ZUM 100. TO­DES­TAG VON GUS­TAV KLIMT

Kunst­mu­se­um Hal­le plant Schau mit be­rühm­ten Frau­en­por­träts des ös­ter­rei­chi­schen Ma­lers

Leipziger Volkszeitung - - ERSTE SEITE - VON MAT­THI­AS RÖDER UND JÜR­GEN KLEINDIENS­T

Der „Kuss“zieht um. Das welt­be­kann­te und sünd­haft teu­re Bild Gus­tav Klimts wan­dert vom West- in den Ost­flü­gel des Bel­ve­de­re in Wi­en. Am neu­en Stand­ort, der für die vie­len Be­trach­ter mehr Kom­fort bie­ten soll, wird das Ge­mäl­de, das Klimt und sei­nen Le­bens­freun­din Emi­lie Flö­ge eng um­schlun­gen zeigt, in ei­ner Vi­tri­ne aus Stahl plat­ziert. Und es be­kommt ei­nen ku­gel­si­che­ren Schutz aus Glas. An­lass des Um­zugs ist die Neu-prä­sen­ta­ti­on der Samm­lung des Bel­ve­de­re, das mit 24 Ge­mäl­den die welt­weit größ­te Klimt­samm­lung be­sitzt. An­lass ist auch der heu­ti­ge 100. To­des­tag des Ma­lers. Heu­te ist er ei­ner der be­lieb­tes­ten und teu­ers­ten Künst­ler der Welt – und der „Kuss“in­zwi­schen das meis­tre­pro­du­zier­te Kunst­werk auf dem Pla­ne­ten.

Al­f­red Wei­din­ger, Di­rek­tor des Mu­se­ums der bil­den­den Küns­te in Leipzig, zu­vor Vi­ze­di­rek­tor von Al­ber­ti­na und Bel­ve­de­re in Wi­en, hat sich seit 1988 mit dem Künst­ler be­fasst. Ge­mein­sam mit der Ver­le­ge­rin und Ku­ra­to­rin Mo­na Horn­cast­le hat er gera­de ei­ne um­fas­sen­de Bio­gra­fie über Klimt vor­ge­legt. „Es wur­de im­mer viel in ihn hin­ein­in­ter­pre­tiert, auch weil er die Frau­en ge­liebt hat – nicht nur sprich­wört­lich, son­dern tat­säch­lich. Das hat vie­le My­then in die Welt ge­bracht und da­mit ha­ben wir auf­ge­räumt“, sagt Wei­din­ger. „Wenn man das al­les weg­streicht, blei­be ein sehr in­ter­es­san­ter, sehr sym­pa­thi­scher Mensch üb­rig.“Bei Klimt müs­se man be­rück­sich­ti­gen, dass er aus ganz ein­fa­chen Ver­hält­nis­sen kam. Kei­nes­wegs kann­te er et­wa Sig­mund Freuds Traum­deu­tung von A–Z, wie ger­ne be­haup­tet wird. Er hat­te im Grun­de ein Kaf­fee­haus­wis­sen. Ja, er hat sich mit Gus­tav Mah­ler und Freud ge­trof­fen, aber er war au­ßer­stan­de, ei­nem ernst zu neh­men­den wis­sen­schaft­li­chen Dis­kurs zu fol­gen. Er hat das, was bei ihm von die­sen Ge­sprä­chen hän­gen ge­blie­ben ist, in sei­ner Bild­welt ver­ar­bei­tet.“

Laut Wei­din­ger ent­schei­dend in sei­ner Kunst sei dass er im­mer ver­sucht ha­be, der Ge­gen­wart zu ent­rü­cken. Viel ge­he es bei ihm um den Kos­mos, „oder er geht un­ter Was­ser – und da wie­der­um kommt der Richard Wa­gner ins Spiel, denn die Rhein­töch­ter ha­ben ihn wirk­lich fas­zi­niert. Er ver­such­te, für sich ei­ne Ne­ben­welt zu fin­den.“Noch im Fe­bru­ar wer­de er zwei Vor­trä­ge im Mu­se­um über Klimt hal­ten, sagt Wei­din­ger. Auch bei der gro­ßen Aus­stel­lung zu Max Klin­gers 100. To­des­tag 2020 wer­de Klimt in Leipzig ei­ne Rol­le spie­len. „Klimt hät­te sich oh­ne Klin­ger ganz an­ders ent­wi­ckelt.“

Schon län­ger ist der Ös­ter­rei­cher mit den Kol­le­gen vom Kunst­mu­se­um Mo­ritz­burg in Hal­le in Ver­bin­dung, un­ter­stützt es un­ter an­de­rem bei Leih­ga­ben, denn dort ist ab 14. Ok­to­ber die Aus­stel­lung „Der Zau­be­rer aus Wi­en“zu se­hen. Es ist die ein­zi­ge in Deutsch­land an­läss­lich des 100. To­des­ta­ges. In ih­rem Mit­tel­punkt steht das Por­trät der Ma­rie Hen­ne­berg aus der ei­ge­nen Samm­lung. „Ein Wahn­sinns-bild, ei­nes der bes­ten Por­träts, die Klimt ge­malt hat“, sagt Wei­din­ger. Klimt ha­be knapp 250 Bil­der ge­malt, „über 100 da­von wa­ren De­ko­ra­ti­ons­bil­der aus sei­ner frü­hen Zeit mit sei­nem Bru­der Ernst und Franz Matsch. Und dann sind im Krieg vie­le ver­brannt und ver­schol­len. Heu­te gibt es nur noch ei­nen Pool von 40, 50 Bil­dern, die man für ei­ne Aus­stel­lung be­kom­men kann. Die gan­ze Welt will ja Klimt-aus­stel­lun­gen ma­chen. Dar­um ist das für Hal­le wirk­lich et­was Au­ßer­or­dent­li­ches“, be­ton der Leip­zi­ger Mu­se­ums­di­rek­tor. Ge­zeigt wer­den in Hal­le au­ßer­dem Wer­ke aus öf­fent­li­chem und Pri­vat­be­sitz, die laut Mit­tei­lung des Mu­se­ums „die ho­he Meis­ter­schaft die­ses Zau­be­rers der schö­nen Li­nie wie auch sei­ne Kraft und Va­ria­bi­li­tät“deut­lich mach­ten.

Klimt, 1862 in Wi­en in äu­ßerst ärm­li­chen Ver­hält­nis­sen ge­bo­ren, war ein höchst un­ab­hän­gi­ger Geist, zu­min­dest ist er im Lauf sei­nes Le­bens da­zu ge­wor­den. Als 21-jäh­ri­ger gut aus­ge­bil­de­ter Ma­ler grün­de­te er zu­sam­men mit sei­nem Bru­der Ernst und Franz Matsch ei­ne Künst­ler­ge­mein­schaft. Die Ge­schäf­te in der da­ma­li­gen Do­nau­mon­ar­chie lie­fen dank öf­fent­li­cher Auf­trä­ge gut. Künst­le­risch und hand­werk­lich per­fekt ori­en­tiert sich das Trio am Ge­schmack der Zeit. Klimt eta­bliert sich als Por­trät­ma­ler und zeigt sei­ne Meis­ter­schaft in dem fast fo­to­rea­lis­ti­schen Bild­nis „Sit­zen­des jun­ges Mäd­chen“(1894).

Die ent­schei­den­de Wende in Klimts Le­ben ist 1894 der Auf­trag, drei Bil­der für den Fest­saal der Wie­ner Uni­ver­si­tät zu ma­len. Mit die­sen so­ge­nann­ten Fa­kul­täts­bil­dern über „Phi­lo­so­phie“, „Me­di­zin“und „Ju­ris­pru­denz“schockt er sei­ne Auf­trag­ge­ber. Denn Klimt ver­lässt die be­kann­ten Pfa­de, ent­deckt den fast sur­rea­len Sym­bo­lis­mus für sich. Ei­ne Vor­ab-prä­sen­ta­ti­on ge­rät zum größ­ten Kunst­skan­dal in Wi­en. Im Streit mit sei­nen Auf­trag­ge­bern wei­gert sich Klimt, die Bil­der an­zu­pas­sen. Im Ge­gen­teil: Fort­an ver­zich­tet er auf öf­fent­li­che Auf­trä­ge.

Oh­ne öf­fent­li­che Auf­trä­ge hal­ten Klimt die Ar­bei­ten für das auf­stre­ben­de jü­di­sche Groß­bür­ger­tum bes­tens im Ge­schäft. Wäh­rend vie­le Men­schen im Ers­ten Welt­krieg hun­gern muss­ten, kam Klimt dank sei­ner vie­len Ver­bin­dun­gen zu­nächst gut durch die­se Zeit des Man­gels. Am 11. Ja­nu­ar 1918 er­lei­det er ei­nen Schlag­an­fall. Er muss ins Kran­ken­haus, wo er sich ei­ne töd­li­che Lun­gen­ent­zün­dung holt.

Klimt wird bald völ­lig ver­ges­sen. Erst in den 80er Jah­ren und spä­tes­tens mit der De­bat­te über Ns-raub­kunst wird der Ma­ler plötz­lich wie­der hoch­ge­han­delt. „Die The­se, dass der im­mer wie­der un­rühm­li­che Um­gang mit Re­sti­tu­ti­ons­for­de­run­gen Klimts Ruhm be­dingt, ist nicht zu leug­nen“, schrei­ben die Au­to­ren Horn­cast­le und Wei­din­ger in ih­rem Buch.

Mo­na Horn­cast­le, Al­f­red Wei­din­ger: Gus­tav Klimt. Die Bio­gra­fie. Brand­stät­ter Ver­lag; 320 Sei­ten, 29,90 Eu­ro

Fo­to: dpa

Das welt­be­rühm­te Ge­mäl­de „Der Kuss" (1908/1909, Aus­schnitt) des ös­ter­rei­chi­schen Ma­lers Gus­tav Klimt. Das Bild wan­dert an­läss­lich des 100. To­des­tags des Künst­lers vom West- in den Ost­flü­gel des Bel­ve­de­re in Wi­en.

Fo­to: Punc­tum/ber­tram Ko­ber

Das Klimt-meis­ter­werk im Kunst­mu­se­um Mo­ritz­burg in Hal­le: „Bild­nis der Ma­rie Hen­ne­berg“(um 1902, Öl auf Lein­wand, Aus­schnitt).

Fo­to: dpa

Der Wie­ner Ma­ler Gus­tav Klimt (1862–1918) auf ei­nem un­da­tier­ten Fo­to.

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