Nur mal kurz mein Amt ret­ten

Sig­mar Ga­b­ri­el hält in Mün­chen mit po­li­ti­schen Vol­ten sei­ne Di­plo­ma­ten in Atem – und reizt sei­ne Par­tei­freun­de

Leipziger Volkszeitung - - BLICKPUNKT - VON GOR­DON REPINSKI

Es ist sym­pto­ma­tisch, dass die ei­gent­li­che si­cher­heits­po­li­ti­sche Show an die­sem Wo­che­n­en­de nicht in Mün­chen statt­fand. Im Ge­gen­teil, Sig­mar Ga­b­ri­el muss­te so­gar aus Bay­ern ab­rei­sen. Be­reits am Frei­tag ver­ließ er hek­tisch die Sicherheitskonferenz, um in Ber­lin im News­room der „Welt“mit Sprin­ger-chef­ma­thi­as Döpf­ner die Frei­las­sung von De­niz Yücel zu fei­ern.

In Mün­chen ließ er zeit­gleich sei­ne De­le­ga­ti­on aus dem Aus­wär­ti­gen Amt mit dem ur­sprüng­lich ge­plan­ten Pro­gramm im Baye­ri­schen Hof zu­rück. Ein Tref­fen im so­ge­nann­ten Nor­man­die-for­mat et­wa war an­ge­setzt, in dem Ga­b­ri­el mit Ver­tre­tern Frank­reichs, Russ­lands und der Ukrai­ne über ei­ne mög­li­che Frie­dens­trup­pe für die kri­sen­ge­schüt­tel­te Ost­ukrai­ne ver­han­deln soll­te. Der Auf­tritt in Ber­lin war wich­ti­ger als die Frie­dens­ver­hand­lun­gen, be­fand Ga­b­ri­el – und pack­te sei­ne Kof­fer. Das Nor­man­die-tref­fen – das ers­te seit ei­nem Jahr – wur­de ge­stri­chen.

Dass Ga­b­ri­el sich seit Wo­chen in ei­nem bei­spiel­lo­sen Kampf um sein po­li­ti­sches Amt be­fin­det, ist in Ber­lin kein Ge­heim- nis. Doch am Wo­che­n­en­de der Münch­ner Sicherheitskonferenz scheint er ei­ne neue Fre­quenz er­reicht zu ha­ben. Der Au­ßen­mi­nis­ter flog zwi­schen Ber­lin und Mün­chen hin und her, be­such­te zwei Ta­ges­zei­tun­gen – und sorg­te in der ver­blie­be­nen Zeit für man­che di­plo­ma­ti­sche Ver­wir­rung. Das Mot­to für Ga­b­ri­el: Nur mal kurz mein Amt ret­ten.

Am 4. März will die SPD das Er­geb­nis des Mit­glie­der­ent­scheids zur Gro­ßen Ko­ali­ti­on be­kannt ge­ben. Spä­tes­tens da­nach muss sich die Par­tei ent­schei­den, wie sie mit den zu ver­tei­len­den Mi­nis­te­ri­en um­geht – so­fern die Par­tei­ba­sis ei­ner Ko­ali­ti­on mit der Uni­on zu­stimmt. In der Par­tei­spit­ze be­steht sel­te­ne Ei­nig­keit dar­über, dass Ga­b­ri­els Zeit in Spit­zen­po­si­tio­nen nun en­den soll­te. Zu sehr ha­be er sich über die Jah­re als un­zu­ver­läs­si­ger Ge­schäfts­part­ner er­wie­sen. In der Par­tei­spit­ze gibt es kaum je­man­den, der nicht schon ein­mal von ihm dü­piert wur­de.

Ga­b­ri­el kämpft. Er tut dies oh­ne Un­ter­stüt­zer in der ei­ge­nen Par­tei, doch er ver­weist ger­ne und sub­til auf sei­ne Be­liebt­heits­wer­te. Die sind dra­ma­tisch an­ge­stie­gen, seit er das Aus­wär­ti­ge Amt führt.

Un­ter­des­sen schwelt aber der Kon­flikt mit der SPD wei­ter, die die De­bat­te um die of­fe­ne Per­so­nal­fra­ge im Au­ßen­amt nicht mehr los wird. Es sorgt für wei­te­ren Ver­druss un­ter Ga­b­ri­els Par­tei­freun­den.

Des­sen un­ge­rührt un­ter­sucht der Au­ßen­mi­nis­ter sein po­li­ti­sches Han­deln of­fen­bar noch mehr als zu­vor auf Öf­fent­lich­keits­wir­kung. Der Auf­tritt im News­room der „Welt“hät­te nicht par­al­lel zur Sicherheitskonferenz statt­fin­den müs­sen, heißt es von Di­plo­ma­ten in Mün­chen. Sie är­gern sich über die ver­pass­te Chan­ce, über Frie­den in der Ost­ukrai­ne zu ver­han­deln. Sel­ten schie­nen die Di­plo­ma­ten und der Mi­nis­ter wei­ter von­ein­an­der ent­fernt als un­ter Ga­b­ri­el.

Als mit dem ge­platz­ten Nor­man­die­tref­fen der größ­te di­plo­ma­ti­sche Faux­pas Ga­b­ri­els an dem Wo­che­n­en­de be­reits Ver­gan­gen­heit zu sein schien, leg­te der Mi­nis­ter am Sonn­abend noch mal nach. Er reg­te im Ge­spräch mit dem rus­si­schen Au­ßen­mi­nis­ter Ser­gej La­w­row an, die Wirt­schafts­sank­tio­nen ge­gen Russ­land zu lo­ckern.

Dies sei frei­lich „nicht die of­fi­zi­el­le Mei­nung“, füg­te er hin­zu – oh­ne je­doch zu er­klä­ren, wie ein Au­ßen­mi­nis­ter in Sa­chen Russ­land-sank­tio­nen ei­ne nich­t­of­fi­zi­el­le Mei­nung über­haupt äu­ßern kön­ne.

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.