Der Größ­te al­ler Zei­ten

Ro­ger Fe­de­rer knackt die ma­gi­sche Zahl: Bei den Aus­tra­li­an Open ge­winnt der Schwei­zer sei­nen 20. Grand-slam-ti­tel. Und er hat noch nicht ge­nug.

Leipziger Volkszeitung - - SPORT - VON PE­TRA PHIL­IPP­SEN

MEL­BOURNE. Und dann über­mann­te es ihn doch. Ro­ger Fe­de­rer hat­te sich tap­fer be­müht, bei sei­ner Sie­ger­re­de al­len zu dan­ken, die ihn auf sei­nem lan­gen Weg zu die­sem ma­gi­schen 20. Grand-slam-ti­tel be­glei­tet hat­ten. Doch sei­ne Stim­me kipp­te be­reits beim Dank an sei­ne Fans. Und als er dann auch noch hin­über zu sei­ner Box blick­te, in der sei­ne Frau Mir­ka, sei­ne El­tern und sei­ne Trai­ner sa­ßen, er­stick­te sei­ne Stim­me end­gül­tig, die Trä­nen ström­ten Fe­de­rer übers Ge­sicht – und woll­ten nicht mehr auf­hö­ren. Mi­nu­ten­lan­ger to­sen­der Ju­bel don­ner­te von den Rän­gen der Rod-la­ver-are­na, der sich wie ei­ne war­me, trös­ten­de De­cke um den Schwei­zer schmieg­te. Es wirk­te: Fe­de­rer schaff­te in­mit­ten sei­ner Trä­nen ein Lä­cheln und wink­te mit dem sil­ber­nen Chal­len­ge Cup in die Men­ge. „Ich bin so glück­lich und so un­glaub­lich er­leich­tert“, sag­te er. „Es ist ein Traum, und das Mär­chen geht wei­ter.“

Nach ei­nem fu­rio­sen Start des Schwei­zers war es zu­vor noch ein Fünf­satz­fi­na­le ge­wor­den, das Fe­de­rer nach drei St­un­den „am En­de auch et­was glück­lich“, wie er sag­te, mit 6:2, 6:7, 6:3, 3:6 und 6:1 ge­gen Ma­rin Ci­lic (Kroa­ti­en) ge­wann.

Dass sich Ti­tel­ver­tei­di­ger Fe­de­rer nach ei­nem mehr als sou­ve­rän be­wäl­tig­ten Tur­nier als gro­ßer Fa­vo­rit in sei­nem 30. Grand-slam-end­spiel doch so schwertat, hat­te ei­nen er­staun­li­chen Grund. „Ich bin rich­tig ner­vös ge­wor­den“, ge­stand Fe­de­rer spä­ter ein. „Ich ha­be den gan­zen Tag und das gan­ze Match über dar­an ge­dacht: Was pas­siert, wenn ich die 20 ge­win­ne? Was pas­siert, wenn nicht? Mei­ne Ge­dan­ken wa­ren über­all, ich bin fast ver­rückt ge­wor­den.“Und so über­nahm der Kroa­te im vier­ten Satz die Kon­trol­le und schien auf bes­tem We­ge zu sei­nem zwei­ten Ma­jor-ti­tel zu sein. Doch Fe­de­rer fass­te sich, brach­te sei­ne schwa­che ers­te Auf­schlag­quo­te wie­der nach oben und voll­streck­te. „Ich ha­be mir am Schluss nur noch vor­ge­be­tet: Ver­mas­sel es jetzt bloß nicht!“, er­zähl­te Fe­de­rer. „Und des­halb war ich auch so er­leich­tert und bin bei der Re­de zu­sam­men­ge­bro­chen.“Dass ihm auch die­ser Sieg noch so viel be­deu­tet, ist viel­leicht das Be­son­de­re, das Ro­ger Fe­de­rer und sei­ne au­ßer­ge­wöhn­li­che Ten­nis­kar­rie­re aus­macht. Er ist 36 Jah­re alt, hat 96 Ti­tel und fast 100 Mil­lio­nen Eu­ro Preis­geld ge­won­nen. Be­wei­sen muss er nichts mehr. Und doch hat­te es Fe­de­rer vor ei­nem Jahr bei den Aus­tra­li­an Open, vier Jah­re nach sei­nem letz­ten Grand-slam-ti­tel, nach sechs­mo­na­ti­ger Ver­let­zungs­pau­se noch­mals al­len ge­zeigt.

Ei­ne wei­te­re Ma­jor-tro­phäe woll­te er vor sei­nem Ab­schied noch ge­win­nen, das war da­mals sein gro­ßer Wunsch. Und da­für hat er ge­schuf­tet, sich ge­quält, ob­wohl er es gar nicht mehr muss­te. Doch er woll­te es, weil er die­sen Sport liebt. Dann ge­wann er im An­schluss im ver­gan­ge­nen Som­mer auch noch in Wim­ble­don und nun zum sechs­ten Mal in Mel­bourne. Die 20 ist per­fekt. Und war­um soll­te mit ihr Schluss sein? „Ich ge­nie­ße das Trai­ning, ich lie­be das Rei­sen, ich spie­le nicht mehr je­des Tur­nier und ich ha­be ein tol­les Team um mich. Es funk­tio­niert ein­fach für mich“, sag­te Fe­de­rer.

Jah­re­lang hielt Pe­te Sam­pras mit 14 Grand-slam-ti­teln den ma­gi­schen Re­kord, den zu­vor Roy Emer­son fast 20 Jah­re mit zwölf in­ne­hat­te. 20 Ti­tel zu schaf­fen, das schien für vie­le Ge­ne­ra­tio­nen uto­pisch. Doch dann kam Fe­de­rer. Bei den Frau­en wur­de die­se Schall­mau­er in der Open Era seit 1968 von St­ef­fi Graf (22) und zu­letzt Se­re­na Wil­li­ams (23) durch­bro­chen. Wie Wil­li­ams do­mi­nier­te Fe­de­rer ei­ne Ära und scheint nun mit 36 Jah­ren fit­ter zu sein als sei­ne viel jün­ge­re Kon­kur­renz. Sei­ne ärgs­ten Ver­fol­ger Ra­fa­el Na­dal und No­vak Djo­ko­vic lie­gen mit 16 und zwölf Ma­jor-sie­gen hin­ter ihm und kämpf­ten in Mel­bourne mit Ver­let­zun­gen, wie auch An­dy Mur­ray, der sich an der Hüf­te ope­rie­ren las­sen muss­te. „Ich ha­be jetzt drei Grand Slams in zwölf Mo­na­ten ge­won­nen, das ist un­glaub­lich“, sag­te der Schwei­zer. „Wenn ich mei­ne Prio­ri­tä­ten rich­tig set­ze und hung­rig blei­be, dann kann noch viel Gu­tes für mich pas­sie­ren.“Die 20 ist al­so wohl noch nicht der Schluss­akt für Ro­ger Fe­de­rer ge­we­sen.

Mei­ne Ge­dan­ken wa­ren über­all, ich bin fast ver­rückt ge­wor­den. Ro­ger Fe­de­rer über sei­ne Schwie­rig­kei­ten im Fi­na­le

Fo­to: dpa

„Wenn ich mei­ne Prio­ri­tä­ten rich­tig set­ze und hung­rig blei­be, dann kann noch viel Gu­tes für mich pas­sie­ren“: Ro­ger Fe­de­rer denkt nicht ans Auf­hö­ren.

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In­ni­ge Be­zie­hung: Fe­de­rer und die Sie­ger­tro­phäe der Aus­tra­li­an Open.

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