Ent­täu­schung auf Sicherheitskonferenz

Angst vor Atom­waf­fen ge­hör­te vor dem Mau­er­fall zum Le­bens­ge­fühl der Deut­schen. Die­ses un­gu­te Ge­fühl kehrt jetzt zu­rück – be­glei­tet von ei­nem neu­em Streit um ei­ne al­te Fra­ge: Muss die Na­to nach­rüs­ten?

Leipziger Volkszeitung - - ERSTE SEITE - VON JÖRG KÖPKE UND STE­FAN KOCH

MÜN­CHEN. Der Chef der Münch­ner Sicherheitskonferenz hat ein er­nüch­tern­des Fa­zit ge­zo­gen. Man ha­be ge­hört, was in der Welt falsch lau­fe, was die Ge­fah­ren sei­en und was man ver­mei­den wol­le, sag­te Wolf­gang Ischin­ger ges­tern zum Ab­schluss der drei­tä­gi­gen Kon­fe­renz. Aber man ha­be nicht ge­nug zu kon­kre­ten Schrit­ten ge­hört, die ei­ne Ver­bes­se­rung der düs­te­ren Per­spek­ti­ven her­bei­füh­ren könn­ten. Seit dem Frei­tag hat­ten rund 500 Po­li­ti­ker und Ex­per­ten über welt­wei­te Kon­flik­te dis­ku­tiert. Dar­un­ter der is­rae­li­sche Re­gie­rungs­chef Ben­ja­min Ne­tan­ja­hu, der rus­si­sche Au­ßen­mi­nis­ter Ser­gej La­w­row und der Si­cher­heits­be­ra­ter von Us-prä­si­dent Do­nald Trump, Her­bert Ray­mond Mcmas­ter. Von der Bun­des­re­gie­rung wa­ren un­ter an­de­ren Au­ßen­mi­nis­ter Sig­mar Ga­b­ri­el (SPD) und Ver­tei­di­gungs­mi­nis­te­rin Ur­su­la von der Ley­en (CDU) ver­tre­ten.

Die Angst vor Russ­land ist in den kleins­ten Staa­ten der Na­to am größ­ten. In Li­tau­en zum Bei­spiel. Dort schlug am Wo­che­n­en­de, wäh­rend sich in Mün­chen Mi­li­tär­fach­leu­te aus al­ler Welt zur Sicherheitskonferenz tra­fen, Staats­prä­si­den­tin Da­lia Gry­bau­skai­te Alarm. Die nu­klea­re Auf­rüs­tung Russ­lands ist nach ih­rer An­sicht sehr viel mehr als ein The­ma für Ex­per­ten­run­dem: ei­ne rea­le Be­dro­hung für die Men­schen im Wes­ten, nicht nur in Li­tau­en.

„Die Si­tua­ti­on hat sich dra­ma­tisch ver­schlech­tert, sie ist ge­fähr­lich“, sag­te Gry­bau­skai­te dem Redaktionsnetzwerk Deutsch­land (RND). Russ­land ver­le­ge in die­sen Ta­gen Ra­ke­ten vom Typ Is­kan­der in sei­ne Ex­kla­ve Ka­li­nin­grad. „Mit die­sen Atom­waf­fen kann Mos­kau halb Eu­ro­pa und auch Ber­lin bom­bar­die­ren“, warn­te Li­tau­ens Prä­si­den­tin.

Im Wes­ten win­ken man­che jetzt wie immer erst­mal ab. Schon im Jahr 2016 ha­be Russ­land doch Is­kan­der-ra­ke­ten im frü­he­ren Kö­nigs­berg in Stel­lung ge­bracht. Ers­tens konn­te Mos­kau stets auf die Mo­bi­li­tät des Sys­tems ver­wei­sen: Eben­so schnell, wie sie ir­gend­wo auf­tau­chen, kön­nen die Is­kan­der-ra­ke­ten auch wie­der ver­schwin­den; für je­weils zwei Ra­ke­ten ge­nügt ein grö­ße­rer Last­wa­gen oh­ne An­hän­ger. Zwei­tens weiß nie­mand, ob die nu­kle­ar be­stück­ba­ren Ra­ke­ten wirk­lich nu­kle­ar be­stückt sind.

Ist al­so al­les nur ein Ver­wirr­spiel des rus­si­schen Prä­si­den­ten Wla­di­mir Pu­tin? Die Li­tau­er fürch­ten, es ge­he um mehr, um ei­ne dau­er­haf­te Ver­schie­bung der Ge­wich­te.

Auch in Na­to-mi­li­tär­krei­sen in Brüs­sel zie­hen vie­le in­zwi­schen an­ge­sichts der Is­kan­der-ra­ke­ten die Au­gen­brau­en hoch: Wenn man es den Rus­sen durch­ge­hen las­se, immer mehr Kurz- und Mit­tel­stre­cken­waf­fen zu sta­tio­nie­ren, wer­de We­st­eu­ro­pa nach und nach zu ei­ner „Zo­ne min­de­rer Si­cher­heit“.

Ho­he Re­gie­rungs­be­am­te in Washington sind da­von über­zeugt, dass be­reits zwei rus­si­sche Ba­tail­lo­ne mit der neu­en Waf­fe aus­ge­stat­tet sind. Je­des Ba­tail­lon ha­be ins­ge­samt 24 Marsch­flug­kör­per in sei­nem Be­stand. Un­ver­kenn­bar sei der Wunsch Mos­kau­er Mi­li­tärs, letzt­lich die ge­sam­te eu­ra­si­sche Land­mas­se in den Schat­ten ih­rer Nu­kle­ar­sys­te­me zu stel­len – und da­mit den po­li­ti­schen Ein­fluss Pu­tins zu meh­ren.

Ist dies dem Us-prä­si­den­ten Do­nald Trump egal? Zu sei­ner selbst­be­zo­ge­nen Po­li­tik wür­de es pas­sen, den Eu­ro­pä­ern zu mehr ei­ge­nen mi­li­tä­ri­schen An­stren­gun­gen ge­gen­über Russ­land zu ra­ten – und ih­nen an­sons­ten nur al­les Gu­te zu wün­schen.

Noch nie seit dem Zwei­ten Welt­krieg in­ter­es­sier­te sich ein Us-prä­si­dent so we­nig für den Rest der Welt wie der heu­ti­ge. Steht ein glo­ba­ler Rück­zug der USA be­vor? Pu­tin je­den­falls scheint ei­ne his­to­ri­sche Chan­ce zu wit­tern. Im Mitt­le­ren Os­ten ist Russ­land be­reits mi­li­tä­risch mäch­ti­ger denn je; in Sy­ri­en et­wa ließ

Mos­kau Lenk­flug­kör­per von Schif­fen aus ver­blüf­fend gro­ßer Dis­tanz ein­schla­gen – al­le Welt soll­te se­hen, was Russ­land heu­te kann.

Zugleich wird jetzt der Ost­see­raum zum Ort neu­er rus­si­scher Macht­de­mons­tra­tio­nen. Gern in­sze­niert der Kremlherr mal ei­ne klei­ne Ner­ven­pro­be, et­wa durch Flü­ge rus­si­scher Mi­li­tär­jets, die sich mit aus­ge­schal­te­ten Er­ken­nungs­sys­te­men pro­vo­ka­tiv dem Luf­t­raum von Na­to-staa­ten an­nä­hern.

Das grenz­na­he Han­tie­ren mit den Is­kan­der-ra­ke­ten passt eben­falls ins Bild. Die Ame­ri­ka­ner spre­chen von „Mi­ni-nu­kes“, Mi­ni-atom­waf­fen. Das klingt harm­los, ist es aber nicht. Denn ers­tens be­sit­zen diese Waf­fen immer noch die Zer­stö­rungs­kraft der Hi­ro­shi­ma-bom­be, wenn es sein muss so­gar ein Viel­fa­ches da­von. Zwei­tens, und dar­in liegt die noch grö­ße­re Ge­fahr, sen­ken „klei­ne“Atom­waf­fen al­le psy­cho­lo­gi­schen und po­li­ti­schen Hemm­schwel­len.

Jahr­zehn­te­lang blieb der Ge­dan­ke an ei­nen Atom­krieg immer auch mit dem Ge­dan­ken an ei­nen Welt­un­ter­gang ver­knüpft. Auf bei­den Sei­ten soll­te es am En­de nur Ver­lie­rer ge­ben – dies ent­sprach der Dok­trin der „ge­gen­sei­tig zu­ge­si­cher­ten Zer­stö­rung“. Für den eng­li­schen Be­griff („mu­tual­ly as­su­red de­struc­tion“) kur­sier­te ein viel­sa­gen­des Kür­zel: MAD.

Atom­krieg: Das war ein ver­rück­tes Vor­ha­ben, das für nie­man­den ei­nen Sinn er­gab. Was aber, wenn durch den neu­en Trend zur „klei­nen“Bom­be und zum „be­grenz­ten“Ein­satz die­ses al­te Den­ken ei­nem neu­en Ex­pe­ri­men­tier­wil­len weicht?

Das Us-mi­li­tär zähl­te jüngst in ei­nem Weiß­buch („Nu­cle­ar Pos­tu­re Re­view“) 14 neue rus­si­sche Trä­ger­sys­te­me auf, die al­lein seit dem Jahr 2010 ent­wi­ckelt wor­den sei­en. Es kön­ne pas­sie­ren, war­nen die Us-ge­ne­rä­le, dass die Na­to auf ei­ne wie auch immer be­grenz­te nu­klea­re Atta­cke der Rus­sen für ei­nen Ge­gen­schlag gar kei­ne pas­sen­de Waf­fe zur Hand ha­be: Die In­ter­kon­ti­nen­tal­ra­ke­ten je­den­falls sei­en zu groß – und eben immer mit der Aus­sicht auf voll­stän­di­ge ge­gen­sei­ti­ge Ver­nich­tung ver­bun­den.

Wie in den Acht­zi­gern wer­den jetzt Sze­na­ri­en ent­wor­fen, wie man Kurz­stre­cken­waf­fen mit Kurz­stre­cken­waf­fen und Mit­tel­stre­cken­ra­ke­ten mit Mit­tel­stre­cken­ra­ke­ten kon­tern könn­te. „Wir sind be­reits mit­ten­drin in ei­nem neu­en Rüs­tungs­wett­lauf“, sagt Wolf­gang Ischin­ger, Gast­ge­ber der Münch­ner Sicherheitskonferenz.

An­fang Fe­bru­ar ließ Washington wis­sen, man be­mü­he sich jetzt eben­falls um Atom­waf­fen mit ge­rin­ger Reich­wei­te und Spreng­kraft, um ein Ge­gen­ge­wicht zu Russ­lands mo­der­nen Waf­fen zu schaf­fen. „Un­se­re Stra­te­gie soll si­cher­stel­len, dass Russ­land ver­steht, dass je­der Ein­satz von Atom­waf­fen – egal wie be­grenzt – in­ak­zep­ta­bel ist“, schrieb das Ver­tei­di­gungs­mi­nis­te­ri­um. Doch viel­leicht tap­pen die USA ge­nau da­mit dem rus­si­schen Prä­si­den­ten po­li­tisch in die Fal­le.

Vor rund 40 Jah­ren gab es ei­ne ähn­li­che Kon­stel­la­ti­on. Mos­kau stell­te immer mehr Mit­tel­stre­cken­waf­fen vom Typ SS-20 auf – und der Wes­ten such­te ner­vös nach ei­ner Stra­te­gie. Im Jahr 1979 fass­te die Na­to den Be­schluss, ei­ge­ne Mit­tel­stre­cken­waf­fen in Stel­lung zu brin­gen, wenn kei­ne Null­lö­sung er­reich­bar sei. Pers­hing-2-ra­ke­ten und Marsch­flug­kör­per („crui­se mis­si­les“) soll­ten das Gleich­ge­wicht in Eu­ro­pa wie­der­her­stel­len.

In Deutsch­land lös­te die fol­gen­de De­bat­te ein po­li­ti­sches Erd­be­ben aus – das den so­zi­al­de­mo­kra­ti­schen Kanz­ler Hel­mut Schmidt nicht nur die Un­ter­stüt­zung der Mehr­heit sei­ner SPD kos­te­te, son­dern auch sein Amt. Hun­dert­tau­sen­de zo­gen auf die Stra­ße, um ge­gen neue west­li­che Ra­ke­ten zu de­mons­trie­ren.

Eu­ro­pa, mit dem da­mals noch ge­teil­ten Deutsch­land in sei­ner Mit­te, war An­fang der Acht­zi­ger ein po­li­tisch bro­deln­des geo­stra­te­gi­sches Pul­ver­fass. Wird es das nun wie­der? Und wer hat dar­an In­ter­es­se? Nach dem Br­ex­it und der Wahl Trumps könn­te ei­ne neue Ra­ke­ten­de­bat­te ei­ne drit­te gro­ße Bruch­li­nie be­wir­ken, die den Wes­ten wei­ter schwächt.

Ein­mal mehr wä­re be­wie­sen, dass das Mi­li­tä­ri­sche die Po­li­tik ver­än­dern kann – oh­ne dass ein ein­zi­ger Schuss fällt.

Mit die­sen Atom­waf­fen kann Mos­kau halb Eu­ro­pa und auch Ber­lin bom­bar­die­ren. Da­lia Gry­bau­skai­te, Staats­prä­si­den­tin von Li­tau­en

Fo­to: dpa

Zwei­te Run­de: Die USA wol­len neue Atom­bom­ben in Eu­ro­pa sta­tio­nie­ren (rechts). In den Acht­zi­gern führ­te Hein­rich Böll (oben) den Pro­test ge­gen die Pers­hing-2ra­ke­ten. Wird es nun wie­der De­mons­tra­tio­nen ge­ben?

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