„Es geht um Cha­rak­ter und Rhe­to­rik“

Ro­bert Le­vin, Prä­si­dent des Leip­zi­ger Bach­wett­be­werbs, über die Kri­te­ri­en preis­wür­di­gen Spiels

Leipziger Volkszeitung - - KULTUR - In­ter­view: Ro­land H. Dip­pel

Mit ge­mein­sa­mem Mu­si­zie­ren ging ges­tern der Leip­zi­ger Meis­ter­kurs zur Auf­füh­rungs­pra­xis der Wer­ke von Jo­hann Se­bas­ti­an Bach zu En­de. Er dient auch der Vor­be­rei­tung des 21. In­ter­na­tio­na­len Jo­hann-se­bas­ti­an-bach-wett­be­werbs Leip­zig (10. bis 21. Ju­li). Des­sen Prä­si­dent, der 1947 ge­bo­re­ne ame­ri­ka­ni­sche Pia­nist und Mu­sik­wis­sen­schaft­ler Ro­bert Le­vin, spricht im In­ter­view über Ju­ry-ar­beit, äs­the­ti­sche Fak­to­ren und Lei­den­schaft.

Sie ha­ben mit dem Cem­ba­lis­ten Andre­as Stai­er und der Gei­ge­rin Chi­a­ra Bi­an­chi­ni ei­ne Meis­ter­kurs zur Auf­füh­rungs­pra­xis an der Hoch­schu­le für Mu­sik und Thea­ter gestal­tet. Wie ge­nau hängt der mit dem Bach­wett­be­werb zu­sam­men?

Kein Be­wer­ber für den Bach­wett­be­werb muss dar­an teil­neh­men, aber es emp­fiehlt sich. Es gibt un­ter den Kurs­teil­neh­mern vie­le tech­nisch her­vor­ra­gen­de Mu­si­ker, die auf ei­nem be­ein­dru­cken­den Ni­veau spie­len. Hier er­hal­ten sie in klei­nen Grup­pen die Ge­le­gen­heit, sich mit der In­ter­pre­ta­ti­on und dem sinn­li­chen Ge­halt der Mu­sik aus­ein­an­der­zu­set­zen, der in der Aus­bil­dung oft zu kurz kommt und manch­mal so­gar au­ßer Acht ge­las­sen wird.

Seit 15 Jah­ren sind Sie Prä­si­dent des In­ter­na­tio­na­len Bach­wett­be­werbs, der al­le zwei Jah­re statt­fin­det. Was ist Ihr per­sön­li­ches An­lie­gen?

Mir ist es höchst wich­tig, dass Tief­sin­nig­keit sich mit Stil­kennt­nis ver­ei­nigt: Hier geht es nicht nur um ma­kel­lo­se Leis­tun­gen in den Fä­chern Cem­ba­lo, Kla­vier und Vio­li­ne, die die­ses Jahr auf dem Pro­gramm ste­hen. In un­se­ren Ju­rys sit­zen ei­ni­ge der welt­weit bes­ten Ba­ch­in­ter­pre­ten ver­schie­de­nen Al­ters, die über Rei­fe und ein per­sön­li­ches Aus­drucks­spek­trum ver­fü­gen.

Was ist Ih­nen an der Struk­tur der Ju­ry wich­tig?

Es sol­len kei­ne „Ge­wohn­heits­rech­te“ent­ste­hen. Des­halb ha­be ich ein­ge­führt, dass je­der Ju­ror nach zwei Wett­be­wer­ben für ei­nen Jahr­gang pau­siert. Ver­schie­de­ne äs­the­ti­sche Vor­lie­ben der Ein­zel­ju­ro­ren könn­ten da­zu füh­ren, dass man sich le­dig­lich über die Kor­rekt­heit des Spiels ei­nigt. Des­halb le­ge ich gro­ßen Wert dar­auf, dass die Ju­ry­mit­glie­der die Kan­di­da­ten mit dem größ­ten Ein­falls­reich­tum wei­ter­kom­men las­sen, selbst wenn sie den ein­zel­nen In­ter­pre­ta­tio­nen nicht in al­len Punk­ten zu­stim­men. So sol­len die Ju­rys im Fi­na­le die in­ter­es­san­tes­ten Kan­di­da­ten hö­ren und nicht nur Mu­si­ker, die zwar sau­ber spie­len, aber Zu­hö­rer nicht be­geis­tern. Jeg­li­che Dis­kus­si­on un­ter den Ju­ry­mit­glie­dern ist ver­bo­ten, um ei­ne ge­gen­sei­ti­ge Be­ein­flus­sung der Mei­nun­gen zu ver­mei­den.

Gibt es al­so kei­nen Dia­log der Ju­ro­ren?

Mit der Um­ge­stal­tung von Ju­rys aus Hoch­schul­leh­rern zu gro­ßen Bach-in­ter­pre­ten woll­te ich den Leip­zi­ger Bach-wett­be­werb zu ei­nem Dreh­kreuz der Bach-in­ter­pre­ta­ti­on um­wan­deln. Die Ju­ry­mit­glie­der füh­ren si­cher Dia­lo­ge zu al­len Aspek­ten der Bach­pfle­ge. Das ist viel wich­ti­ger und be­rei­chern­der als po­li­tisch über die Kan­di­da­ten zu strei­ten. Die Teil­neh­mer kön­nen mit den Ju­ry­mit­glie­dern be­ra­ten, wenn sie aus dem Wett­be­werb aus­ge­schie­den sind oder ei­nen Preis ge­won­nen ha­ben. Wo sonst er­hal­ten jun­ge Künst­ler die Ge­le­gen­heit zum Ge­spräch mit so vie­len maß­geb­li­chen In­ter­pre­ten an ei­nem Ort? Das sind un­schätz­ba­re Er­fah­run­gen für ein gan­zes Künst­ler­le­ben. Ein Bei­spiel: Carl Phil­ipp Em­ma­nu­el Bach geht es um die „wah­re Art, das Kla­vier zu spie­len“. Der Bach-sohn gibt kaum An­wei­sun­gen zu ei­ner emo­tio­na­len oder phi­lo­so­phi­schen Aus­le­gung, son­dern zu Spiel, Tech­nik und Auf­füh­rungs­pra­xis. Da un­ter­schei­den sich das von auf­klä­re­ri­schen Im­pul­sen ge­präg­te 18. und das in der Kunst eher emo­tio­nal ge­präg­te 19. Jahr­hun­dert von­ein­an­der. Die Trak­ta­te des 18. Jahr­hun­derts be­schäf­ti­gen sich in ers­ter Li­nie mit Aus­füh­rung. Im 19. Jahr­hun­dert be­han­deln sie Fin­ger­fer­tig­keit und Vir­tuo­si­tät.

Gibt es ei­ne wis­sen­schaft­lich le­gi­ti­mier­te Gren­ze zwi­schen der In­tui­ti­on des Au­gen­blicks in ei­nem Kon­zert und dem No­ten­text?

Der No­ten­text stellt die Ab­sich­ten des Kom­po­nis­ten dar, ist je­doch kei­nes­falls ein lü­cken­lo­ses In­diz zum Vor­trag. Im Ba­rock und der Klas­sik bis in das 19. Jahr­hun­dert wa­ren Ver­zie­rung und Im­pro­vi­sa­ti­on Be­stand­tei­le der Auf­füh­rung und die Kom­po­nis­ten gin­gen von die­sen Er­gän­zun­gen aus. be­son­ders bei Wie­der­ho­lun­gen. Bach und Mo­zart schrei­ben für Schü­ler und Lieb­ha­ber Mus­ter zu die­sen Frei­hei­ten aus, um die sti­lis­ti­schen Fein­hei­ten aus­zu­bil­den. Die Not­wen­dig­keit die­ses Un­ter­rich­tes ist heu­te wich­ti­ger denn je.

Sind es diese Zu­sam­men­hän­ge, um die es in Ih­ren Meis­ter­kur­sen für jun­ge Künst­ler geht?

Ge­nau, aber vor al­lem geht es um äs­the­ti­sche Fak­to­ren wie Gestal­tung, Cha­rak­ter und Rhe­to­rik. Und es geht auch dar­um, in Ih­nen die Lei­den­schaft und Ein­bil­dungs­kraft zu ent­fal­ten. Als Prä­si­dent des Wett­be­wer­bes bin ich nicht Ju­ry­mit­glied, diese Er­fah­rung ha­be ich bei an­de­ren Wett­be­wer­ben ge­sam­melt. Dort ha­be ich immer wie­der er­lebt, dass ex­trem schwe­re Wer­ke wie die zwei­te Kla­vier­so­na­te von Rach­ma­ni­now oder „Gas­pard de la Nuit“von Mau­rice Ra­vel dut­zen­de Ma­le hin­ter­ein­an­der auf­ge­führt wer­den: Mit fast iden­ti­scher meis­ter­haf­ter Spiel­tech­nik und na­he­zu sport­li­cher Sou­ve­rä­ni­tät, aber kaum Aus­drucks­brei­te. Diese per­fek­tio­nis­ti­sche Kon­fek­ti­on soll durch­bro­chen wer­den.

Wol­len Sie jun­gen Mu­si­kern den Weg zu mehr Ri­si­ko und mehr In­di­vi­dua­li­tät auf­zei­gen?

Ei­ne ge­lun­ge­ne In­ter­pre­ta­ti­on muss im Zu­hö­rer das Ge­fühl des Ri­si­kos wach­ru­fen. Die Be­reit­schaft, Chan­cen zu neh­men, stei­gert das Dra­ma und wird aus der In­tui­ti­on des Au­gen­blicks sprin­gen. In­tui­ti­on ist ei­ne Syn­the­se von In­stinkt, der uns an­ge­bo­ren ist, und Wis­sen­schaft, die wir stu­diert ha­ben. Das aus­wen­di­ge Spiel hat sich erst im 19. Jahr­hun­dert eta­bliert, sagt aber nichts zur künst­le­ri­schen Tie­fe.

Tre­ten Sie die­ses Jahr selbst beim Bach­fest­auf?

Am 15. Ju­ni spie­le ich im vier­ten Teil ei­nes Zy­klus aus dem „Wohl­tem­pe­rier­ten Kla­vier“und die „Sie­ben Cha­rak­ter­stü­cke“des Ge­wand­haus­ka­pell­meis­ters Fe­lix Men­dels­sohn Bar­thol­dy. Auf­füh­rungs­ort ist üb­ri­gens die Kon­greß­hal­le, die als Ver­an­stal­tungs­haus am Zoo si­cher erst in zwei­ter Li­nie ein Kon­zert­saal war. Ro­bert Le­vin beim Bach­fest: 15. Ju­ni, 20 Uhr, Kon­greß­hal­le; In­fos und Kar­ten un­ter Tel. 01806 562030; www.bach­fest­leip­zig.de

21. In­ter­na­tio­na­ler Jo­hann-se­bas­ti­an-bach­wett­be­werb Leip­zig: 10. bis 21. Ju­li 2018

Fo­to: An­dré Kemp­ner

Ro­bert Le­vin (70). Die­ses Jahr teil­ten Sie sich mit Andre­as Stai­er die Meis­ter­kur­se für Tas­ten­in­stru­men­te. Sie selbst spie­len auf dem Cem­ba­lo, Ham­mer­kla­vier und Flü­gel Wer­ke vom spä­ten 17. Jahr­hun­dert bis zur Ge­gen­wart. Wie aus­schlag­ge­bend sind für Sie in die­sem enor­men Spek­trum Epo­chen­be­grif­fe wie „Ba­rock“oder „Ro­man­tik“?

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