Die Bri­ten ent­de­cken ihr sau­be­res Herz

In Corn­wall gibt es die ers­te plas­tik­freie Stadt, und auch die Queen ver­bie­tet Ein­weg­be­cher: Mit der Do­ku „Der Blaue Pla­net“hat die BBC ei­nen Trend los­ge­tre­ten, der nun auch Deutsch­land er­rei­chen könn­te

Leipziger Volkszeitung - - AUS ALLER WELT - VON KATRIN PRIBYL

Je­den Sonn­tag­abend ver­sam­mel­te sich die bri­ti­sche Na­ti­on vor dem Bild­schirm, um ab­zu­tau­chen. Es ging vom So­fa aus in die leuch­ten­de Tief­see, durch far­ben­fro­he Koral­len­rif­fe, in den dich­ten Un­ter­was­serd­schun­gel und in die dunk­le, un­be­kann­te Was­ser­wüs­te der Hoch­see. In der Wo­che dar­auf dis­ku­tier­te das Land auf­ge­regt über Teu­fels­ro­chen und La­ter­nen­fi­sche. Über Dick­kopf-st­a­chel­ma­kre­len, die sich aus dem Was­ser ka­ta­pul­tie­ren, um Vö­gel im Flug zu fan­gen. Über Fi­sche, die auf Fel­sen sprin­gen. Die sechs­tei­li­ge Bbc-do­ku­men­ta­ti­on „Der Blaue Pla­net“(„Blue Pla­net II“) war ab Herbst ver­gan­ge­nen Jah­res um­wer­fen­des Er­leb­nis­fern­se­hen zur Mu­sik des deut­schen Film­kom­po­nis­ten Hans Zim­mer. Ab Mon­tag­abend, 20.15 Uhr, wird die Na­tur­se­rie nun auch in der ARD aus­ge­strahlt – und die grü­ne Wel­le könn­te da­mit auch nach Deutsch­land schwap­pen.

In Groß­bri­tan­ni­en hat die Bbcse­rie, die im Schnitt mehr als elf Mil­lio­nen Zu­schau­er sa­hen, auf­ge­rüt­telt und den grü­nen Trend auf der In­sel in al­le Win­kel des Kö­nig­reichs ver­brei­tet. Bil­der von ei­nem Ba­by-pott­wal mit Plas­tik­ei­mer im Maul oder von Al­ba­tros­sen, die ih­re Jun­gen mit Plas­tik füt­tern, sorg­ten für ei­nen Sturm der Ent­rüs­tung. Der 91-jäh­ri­ge Sir Da­vid At­ten­bo­rough, so was wie der Opa al­ler Bri­ten und der Er­zäh­ler der bri­ti­schen Aus­ga­be der Na­tur­se­rie, mahn­te ein­dring­lich: „Die Zu­kunft al­len Le­bens hängt jetzt von uns ab.“Und Po­li­ti­ker wie Un­ter­neh­men, Pri­vat­leu­te wie Su­per­markt­ket­ten schei­nen sei­nem Auf­ruf, den Kampf ge­gen Plas­tik zu in­ten­si­vie­ren, fol­gen zu wol­len.

„Ich wer­de nie wie­der ei­ne Plas­tik­tü­te be­nut­zen“, schrieb ei­ne En­g­län­de­rin auf Twit­ter. „Ich wei­ne fast, wir müs­sen et­was än­dern“, tweete­te ei­ne an­de­re Nut­ze­rin. Es herrscht Auf­bruch­stim­mung in ei­nem Land, in dem Um­welt­stan­dards in der Ver­gan­gen­heit vor al­lem we­gen Euricht­li­ni­en er­reicht wur­den und die bri­ti­sche Po­li­tik sich vor­nehm­lich zu­rück­hielt. Doch in der Ge­sell­schaft hat ein Um­den­ken ein­ge­setzt. So fei­ern et­wa Milch­män­ner im Kö­nig­reich ei­ne Re­nais­sance, die es auch auf die Tv-do­ku zu­rück­füh­ren, dass immer mehr Men­schen mor­gens ih­re Milch lie­ber in der Glas­fla­sche vor der Tür wün­schen, als sie im Plas­tik­be­häl­ter zu kau­fen.

Um­welt­mi­nis­ter Micha­el Go­ve schlug laut­stark Alarm und gab zu, dass ihn die Bil­der von „Der Blaue Pla­net“ver­folg­ten. Von ihm vor­an­ge­trie­ben, be­müht sich die Re­gie­rung zu­neh­mend, um­welt­freund­li­che Ge­set­ze auf den Weg zu brin­gen. Go­ves Che­fin, Pre­mier­mi­nis­te­rin The­re­sa May, kün­dig­te erst kürz­lich ei­nen 25-Jah­res-plan an, mit dem der Ver­brauch von Plas­tik dras­tisch ge­senkt wer­den soll. So will die Re­gie­rung ei­ne Ab­ga­be auf Weg­werf­ver­pa­ckun­gen, vor al­lem auf nicht wie­der­ver­wert­ba­re Plas­tik­fla­schen, er­he­ben und Su­per­märk­te da­von über­zeu­gen, „plas­tik­freie Re­ga­le“ein­zu­rich­ten. Tü­ten kos­ten be­reits seit drei Jah­ren fünf Pence pro Stück. Seit An­fang Ja­nu­ar 2018 ist die Her­stel­lung, ab Ju­li 2018 auch der Ver­kauf von Mi­kro­plas­tik in Kos­me­ti­ka ver­bo­ten.

Viel wei­ter sind sie da schon in Corn­wall im Süd­wes­ten En­g­lands. Die Kle­in­stadt Penz­an­ce darf als ers­te im Kö­nig­reich den of­fi­zi­el­len Sta­tus „plas­tik­frei“tra­gen. Der Ti­tel wur­de von der Um­welt­or­ga­ni­sa­ti­on „Sur­fers against Se­wa­ge“(Sur­fer ge­gen Müll) ver­lie­hen, die re­gel­mä­ßig die Be­woh­ner der Ge­mein­den da­zu auf­ruft, die Strän­de und Küs­ten­strei­fen von Plas­tik­müll, ent­we­der dort ent­sorgt oder vom Meer an­ge­spült, zu be­frei­en. Vor Ort wol­len sie aber noch wei­ter ge­hen, ins­be­son­de­re in Penz­an­ce. Et­li­che Ein­zel­händ­ler ver­zich­ten auf Ein­mal­plas­tik, Re­stau­rants und Ca­fés er­set­zen Plas­tik­be­steck und -stroh­hal­me durch Holz­ver­sio­nen, Tou­ris­ten trin­ken Kaf­fee aus kom­pos­tier­ba­ren Be­chern. Mitt­ler­wei­le fol­gen mehr als 100 an­de­re, vor al­lem an der Küs­te ge­le­ge­ne Ge­mein­den dem En­ga­ge­ment und be­mü­hen sich eben­falls um ein Plas­tik­frei­zer­ti­fi­kat.

Die Bri­ten ha­ben ih­re Lie­be für den Um­welt­schutz neu ent­deckt – und so­gar die Queen macht mit. Plas­tik­stroh­hal­me und -fla­schen sind künf­tig auf al­len kö­nig­li­chen Gü­tern ver­bo­ten Auch ex­ter­ne Ca­te­rer müs­sen sich an die neu­en Vor­schrif­ten hal­ten. Der kö­nig­li­che Haus­halt ha­be sich für diese Ent­schei­dung von der BBC in­spi­rie­ren las­sen.

Vier Jah­re lang wa­ren ver­schie­de­ne Teams auf 125 Ex­pe­di­tio­nen un­ter­wegs, be­such­ten 39 Län­der und film­ten auf je­dem Kon­ti­nent so­wie in je­dem Oze­an mit neu­er Tech­no­lo­gie, Droh­nen, Mi­ni-u-boo­ten und En­do­skop­ka­me­ras. Es ka­men mehr als 6000 St­un­den auf Tauch­gän­gen zu­sam­men. Und atem­be­rau­ben­de Bil­der, die es so noch nie zu­vor gab. Ver­ant­wort­li­cher Pro­du­zent des Mam­mut-pro­jek­tes war Ja­mes Ho­ney­bor­ne, selbst Bio­lo­ge und pas­sio­nier­ter Tau­cher. Am meis­ten freut ihn, dass die jun­ge Ge­ne­ra­ti­on ge­nau­so fas­zi­niert ist wie die Al­ten, sagt er. Das ge­be ihm Hoff­nung für die Zu­kunft. „Die jun­gen Leu­te sind an der Um­welt in­ter­es­siert, das ist ei­ne glo­ba­le Be­we­gung.“

Die Zu­kunft al­len Le­bens hängt jetzt von uns ab. Sir Da­vid At­ten­bo­rough, bri­ti­scher Tier­fil­mer und Na­tur­for­scher

Die Bil­der aus der Bbc-do­ku­men­ta­ti­on „Der blaue Pla­net“ha­ben Mil­lio­nen Men­schen auf­ge­rüt­telt. Fo­to: dpa Fo­to: dpa Fo­tos: ARD

Mit En­ga­ge­ment: Frei­wil­li­ge le­gen ei­ne Herz­form aus Plas­tik­fla­schen am Ufer der Them­se in der Nä­he der Docks im Stadt­zen­trum. Ak­ti­on: Frei­wil­li­ge sam­meln und zäh­len Plas­tik­fla­schen am Ufer der Them­se.

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