Bür­ger­ent­scheid vor zehn Jah­ren wirkt bis heu­te

April-netz­werk dis­ku­tiert über un­ge­ahn­te Fol­gen

Leipziger Volkszeitung - - LEIPZIG - VON JENS RO­METSCH

An der Wand im fünf­ten Stock des Volks­hau­ses hin­gen an die­sem Wo­che­n­en­de noch mal ei­ni­ge gro­ße Pla­ka­te, mit de­ren Hil­fe vor zehn Jah­ren ein klei­nes Wun­der voll­bracht wur­de. „Ich stim­me mit Ja!“stand über den Fo­tos von Leip­zi­gern, die zur Teil­nah­me am bis­her ein­zi­gen, er­folg­rei­chen Bür­ger­ent­scheid in der Mes­se­stadt auf­ge­ru­fen hat­ten. Beim Wahl­ter­min – dem 27. Ja­nu­ar 2008 – war das „JA“in „Ja­nu­ar“ex­tra dick her­vor­ge­ho­ben, er­zählt Ver­di-be­zirks­che­fin Ines Ku­che: „Wir hat­ten uns näch­te­lang die Köp­fe zer­mar­tert, wie sich die Fra­ge so for­mu­lie­ren lässt, dass man sie mit ei­nem schö­nen, kla­ren Ja be­ant­wor­ten kann“, sag­te sie.

Vor zehn Jah­ren ging es haupt­säch­lich dar­um, ob Leip­zig fast die Hälf­te der kom­mu­na­len Stadt­wer­ke an den Ener­gie­rie­sen Gaz de Fran­ce ver­kauft – zum mär­chen­haf­ten Preis von 520 Mil­lio­nen Eu­ro. Doch das soll­te nur der An­fang ei­ner gan­zen Pri­va­ti­sie­rungs­wel­le sein, er­in­ner­te Wolf­gang Fran­ke, der mit Hen­ner Kot­te, Mi­ke Nag­ler, Attac-ak­ti­vis­ten, Ge­werk­schaf­tern, Grü­nen und Lin­ken zu den Initia­to­ren des April-netz­wer­kes für den Bür­ger­ent­scheid ge­hör­te. Mehr als 170000 Leip­zi­ger (41 Pro­zent der Wahl­be­rech­tig­ten) nutz­ten am 27. Ja­nu­ar 2008 ihr Recht zur Mit­be­stim­mung. Da­von stimm­ten 148761 mit Ja – al­so für ein Pri­va­ti­sie­rungs­ver­bot in den Fir­men der kom­mu­na­len Da­seins­vor­sor­ge. Ex­akt 20 503 stimm­ten mit Nein.

Wa­ren zu­vor so­wohl Ober­bür­ger­meis­ter Burk­hard Jung (SPD) als auch die Mehr­heit im Stadt­rat ge­gen den Bür­ger­ent­scheid, so än­der­te sich das bald durch das Vo­tum der Ein­woh­ner, er­gänz­te Nag­ler. 2011 ha­be der Stadt­rat be­schlos­sen, sich auf un­be­stimm­te Zeit an das Er­geb­nis der Ab­stim­mung zu bin­den. „Bis heu­te trägt nicht mal mehr die FDP of­fen For­de­run­gen vor, das Kli­ni­kum St. Ge­org, die Was­ser­wer­ke, Stadt­wer­ke, Ver­kehrs­be­trie­be, die Woh­nungs­bau­ge­sell­schaft oder die Stadt­rei­ni­gung zu pri­va­ti­sie­ren.“

Der Ent­scheid ha­be ei­ne brei­te So­li­da­ri­sie­rung un­ter den 4700 Mit­ar­bei­tern im Stadt­kon­zern LVV aus­ge­löst und er­heb­lich „zu ei­ner de­mo­kra­ti­sche­ren Un­ter­neh­mens­kul­tur bei­ge­tra­gen“, sag­te Kon­zern-be­triebs­rats­vor­sit­zen­der Jens Herr­mann-kam­bach. „Die Kol­le­gen fühl­ten sich durch das Be­kennt­nis der Bür­ger zu ih­ren kom­mu­na­len Un­ter­neh­men in ei­ner Art wert­ge­schätzt, wie sie es zu­vor nicht kann­ten.“Auch des­halb ste­he die LVV heu­te wirt­schaft­lich sehr er­folg­reich da.

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