Schwimm­kurs oh­ne die Beat­les

Ver­zicht­ba­res über Pop-kul­tur von Li­nus Volk­mann

Leipziger Volkszeitung - - SZENE LEIPZIG - VON BEN­JA­MIN HEI­NE

Halt, stopp. Lie­be Krea­ti­ve und Kul­tur­schaf­fen­de, die ihr schrei­ben könnt und/ oder ganz lus­ti­ge Ty­pen seid: Ja, die Ver­lo­ckung ist groß heut­zu­ta­ge, sich mit ein paar Zet­teln, ei­nem Lap­top und ei­nem Bea­mer auf ’ne Büh­ne zu set­zen. Man hat ja gu­te Tex­te in pet­to, und ei­ne Po­wer­point-prä­sen­ta­ti­on ist schnell er­stellt. Da­zu ein paar Vi­deo­clips oder Song­da­tei­en ab­spie­len und biss­chen was er­zäh­len. Wird schon ir­gend­wie lus­tig. Eben nicht. Oder sa­gen wir: nicht wirk­lich. Man sieht diese ge­fähr­li­che Mi­schung aus Selbst­über­schät­zung und un­ge­nü­gen­der Vor­be­rei­tung die­ser Ta­ge öf­ter auf Büh­nen, zum Bei­spiel am Sams­tag im Kup­fer­saal, wo Pop­jour­na­list Li­nus Volk­mann den Flow nicht fin­det. Er schwimmt in ei­nem gro­ßen Be­cken von hal­ben und gan­zen Sät­zen, klei­nen Witz­chen und breit­ge­tre­te­nen Po­in­ten, immer ganz nah an der rot-wei­ßen Schaum­stoff-ket­te aus Ähs ent­lang.

„Die Beat­les sind Idio­ten – Ra­dio­head auch“ist sei­ne „Le­se-show in Wort und Bild“über­schrie­ben. Dar­in wür­de er die Pop­kul­tur de­mo­lie­ren, steht in der An­kün­di­gung, und ver­mut­lich ist das Pu­bli­kum des­halb er­schie­nen (ge­wag­te Ar­beits­hy­po­the­se). Na­tür­lich war vor­her klar, dass der lang­jäh­ri­ge In­tro-re­dak­teur nicht nur die ganz Gro­ßen des Pop, son­dern auch man­che In­de­pen­dent-band durch den Ka­kao zie­hen wür­de, wie er es schon in „Kur­zer Pro­zess“on­li­ne tat. Klar war der Ti­tel mit den Beat­les und Ra­dio­head als ma­xi­ma­le Po­le­mik ge­wählt (was Volk­mann zu Be­ginn auch zu­gibt). Aber dass er dann nicht ein Wort über die Beat­les und nicht eins über Ra­dio­head ver­liert, dass sein De­mo­lie­ren der Pop­kul­tur nicht über „Cold­play sind die U2 für Eis­ver­käu­fer“und „Es gibt nur ei­ne Band, bei der der Na­me wirk­lich Pro­gramm ist: Die To­ten Ho­sen“hin­aus­geht, ist doch ein biss­chen we­nig, oder?

Na­tür­lich ist es den­noch un­ter­halt­sam, und es gibt auch Sub­stan­zi­el­les. Der stän­dig am Jä­ger­meis­ter-co­la-glas nip­pen­de Volk­mann („Frü­her hab ich Wod­ka-red­bull ge­trun­ken, aber man wird ja rei­fer“) hat Brit­ney Spears’ „Hit me Ba­by one mo­re Ti­me“als Ein­lauf­mu­sik ge­wählt, er­in­nert sich an Be­su­che in der Il­se und im Con­ne Is­land. Der Text, der die Elek­tro­pun­ker von Ego­tro­nic als Zi­vil­po­li­zis­ten ent­larvt, ist wie ei­ni­ge an­de­re zu kurz. Der über Volk­manns Hei­rat mit Ri­han­na da­für zu lang. Schön blöd sind aber bei­de. Und doch nichts im Ver­gleich zum ge­zeig­ten be­scheu­erts­ten Band­fo­to al­ler Zei­ten: Die drei Mit­glie­der von Die An­ge­fah­re­nen Schul­kin­der nackt, der Typ in der Mit­te hockt breit­bei­nig da, die bei­den ne­ben ihm ste­hen­den le­gen ihm auf die Schul­ter ih­re … aber las­sen wir das.

Wie Volk­mann Fri­da Golds Mu­sik als „ver­ton­te Ho­ro­sko­pe“so­wie das gna­den­lo­se Aus­schlach­ten der Nackt­heit von Sän­ge­rin Ali­na Süg­ge­ler ent­larvt, das be­nennt ei­nen wun­den Punkt der Pop­kul­tur, de­mo­liert tat­säch­lich mal den schö­nen Schein. Aber wen über­rascht das schon bei so ’ner Band? Da hät­te man lie­ber mal was Schlech­tes über sol­che Lieb­lin­ge der Kri­tik wie eben die Beat­les oder Ra­dio­head ge­hört.

Fo­to: Dirk Kn­ofe

We­nig Er­hel­len­des von Li­nus Volk­mann am Sams­tag im Kup­fer­saal.

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.