Der nächs­te Schritt

Auf­rich­tig­keit und Ge­fühl­stie­fe: Da­vid Mur­rays neu­es Al­bum „Blues for Me­mo“

Leipziger Volkszeitung - - KULTUR - VON UL­RICH STEINMETZGER

Aus der Ge­ne­ra­ti­on nach John Col­tra­ne und Al­bert Ay­ler ist Da­vid Mur­ray vom Jahr­gang 1955 ei­ner der Bes­ten. Auf ei­ner Viel­zahl von Auf­nah­men vom in­ti­men Du­ett bis zur Big-band-ein­spie­lung hat er das nach­ge­wie­sen. Mit gra­vi­tä­ti­schem Te­nor­sa­xo­fon­ton ver­gisst er die See­le nicht, bleibt tief ver­wur­zelt in der afro­ame­ri­ka­ni­schen Tra­di­ti­on und ze­le­briert von dort immer wie­der Auf- und Aus­brü­che. Da­vid Mur­ray er­bringt immer neue Be­wei­se da­für, wie das Te­nor das Kö­nigs­in­stru­ment des mo­der­nen Jazz bleibt. Sei­ne Auf­rich­tig­keit und Ge­fühl­stie­fe hat er auch auf die Bass­kla­ri­net­te über­tra­gen, auf der er als le­gi­ti­mer Nach­fol­ger und Wei­ter­den­ker von Eric Dol­phy gilt. Mit mäch­ti­gem Ton ent­geht er sim­plem Epi­go­nen­tum und schwingt sich in ei­ner end­lo­sen Su­che immer wie­der auf zu ver­blüf­fen­den und in Spiel­freu­de hin­ge­brei­te­ten Re­sul­ta­ten.

Der 2017 ge­stor­be­ne ex­po­nier­te ame­ri­ka­ni­sche Jazz­his­to­ri­ker Nat Hen­toff at­tes­tier­te ihm ein­mal, „ei­nes der we­ni­gen ech­ten Ori­gi­na­le der Jazz­sze­ne“zu sein, lob­te sei­nen „iden­ti­fi­zier­ba­ren Sound“so­wie sei­ne „Kraft und Hin­ga­be, die tief in der Ge­schich­te der Mu­sik ver­wur­zelt sind“. Rund um die Welt hat der in Ka­li­for­ni­en ge­bo­re­ne, in Pa­ris und ak­tu­ell wie­der in York le­ben­de Mur­ray an Or­ten, wo die Kinder afri­ka­ni­scher Skla­ven le­ben, immer wie­der diese Ver­wur­ze­lung ver­tieft. Mit Mu­si­kern vor Ort hat er da­bei das klas­si­sche Vo­ka­bu­lar des mo­der­nen Jazz er­wei­tert.

Die Auf­la­dung sei­nes Tons mit ei­ner aus Blues, Spi­ri­tu­al, Gos­pel und Swing ge­speis­ten His­to­rie ist ei­nes sei­ner Mar­ken­zei­chen, das er immer an­ders in ak­tu­el­le Kon­tex­te über­führt. Vor die­sem Hin­ter­grund bil­det die Zu­sam­men­ar­beit mit dem 1972 ge­bo­re­nen far­bi­gen Poe­ten und Rap­per Saul Wil­li­ams ei­nen nächs­ten Schritt. Wie so oft hat Mur­ray da­zu ein Ok­tett for­miert, das er als For­mat zwi­schen klei­ner Be­set­zung und Big Band liebt, hat zu sei­nem lang­jäh­ri­gen In­fi­ni­ty Quar­tet mit Pia­nist Or­rin Evans, Bas­sist Ja­ri­bu Sha­did und Schlag­zeu­ger Nas­heet Waits Po­sau­nist Craig Har­ris, E-pia­nist Ja­son Moran, sei­nen Sohn Min­gus Mur­ray als Gi­tar­rist und den tür­ki­schen Ka­nun­spie­ler Aytac Do­gan ad­diert und mit Per­vis Evans ei­nen zu­sätz­li­chen Vo­ka­lis­ten en­ga­giert.

Ei­gent­lich kommt Saul Wil­li­ams aus der Hip-hop-sze­ne, hat mit di­ver­sen DJS ge­ar­bei­tet und auch mit Al­lan Gins­berg, den Ni­ne Inch Nails oder dem Gi­tar­ris­ten Bu­cke­t­head. Sei­ne Be­rüh­rungs­punk­te zum Jazz wa­ren bis da­to eher mar­gi­nal. Ken­nen­ge­lernt hat Mur­ray ihn 2014 wäh­rend der Trau­er­fei­er für Ami­ri Ba­ra­ka, den Dich­ter, Bür­ger­rechts­ak­ti­vis­ten und Vor­den­ker ei­ner Äs­t­he­tik des far­bi­gen Ame­ri­ka. Wil­li­ams’ Text­vor­trag dort hat Mur­ray in sei­ner ora­to­ri­schen In­ten­si­tät sehr be­ein­druckt – „komm raus aus dem Sarg und mach wei­ter“– und die Idee der nun er­schie­ne­nen Plat­te „Blues for Me­mo“in sei­nem Kopf wach­sen las­sen. „Sei­ne Wor­te wa­ren hef­tig und un­ge­stüm, aber Ba­ra­ka lieb­te sol­che Wor­te“, er­in­nert sich Mur­ray an die­sen Auf­new tritt. Nicht das ers­te Mal ar­bei­tet der Sa­xo­fo­nist mit Schrift­stel­lern, was nun ent­stan­den ist, hat durch­aus Par­al­le­len zu ak­tu­el­len Kol­la­bo­ra­tio­nen von Ar­chie Shepp, Ka­ma­si Washington bis hin zu Kend­rick La­mar.

Hin­ter dem ti­tel­ge­ben­den Me­mo ver­birgt sich der tür­ki­sche Jazz­im­pre­sa­rio Meh­met Ulug(1959–2013). In des­sen Club „Ba­by­lon“in Istan­bul, un­ter­stützt durch die von ihm und zwei Freun­den ge­grün­de­te Initia­ti­ve „Po­zi­tif“, konn­te vie­les statt­fin­den, so dass hier ei­gent­lich erst die Tü­ren für mo­der­nen Jazz in der Tür­kei auf­gin­gen. Künst­ler wie Pha­roah San­ders, Sun Ra oder Butch Mor­ris tra­ten hier nicht nur auf, son­dern ge­nos­sen au­ßer­or­dent­lich gu­te Ar­beits­be­din­gun­gen. Die Hin­zu­nah­me der im Kon­text die­ser weit aus­ho­len­den CD exo­ti­schen Kas­ten­zi­ther Ka­nun ist ein Fin­ger­zeig auf die hier mög­li­chen Grenz­über­schrei­tun­gen, die Da­vid Mur­ray dort seit 1991 immer wie­der prak­ti­zier­te. Kurz nach dem Tod Me­mos gab 2014 ei­ne Be­geg­nung mit den tür­ki­schen Initia­to­ren in New York dann die Initi­al­zün­dung für ihm ge­wid­me­te Kom­po­si­tio­nen. An drei Ok­to­ber­ta­gen des Fol­ge­jah­res wur­den sie in ei­nem Istan­bu­ler Stu­dio um­ge­setzt: gren­zen­lo­se und groß­flä­chi­ge Mu­sik, po­li­tisch, en­ga­giert und bers­tend vor Emo­ti­on.

Da­vid Mur­ray feat. Saul Wil­li­ams: Blues for Me­mo. Mo­té­ma Mu­sic/rough Tra­de

Fo­to: Fa­b­ri­ce Mon­tei­ro

Da­vid Mur­ray über­zeigt mit gren­zen­lo­ser, groß­flä­chi­ger Mu­sik.

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