War­te­saal zur al­ler­letz­ten Hoff­nung

Über­zeu­gend: Chris­ti­an Pet­zolds „Tran­sit“als deut­scher Wett­be­werbs­bei­trag bei der 68. Ber­li­na­le

Leipziger Volkszeitung - - KULTUR - VON NOR­BERT WEHRSTEDT

Chris­ti­an Pet­zold mag Fil­me auf Fuß­ball­spiel-län­ge, Mön­chen­glad­bach in der Bun­des­li­ga und stil­les, at­mo­sphä­ri­sches Ki­no. Wer Chris­ti­an Pet­zold für ein Fes­ti­val bucht, macht ga­ran­tiert nichts falsch. Was der 57-Jäh­ri­ge dreht („Wolfs­burg“, „Bar­ba­ra“), ver­edelt al­lein durch sei­nen ci­ne­as­ti­schen Ton je­den Wett­be­werb. So et­was braucht die Ber­li­na­le. Drin­gend – sa­gen je­ne, die über vie­le Jah­re auch die letz­te Mit­tel­mä­ßig­keit ge­lobt hat­ten und nun hur­tig auf den Zug der Kri­ti­ker an Ber­li­na­le-chef Die­ter Kosslick auf­ge­sprun­gen sind. Zu Pet­zold müs­sen sie schwei­gen. Pas­siert schließ­lich nicht oft im deut­schen Be­lie­big­keits-ki­no, dass ei­ner mit ei­ge­ner Hand­schrift schreibt – und die so auf­re­gend ist.

Ge­nug der Schwär­me­rei, hin zum Schöns­ten, was der Wett­be­werb 2018 bis­her zu bie­ten hat­te: „Tran­sit“von Chris­ti­an Pet­zold aus Hil­den (Nord­rhein-west­fa­len) nach dem Ro­man von An­na Seg­hers aus Mainz (Rhein­land-pfalz). Der er­zählt von ei­nem jun­gen Deut­schen, der vor den Wehr­machts-trup­pen aus Pa­ris nach Mar­seil­le flieht, um nach Me­xi­ko zu kom­men – mit ei­nem Tran­sit­vi­sum durch die USA. Er trifft auf Ma­rie, die auf ih­ren Mann war­tet, ei­nen be­kann­ten, lin­ken Schrift­stel­ler. Dass er ver­letzt auf der Flucht ge­stor­ben ist und Ge­org, der Flüch­ti­ge, da­bei war, weiß sie nicht. Nun lebt Ge­org mit der Iden­ti­tät des To­ten. Was er Ma­rie nicht sagt – weil er sie ret­ten will. Es geht um Flucht und Über­le­ben, Wur­zel­lo­sig­keit und Lie­be, Schuld und Süh­ne, Ein­sam­keit und Ent­frem­dung in ei­nem bü­ro­kra­ti­schen War­te­saal zur al­ler­letz­ten Hoff­nung.

Dar­aus macht Chris­ti­an Pet­zold ein phi­lo­so­phi­sches Dra­ma un­ter dem hel­len Licht des Sü­dens - mit Ku­lis­sen, Ka­ros­se­ri­en und Ko­s­tü­men von heu­te. „Das stellt ei­ne Ver­bin­dung her zwi­schen den Zei­ten. Das nimmt un­se­re Ge­gen­wart als Kom­men­tar der Ver­gan­gen­heit“, sagt Chris­ti­an Pet­zold. Ei­nen mu­sea­len Film ha­be er nie und nim­mer ma­chen wol­len. In den über­höh­ten Stil mit sei­ner sur­rea­len Ein­fär­bung pas­sen per­fekt Franz Ro­gow­ski („Fik­ke­fuchs“) und Pau­la Beer („Frantz“). Er: ein un­ste­ter Wan­de­rer, den un­ver­se­hens Ge­füh­le er­wi­schen. Sie: ei­ne Ge­trie­be­ne, ei­ne Mü­de, ei­ne Er­schöpf­te, die nach ih­rer Er­lö­sung sucht. Gro­ßes Ki­no! Po­li­tisch und pri­vat – und von ir­ri­tie­ren­der vi­su­el­ler Schön­heit.

Was man weiß Gott nicht von al­lem sa­gen kann, was so am Wo­che­n­en­de durch den Wett­be­werb geis­ter­te. Das Bes­te vom Rest kam aus Russ­land, hieß „Dov­la­tov“und por­trä­tier­te je­nen in der So­wjet­uni­on un­ge­druck­ten Dich­ter An­fang der 70er, der zum Kreis um Jo­seph Brods­ky ge­hör­te. Sei­ne Tex­te für ei­ne Fa­b­rik­zei­tung ste­cken vol­ler Iro­nie über die he­roi­sche, immer be­trun­ke­ne Ar­bei­ter­klas­se, sei­ne Ge­dich­te gel­ten als de­ka­dent. Freun­de ver­las­sen das Land oder ster­ben un­glück­lich im Schmutz an der Un­mög­lich­keit, die Sehn­sucht West ein­zu­lö­sen. Nach dem Tau­wet­ter der 60er liegt der Mehl­tau der Bresh­new-ära über den grau­en, trost­lo­sen, neb­li­gen, kal­ten Bil­dern aus sechs Ta­gen Le­nin­grad vor dem Ju­bel zum Ok­to­ber­ju­bi­lä­um. Re­gis­seur Ale­xej Ger­man jr. je­den­falls über­zeugt mit sei­ner fieb­ri­gen Zeit­stim­mung über Er­nied­rig­te und Ein­sa­me. Den so­wje­ti­schen Dich­ter Ser­gej Dov­la­tov gab es tat­säch­lich. Er emi­grier­te in die USA, wur­de ver­legt und starb 1990 in New York – we­ni­ge Ta­ge vor sei­nem 49. Ge­burts­tag.

Zwei Fil­me ka­men aus Frank­reich. Mit „Eva“dreh­te No­bel-re­gis­seur Be­noit Jac­quot ein ge­die­ge­nes Re­make des Jo­seph-lo­sey-klas­si­kers von 1962. Jetzt ist Isa­bel­le Hup­pert je­ne kal­te Edel-pro­sti­tu­ier­te, die einst Jean­ne Mo­reau spiel­te. Isa­bel­le Hup­perts Eva ist ei­sig, zy­nisch, zer­stö­re­risch, als ein viel jün­ge­rer Mann, der durch Be­trug be­rühmt wur­de, ihr ver­fällt – bis sie ihn de­mü­tigt, aus dem Haus prü­gelt und see­lisch bricht. Vor der nou­vel­le va­gue nann­te man so et­was mal ver­söhn­lich Ki­no der Qua­li­tät.

Das trifft auf „Das Ge­bet“von Céd­ric Kahn, die ka­tho­li­sche Be­keh­rung ei­nes Jun­kies durch ei­ne Ge­mein­schaft, ganz und gar nicht zu. Die mü­de mo­ra­li­sche Er­lö­sung ei­nes Ge­fal­le­nen sieht aus wie ein re­li­giö­ser Wer­be­film zum Ein­tritt ins Pries­ter­se­mi­nar.

Aus Ita­li­en kam mit „Mei­ne Toch­ter“von Lau­ra Bi­spu­ri ei­ne psy­cho­lo­gisch wie dar­stel­le­risch an­ge­streng­te Krei­de­kreis­va­ria­ti­on un­ter glei­ßen­der sar­di­scher Küs­ten-son­ne. Ei­ne Neun­jäh­ri­ge zwi­schen ei­ner zü­gel­lo­sen, ver­schul­det und al­lein auf ei­nem ma­ro­den Hof le­ben­den Mut­ter, die sie ge­bo­ren hat, und ei­ner müt­ter­li­chen Frau, die sie lie­be­voll als Toch­ter auf­zog und nun Angst da­vor hat, sie an die Exo­tin zu ver­lie­ren. Auf­re­gend geht an­ders.

Ei­nen ers­ten Tief­punkt schaff­te die Ber­li­na­le – man glaubt es nicht – mit der Schwe­den-ein­la­dung „The Re­al Esta­te“von Axel Pe­ter­sén und Måns Måns­son. Kas­pe­rei­en ei­ner auf­ge­dreh­ten End­sech­zi­ge­rin, die ei­nen sie­ben­stö­cki­gen Wohn­si­lo erbt und – weil er sonst nicht zu ver­kau­fen ist – von läs­ti­gen So­zi­al­mie­tern ent­sor­gen will. Hys­te­ri­sches, al­ber­nes, über­kan­di­del­tes, kla­mot­ti­ges Schmie­ren­thea­ter. Man muss si­cher lan­ge su­chen, um so ein lau­si­ges Werk in Skan­di­na­vi­en zu fin­den.

Fo­to: dpa

Pau­la Beer und Franz Ro­gow­ski in ei­ner Sze­ne des Films „Tran­sit“, der am Sams­tag auf der Ber­li­na­le lief.

Fo­to: dpa

„Tran­sit“-re­gis­seur Chris­ti­an Pet­zold auf dem ro­ten Tep­pich in Ber­lin.

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