Kor­rupt bis auf die Kno­chen

„Wut“ist ein in je­der Hin­sicht un­ge­wöhn­lich fins­te­rer Po­li­zei­thril­ler

Leipziger Volkszeitung - - MEDIEN - VON TILMANN P. GANGLOFF

Düs­ter sind sie im­mer, die Ge­schich­ten, die Mar­tin Am­brosch (Buch) und Andre­as Pro­chas­ka (Re­gie) seit 2011 über den ver­schlos­se­nen Wie­ner Kri­mi­nal­psy­cho­lo­gen Richard Brock (Hei­no Ferch) er­zäh­len. Aber „Wut“, die sieb­te Epi­so­de, ist der­art fins­ter, dass an­schlie­ßend für al­le Be­tei­lig­ten nichts mehr wie vor­her ist. Und das nicht al­lein des­halb, weil die meis­ten tot und al­le an­de­ren zu­tiefst ver­letzt sind, an Leib oder See­le oder bei­dem. Bis auf ei­nen al­ler­dings; und das ist viel­leicht der größ­te Schock.

„Wut“be­ginnt auf ei­ne Wei­se, die ty­pisch ist für die­sen Film. Im Grun­de pas­siert nur we­nig, aber das auf ei­ne höchst in­ten­si­ve Wei­se: Man­fred Rei­ser (To­bi­as Mo­ret­ti) trau­ert um sei­nen Sohn, greift zur Waf­fe, stellt die bei­den Män­ner, die in sein Haus ein­drin­gen, und ver­schwin­det. Spä­ter stellt sich raus: Sämt­li­che Be­tei­lig­ten, der Va­ter wie die Ein­dring­lin­ge, sind Po­li­zis­ten und Nach­barn. Brock ahnt früh, war­um die bei­den Män­ner ih­ren Kol­le­gen, der an­geb­lich sei­nen Sohn er­schla­gen hat, re­gel­recht zur Stre­cke brin­gen wol­len. Tat­säch­lich scheint es die hal­be Po­li­zei von Wi­en auf Rei­ser ab­ge­se­hen zu ha­ben. Mu­tig be­gibt sich Brock zwi­schen die Fron­ten, weil auch sei­ne Toch­ter Pe­tra (Sabrina Rei­ter) von den Er­eig­nis­sen be­trof­fen ist. Der Film lässt kei­nen Zwei­fel dar­an, dass der Psych­ia­ter die­sen Mut teu­er be­zah­len wird.

Die Fins­ter­nis der Hand­lung spie­gelt sich auch in der Bild­ge­stal­tung so­wie der be­tont farb­lo­sen Aus­stat­tung wi­der: Vie­le Pas­sa­gen von „Wut“spie­len im Dun­keln, ei­ni­ge so­gar buch­stäb­lich bei Nacht und Ne­bel. Die her­aus­ra­gen­de Bild­ge­stal­tung be­sorg­te wie in al­len Fil­men der Rei­he Da­vid Sla­ma. Ge­ra­de sein Um­gang mit Licht und Schat­ten ist gro­ße Ka­merakunst. Oft sind die Be­tei­lig­ten nur sche­men­haft zu er­ken­nen, wes­halb nicht im­mer klar aus­zu­ma­chen ist, wer die we­ni­gen Gu­ten und wer die Bö­sen sind. Auch das ist Teil des Kon­zepts: Die Po­li­zei ist bis auf die Kno­chen kor­rupt, wie es ein­mal heißt. Der Ein­zi­ge, dem Brock noch traut, ist Kom­mis­sar Me­sek (Ju­er­gen Mau­rer), der ihn auch dies­mal wie­der – „Wir ha­ben hier ei­ne Si­tua­ti­on“– um Hil­fe bit­tet, weil Rei­ser ver­sucht hat, den Psych­ia­ter an­zu­ru­fen. Clou der Ge­schich­te ist je­doch die An­knüp­fung an den Rei­hen­auf­takt aus dem Jahr 2011. Da­mals hat­te Pe­tra das Trau­ma er­lit­ten, das sie nun wie­der ein­holt. Brock hat­te ei­nen lei­ten­den Be­am­ten (Er­win St­ein­hau­er) hin­ter Git­ter ge­bracht, der ihm nun bei ei­nem Be­such im Ge­fäng­nis klar­macht, dass er kei­ne Chan­ce hat: weil er al­lein ge­gen al­le steht.

Es gibt ein paar Mo­men­te der Ent­span­nung, wenn sich Brock von sei­nem mitt­ler­wei­le zum Ta­xi­fah­rer um­ge­schul­ten frü­he­ren Kaf­fee­haus­wirt Tau­ber (Ger­hard Lieb­mann) durch die Stadt kut­schie­ren lässt und sie nach Fei­er­abend auch mal ge­mein­sam ei­nen Jo­int rau­chen. In die­sem Au­gen­blick, als Pro­chas­ka den bei­den so­gar ei­ne hei­me­li­ge Licht­in­sel gönnt,

„Spu­ren des Bö­sen – Wut“| ZDF Mit Hei­no Ferch Heu­te, 20.15 Uhr ★★★★★

könn­te sich der ver­schlos­se­ne Psych­ia­ter ein biss­chen öff­nen, aber Hei­no Ferch ver­mit­telt nicht nur mi­misch, son­dern auch kör­per­sprach­lich, dass Brock die Red­se­lig­keit Tau­bers eher läs­tig ist.

Um­so un­ge­wöhn­li­cher sind die ver­schie­de­nen Kurz­re­fe­ra­te, die der sonst so wort­kar­ge Brock mehr­mals hält, um un­ter an­de­rem sei­ner Toch­ter zu er­klä­ren, dass sie ei­ne ve­ri­ta­ble Pa­nik­at­ta­cke er­lit­ten hat. Aber ei­gent­lich hält er die­sen Vor­trag sich selbst: weil ihn Pe­tras Er­leb­nis auf die ei­gent­li­che Spur bringt. Die Rol­le des Schwei­gers kommt dies­mal To­bi­as Mo­ret­ti zu, der in den ers­ten zwei Drit­teln des Films prak­tisch kei­nen Dia­log hat. Zu­nächst gilt das In­ter­es­se der Jä­ger nur Rei­ser, der als Be­zirks­in­spek­tor das be­tuch­te Vier­tel, in dem die be­tei­lig­ten Po­li­zis­ten über ih­re Ver­hält­nis­se le­ben, wie sei­ne Wes­ten­ta­sche kennt; aber dann ge­rät Brock ins Vi­sier der Jä­ger. Am­brosch und Pro­chas­ka ist mit „Wut“auch dank der elek­tro­ni­schen Mu­sik (Mat­thi­as We­ber) ein fes­seln­der Po­li­zei­film ge­lun­gen, der die oh­ne­hin her­aus­ra­gen­de Rei­he noch mal auf ein hö­he­res Ni­veau hebt.

Fo­to: ZDF

Ver­trau­te in ei­ner feind­li­chen Welt: Ger­hard Me­sek (Ju­er­gen Mau­rer, l.) fin­det Richard Brock (Hei­no Ferch, r.). Ist er ver­letzt?

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