Mit Si­cher­heit am Schmerz vor­bei

Thea­ter-dis­kus­si­on über „Ho­lo­caust-dar­stel­lun­gen“

Leipziger Volkszeitung - - KULTUR - VON STEF­FEN GE­OR­GI

Die Fra­ge klingt halb brav, halb ver­zagt: „Darf man das?“Für Sams­tag hat­te das Thea­ter der Jun­gen Welt im Rah­men des Werk­statt­tref­fens „Thea­ter macht Ge­schich­te. Künst­le­ri­sche In­ter­ven­tio­nen für die Zu­kunft“zu ei­ner Po­di­ums­dis­kus­si­on ge­la­den. „Ho­lo­caust-dar­stel­lun­gen und der gu­te Ge­schmack“hieß das The­men­feld, das man be­ackern woll­te.

Nun ist die Kopp­lung des Ho­lo­caust mit Be­lan­gen des „gu­ten Ge­schmacks“schon des­halb et­was be­fremd­lich, weil das Ver­bre­chen ei­ne Wi­der­wär­tig­keit dar­stellt, dass Ge­schmacks­fra­gen be­züg­lich ei­ner wie auch immer „ad­äqua­ten“Darstel­lung schnell et­was Ge­schmäck­le­ri­sches ha­ben. Die Hoff­nung, dass auch mit Blick dar­auf der Ti­tel der Ver­an­stal­tung als Pro­vo­ka­ti­ons­sta­chel ge­setzt sein könn­te, er­füll­te die Dis­kus­si­on al­ler­dings nicht.

Sich „von au­ßen ans The­ma her­a­n­ar­bei­ten“ist die er­klär­te Stra­te­gie von Mo­de­ra­tor Bas­ti­an Wier­zioch. Es wird eher ein drum her­um Spa­zie­ren. Sei­ne Gäs­te da­bei: Re­gi­na Ga­b­ri­el von der Eut­ha­na­sie-ge­denk­stät­te Ha­d­amar, Kris­tin Frie­den vom Ns-do­ku­zen­trum Mün­chen; au­ßer­dem der Ly­ri­ker Max Czol­lek, der am Ber­li­ner Ma­xim-gor­ki-thea­ter mit meh­re­ren Pro­jek­ten zu deutsch-jü­di­schen Ge­gen­warts­fra­gen re­üs­sier­te, und Td­jw-dra­ma­turg Jörn Kal­bitz.

Ei­ne Zu­sam­men­set­zung, die schon auf zwei Her­an­ge­hens­wei­sen an die „Ho­lo­caust-darstel­lung“ver­weist: die do­ku­men­ta­ri­sche und die künst­le­ri­sche. Die An­nä­he­rung an bei­de „von au­ßen“, das heißt per ak­tu­el­ler Zeit­dia­gno­se (Rechts­ruck, AFD), stif­tet den er­war­tungs­ge­mäß we­nig span­nen­den Kon­sens und frisst zu­dem der­art viel Zeit, dass nach 35 Mi­nu­ten völ­lig zu Recht aus dem Pu­bli­kum die Fra­ge fällt, wann man denn mal zum The­ma kom­me.

„Wir wol­len uns ra­n­ar­bei­ten“wie­der­holt Wier­zioch, der aber immer wie­der Steil­vor­la­gen sei­ner Gäs­te für ei­ne Be­schleu­ni­gung die­ser Ar­beit igno­riert. Ge­ra­de Czol­lek macht An­ge­bo­te, die man ei­gent­lich nicht ab­leh­nen kann. So, wenn er Go­dards be­rühm­tes Dik­tum zi­tiert, es ge­he nicht dar­um „po­li­ti­sche Fil­me, son­dern po­li­tisch Film zu ma­chen“.

Was heißt das fürs Thea­ter? Und was be­deu­tet es, dass man die­sen fei­nen, aber maß­geb­li­chen Un­ter­schied – wie am Gros deut­scher Büh­nen so ja auch am Gor­ki­thea­ter – eher mar­gi­nal ver­in­ner­licht hat? Fra­gen, die ei­nen ge­ra­de­zu an­sprin­gen, aber nicht ge­stellt wer­den. Ver­schenk­te Mög­lich­kei­ten, zum the­ma­ti­schen Kern zu kom­men. Der un­ge­fähr dort zu ver­or­ten wä­re, wo – um bei Go­dard zu blei­ben – der Re­gis­seur es mit Blick auf „Schind­lers Lis­te“als „Obszö­ni­tät“emp­fand, wenn man ei­ne Ka­me­ra in die Gas­kam­mer stellt und die To­des­angst der Men­schen dar­in un­ter Aspek­ten des Su­s­pence in­sze­niert.

Darf man das? Erst an sol­chen Schmerz­punk­ten er­gibt die Fra­ge Sinn. Es sind Schmerz­punkt, die auch die un­be­nom­men re­spek­ta­blen und wich­ti­gen Ar­bei­ten des TD­JW („Jul­ler“, „Kinder des Ho­lo­caust“) aus äs­the­tisch-in­halt­lich letzt­lich si­che­ren Fer­nen um­krei­sen. Und die im Ar­beits­kon­text von Ge­denk­stät­ten noch ein­mal ganz an­de­re Prä­mis­sen auf­wer­fen. Ein Um­krei­sen mit Si­cher­heits­ab­stand war dann auch die­ser Abend. Man war da schon mal wei­ter, näm­lich nä­her dran am Kern.

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