„Dok­tor Schi­wa­go“Leip­zig tri­um­phiert in

Deut­sche Erst­auf­füh­rung: „Dok­tor Schi­wa­go“tri­um­phiert an Leip­zigs Mu­si­ka­li­scher Ko­mö­die

Leipziger Volkszeitung - - ERSTE SEITE - VON PE­TER KORFMACHER

In der Mu­si­ka­li­schen Ko­mö­die Leip­zig fei­er­te am Sams­tag­abend Lu­cy Si­mons und Micha­el Wel­lers Mu­si­cal „Dok­tor Schi­wa­go“mit ei­nem Tri­umph sei­ne deut­sche Erst­auf­füh­rung. Die zu Trä­nen rüh­ren­de Ge­schich­te zwi­schen dem dich­ten­den Arzt Ju­rij Schi­wa­go und La­ris­sa (Li­sa Ha­ber­mann, Fo­to) in den Wir­ren des rus­si­schen Bür­ger­kriegs wur­de von Cusch Jung be­rüh­rend und bild­ge­wal­tig in Sze­ne ge­setzt. In der lau­fen­den Sai­son ste­hen noch zehn Vor­stel­lun­gen an – die meis­ten sind be­reits aus­ver­kauft.

Kurz vor dem Fi­na­le klir­ren im Gr­a­ben die Ket­ten. Auf der Büh­ne we­hen ro­te Fah­nen, die Re­vo­lu­ti­on hat ge­siegt – und die 1943 in New York ge­bo­re­ne Kom­po­nis­tin Lu­cy Si­mon, de­ren Mu­si­cal „Dok­tor Schi­wa­go“am Sams­tag­abend in der Mu­si­ka­li­schen Ko­mö­die tri­um­pha­le deut­sche Erst­auf­füh­rung er­leb­te, zeigt, wo das hin­führt: In ein To­ten­haus. Die­ser Janácek-oper hat sie die Ket­ten ent­nom­men und da­mit noch be­tont, dass sie für „Dok­tor Schi­wa­go“am ganz gro­ßen Opern­rad dreht.

Tat­säch­lich er­hebt sich ih­re Par­ti­tur weit über die Stan­gen­wa­re. Sie ist sin­fo­nisch durch­ge­führt bis durch­kom­po­niert, mit kom­ple­xen En­sem­bles, kunst­vol­len ChorTa­bleaus, sub­ti­len Me­lo­dra­men, über­dies ex­zel­lent in­stru­men­tiert und dar­um beim Mu­ko-orches­ter un­ter der Lei­tung Christoph-jo­han­nes Eich­horns trotz die­ser oder je­ner Un­schär­fe im Zu­sam­men­spiel in gu­ten Hän­den. Und doch bleibt ein et­was scha­les Ge­fühl zu­rück. Denn die Sub­stanz, aus der Si­mon die­se mu­sik­thea­tra­li­sche Schlach­te­plat­te an­rich­tet, ist bei Lich­te be­se­hen recht dünn.

Die bes­te Me­lo­die des Abends ist nicht von ihr, son­dern das un­sterb­li­che „La­ra’s The­me“aus Mau­rice Jar­res Mu­sik zu Da­vid Le­ans Lein­wand-opus von 1965. Die zweit­bes­te ist das Lie­bes­the­ma Ju­ri­js und La­ras. Wir be­geg­nen ihr zum ers­ten Ma­le im ers­ten Akt, wenn die bei­den sich den Ab­schieds­brief des 15-jäh­rig ge­fal­le­nen Jan­ko vor­le­sen und ih­re ei­ge­nen Ge­füh­le ent­de­cken. Es ist aus der zwei­ten Pe­ri­oden­hälf­te von Jar­res La­ra-the­ma ab­ge­lei­tet, be­herrscht wei­te Tei­le des zwei­ten Ak­tes, ist mit wei­ten In­ter­val­len und ab­stei­gen­der Se­quen­zie­rung glei­cher­ma­ßen an Strauss wie Puc­ci­ni ori­en­tiert und sorgt da­für, dass vie­le der be­seel­ten Pre­mie­ren­gäs­te am En­de doch noch et­was sum­mend, pfei­fend, sin­gend mit heim­neh­men, das teil­wei­se von Si­mon ist. Der Rest geht so schnell ins Ohr, wie er wie­der hin­aus ist – trotz fort­wäh­ren­der Mo­du­la­ti­on, Durch­füh­rung, Wie­der­ho­lung.

Den­noch – oder ge­ra­de des­we­gen – ist „Dok­tor Schi­wa­go“gro­ßes Mu­si­cal-ki­no. Weil die­se Par­ti­tur vir­tu­os die Kla­via­tur der gro­ßen Ge­füh­le be­dient. Apart har­mo­ni­siert, ge­konnt rhyth­mi­siert, mit per­fek­tem Ti­ming, be­tö­ren­den Klang­wir­kun­gen, klug ein­ge­setz­tem Lo­kal­ko­lo­rit, das auf die Ba­l­a­lai­ka eben­so we­nig ver­zich­tet wie auf den Ba­jan, bleibt sie zwar die­nen­des Ele­ment, aber das tut die­sem Thea­ter mit Mu­sik we­nig Ab­bruch.

Cusch Jung setzt in sei­ner von Grä­bern ge­rahm­ten Ins­ze­nie­rung nicht auf Gen­rek­li­schees, son­dern macht Thea­ter aus dem Pas­ternak-de­stil­lat Micha­el Wel­lers. Nein – ei­gent­lich macht er eher ei­nen Film dar­aus. Atem­los schnei­det er in den ein­drucks­vol­len Büh­nen­bil­dern und his­to­risch kor­rek­ten Ko­s­tü­men Ka­rin Fritz’ die Sze­nen an-, oder blen­det sie ge­schmei­dig in­ein­an­der. Schon am Be­ginn, als die er­wach­se­nen Prot­ago­nis­ten hin­ter den Kin­dern ste­hen und aus der Vor­ge­schich­te in die Hand­lung tre­ten, ge­lingt ihm das Kunst­stück, ei­nem Ro­man, der mehr noch als Film die Welt er­obert hat, auf der Büh­ne ei­ne plau­si­ble Er­zähl­struk­tur zu ge­ben, die 700 Sei­ten auf drei St­un­den ver­knappt.

Was vor al­lem an sei­ner Per­so­nen­füh­rung liegt. Ob die Gäs­te, der gran­dio­se Jan Am­mann in der Ti­tel­rol­le, die be­zau­bern­de Li­sa Ha­ber­mann als La­ra, die wun­der­ba­re Han­na Mall als To­nia, der groß­ar­ti­ge Björn Chris­ti­an Kuhn als Pa­scha oder die En­sem­ble-mit­glie­der, Pa­trick Roh­beck als Koma­rov­ski, Micha­el Rasch­le als Gro­men­ko, Sa­bi­ne Töp­fer als sei­ne Frau, Mir­ko Mi­lev als Die­ner und Of­fi­zier, ob die En­sem­bles von Chor und Bal­let (Cho­reo­gra­phie: Mir­ko Mahr) der Mu­si­ka­li­schen Ko­mö­die – al­le spie­len sie Thea­ter auf ei­nem Ni­veau, das dem Gen­re all­zu oft ver­schlos­sen bleibt.

Die ge­sang­li­che Sei­te die­ser Me­dail­le strahlt nicht we­ni­ger hell. Amman ist von Hau­se aus Te­nor und adelt die ba­ri­to­nal ge­führ­te Par­tie des Ju­rij Schi­wa­go mit hel­lem Schmelz und der Fä­hig­keit, Wor­te in Ton­fol­gen zu gie­ßen, als sei es die selbst­ver­ständ­lichs­te Sa­che der Welt, die Lie­be, das Leid, die Zwei­fel, Hoff­nung, Schmerz und Glück den Um­ste­hen­den vor­zu­sin­gen. Bei Li­sa Ha­ber­mann ist es nicht an­ders. Schla­cken­los mäd­chen­haft klingt ihr So­pran, der nie ins Opern ver­fällt, na­tür­lich, be­seelt und cha­ris­ma­tisch. Die bei­den fol­gen auch sin­gend so selbst­ver­ständ­lich den gro­ßen Spu­ren, die Omar Sha­rif und Ju­lie Chris­tie im rus­si­schen Schnee hin­ter­las­sen ha­ben, dass die­ses Mu­si­cal Pas­ternaks No­bel­preis-ro­man zu­min­dest emo­tio­nal so we­nig schul­dig bleibt wie die dies­be­züg­lich nicht eben zim­per­li­che ka­no­ni­sche Film-ad­ap­ti­on.

Die an­de­ren Par­ti­en hal­ten das Ni­veau: Die ed­le Wahr­haf­tig­keit Han­na Malls in der Rol­le der ver­zich­ten­den Gat­tin, die im­mer auch mensch­li­che Durch­trie­ben­heit des er­neut phä­no­me­na­len Pa­trick Roh­beck, Mil­ko Mi­levs so­no­re Ver­läss­lich­keit, Micha­el Ra­sch­les trau­ern­de Gran­dez­za, Sa­bi­ne Töp­fers ver­stör­te Ent­rückt­heit, die gleich­sam na­tu­ra­lis­tisch be­we­gen­den Tö­ne der Kin­der­so­lis­ten Ade­le Bau­er (La­ra als Kind), La­ra Fried­rich (To­nia als Kind so­wie Schi­wa­gos und La­ras Toch­ter Kat­ha­ri­na) und Paul We­ber (Ju­rij als Kind), sie al­le ma­chen die­sen lan­gen Abend zu ei­nem gro­ßen. Ja – er kommt trotz der vie­len Tö­ne weit­ge­hend oh­ne Mu­sik aus. Aber das sag­te schließ­lich auch Ra­vel über sein mit Ab­stand po­pu­lärs­tes Werk, den Bo­le­ro. Kurz­um: Die­ser farb­sat­te und ge­fühl­spral­le Bil­der­bo­gen der Lie­be in den Zei­ten de Bür­ger­kriegs sorgt da­für, dass selbst die, die dem Gen­re skep­tisch ge­gen­über­ste­hen hin und wie­der Ge­brauch ma­chen von den Tem­po-ta­schen­tü­chern, die das Haus Drei­lin­den mit der ro­ten Ban­de­ro­le „Zum Heu­len schön“um­wi­ckelt auf den Plät­zen aus­ge­legt hat.

Der Ju­bel ist ge­wal­tig. Er wird weit­räu­mig im Ste­hen vor­ge­tra­gen, schließt al­le Be­tei­lig­ten ein, fällt be­son­ders ex­al­tiert aus für Amman, Ha­ber­mann, Jung und Eich­horn mit dem Mu­ko-orches­ter. Und er soll­te An­reiz sein, sich um ei­ne der schon ziem­lich knap­pen Kar­ten zu be­mü­hen. Vor­stel­lun­gen: Mor­gen, 6., 8. (Rest­kar­ten), 9. Fe­bru­ar, 10., 11. März, 19., 20. Mai, 26., 27. Ju­ni. Für man­che Vor­stel­lun­gen gibt’s Rest­kar­ten (15–39 Eu­ro) in den Lvz-ge­schäfts­stel­len, über die ge­büh­ren­freie Ti­cket­hot­line 0800 2181050 und auf www.lvz-ti­cket.de, un­ter Te­le­fon 0341 1261261 oder an der Opern­kas­se.

Fo­to: Kirs­ten Ni­jhof

Fo­to: Leip­zig re­port

Für­ein­an­der be­stimmt: Jörg Am­mann als Ju­ri und Li­sa Ha­ber­mann als La­ra.

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