ge­schockt, bricht dann aber in Ju­bel aus. So muss es sein.

Fo­tos: Chris­ti­an Mod­la

Die Co­ver-ex­per­ten vom Sams­tag (l. o. im Uhr­zei­ger­sinn: Las Maña­ni­tas, Wheat­ley, Mo­de­ra­tor Chris, Ele­phants on Ta­pe und Guc­ci Litt­le Pig­gy.

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