Bier­wa­gen statt Kö­ni­gin

Ver­sen­gold lässt sein Pu­bli­kum in der Pe­ters­kir­che tan­zen

Leipziger Volkszeitung - - SZENE LEIPZIG - VON BERT HÄHNE

Es riecht nach fri­scher Fried­hofs­er­de, das Pu­bli­kum ist über­wie­gend schwarz ge­klei­det: In der aus­ver­kauf­ten Pe­ters­kir­che war­tet am Sams­tag­abend al­les auf die Band Ver­sen­gold. Pünkt­lich um acht be­ginnt hier ein vor­weg­ge­nom­me­nes Wa­ve-go­tik-tref­fen in auf­ge­räumt-fa­mi­liä­rer Stim­mung. Die Fol­ker aus Bre­men le­gen los, und vom ers­ten Takt an fliegt der Fun­ke über.

Kei­ne Vor­band, kei­ne Ver­zö­ge­rung, Mal­te Hoy­er und sei­ne Män­ner sind da und so­fort prä­sent, un­ter an­de­rem mit Stü­cken ih­rer ak­tu­el­len CD „Fun­ken­flug“. Für ih­re „Nacht der Bal­la­den“ha­ben sie sich weib­li­che Ver­stär­kung mit­ge­bracht, ein Streich­quar­tett und Gast­sän­ge­rin Sil­via. Dies­mal gibt es we­nig Par­ty-tanz-und-fidd­le-folk, son­dern die lang­sa­men Zu­hör­stü­cke, die mit den lan­gen Tex­ten, die sich kein Mensch mer­ken kann, wie Hoy­er ab und zu be­tont. Doch er selbst ist schuld dar­an, ge­steht er, denn er schreibt diese Tex­te – und singt sie und er­zählt zwi­schen den Lie­dern per­sön­li­che Ge­schich­ten.

Es geht um den Feu­er­geist und die Ne­bel­fee, um die Schön­heit der Schat­ten und das un­end­lich trau­ri­ge Miss­ver­ständ­nis des Tjark Evers, den die Flut hol­te, weil er statt am Strand sei­ner In­sel bei Nacht und Ne­bel auf ei­ner Sand­bank ab­ge­setzt wor­den war. Es geht je­doch eben­so um ein Fass Wein für den Sän­ger al­lein oder ein trotz al­ler Wid­rig­kei­ten nicht ver­schüt­te­tes Glas Bier. Bei „Haut mir kein’ St­ein“(Bot­schaft: Setzt mir kei­nen Gr­ab­stein im Fal­le mei­nes Ab­le­bens) ste­hen al­le auf, wäh­rend der cha­ris­ma­ti­sche Sän­ger von der Kan­zel grüßt.

Der im­po­san­te Kir­chen­raum wird je­der­zeit ernst ge­nom­men und trägt mit Op­tik und At­mo­sphä­re zum nie ge­fähr­de­ten Ge­lin­gen des Abends bei. Zu Ver­sen­golds Folk, der sich nah am Hea­vy Me­tal, dunk­ler Ro­man­tik und so­gar am Ost-rock à la Ci­ty oder Lift be­wegt, wird un­will­kür­lich der Wunsch nach Ge­mein­schaft Wirk­lich­keit. Die ho­he und wei­te (neo-)go­ti­sche Ka­the­dra­le gibt gleich­zei­tig Raum und Ge­bor­gen­heit, die im Chor­raum ef­fekt­voll be­leuch­te­ten Mu­si­ke­rin­nen und Mu­si­ker könn­ten der Ho­he Rat oder Ähn­li­ches sein. Und wenn jetzt die Kö­ni­gin her­ein­ge­rit­ten kä­me, ganz gleich ob Cer­s­ei oder Ge­no­ve­va, es wür­de kaum ei­nen wun­dern. Doch sie kommt nicht, es ist Pau­se – mit ei­nem Bier­wa­gen vor dem Haupt­por­tal.

In der zwei­ten Halb­zeit zie­hen Ver­sen­gold das Tem­po an. Immer öf­ter steht das Pu­bli­kum, tanzt oder stellt in sei­ner be­weg­ten Ge­samt­heit das Meer dar. Es hört un­ter an­de­rem „Na­men von Mil­lio­nen“oder dass sich die Band im Herbst 2003 im Kel­ler von Mal­te Hoy­ers El­tern ge­grün­det hat und nie Lie­der an­de­rer Bands nach­spie­len woll­te. „Tjark Evers“von den be­freun­de­ten Schand­mäu­lern be­ein­druck­te sie al­ler­dings der­ar­tig, dass ei­ne Aus­nah­me fäl­lig war. Ei­ne wei­te­re Aus­nah­me bil­det das En­de des Kon­zerts in der Pe­ters­kir­che. Die Zu­schau­er müs­sen nicht „Zu­ga­be!“ru­fen, Hoy­er & Co. set­zen von sich aus fort und ver­ab­schie­den die be­seel­te Ge­mein­schaft schließ­lich mit ih­rem „Schlaf­lied“.

Fo­to: Dirk Kn­ofe

Be­rau­schend: die Band Ver­sen­gold in der Pe­ters­kir­che.

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.