Mix­ge­trän­ke von der Büh­ne

Ne­ben Still Trees sieht der Haupt­act We In­ven­ted Pa­ris im Werk 2 blass aus

Leipziger Volkszeitung - - SZENE LEIPZIG - VON BEN­JA­MIN HEI­NE

Jetzt ha­ben sie al­so nicht nur das Hals­bon­bon er­fun­den, diese Schwei­zer, son­dern auch noch je­ne Mi­nia­tur­welt, die man oben vom Eif­fel­turm aus be­trach­ten kann. Das je­den­falls be­haup­ten der Ba­se­ler Fla­vi­an Gra­ber und sei­ne Band: We In­ven­ted Pa­ris. Weil sich aber gro­ße Tei­le eben die­ser Band kürz­lich ver­ab­schie­det ha­ben, muss­te sich Gra­ber für die ak­tu­el­le Tour was Neu­es über­le­gen.

Dass er das ge­tan hat, ist am Frei­tag­abend in der Hal­le D im Werk 2 zu se­hen: Gra­ber spielt zu­nächst ei­ne hal­be St­un­de im Duo mit ei­nem Gi­tar­ris­ten na­mens Sand­ho­fer We-in­ven­ted-pa­ris-songs im drei­mal zu oft als „80s-trash-dis­co“an­ge­kün­dig­ten neu­en 80s-trash-dis­co­ge­wand, mit „den tra­shigs­ten Dis­ko­lam­pen“und ei­nem Phil­ipp, der mit­ten auf der Büh­ne Cock­tails mixt und Ein­zel­stück für Ein­zel­stück im Pu­bli­kum ser­viert.

Das ist un­ge­fähr zwei Mo­men­te lang amü­sant (1.: Mixt der Typ da auf der Büh­ne Ge­trän­ke? 2.: Ja krass, der Typ da auf der Büh­ne mixt Ge­trän­ke), und schon fragt man sich ernst­haft, was das soll. Wenn über­haupt sorgt es ja da­für, dass man sich spä­ter an das Kon­zert mit dem Bar­kee­per auf der Büh­ne er­in­nert, aber Band­na­men und Mu­sik erst recht ver­ges­sen hat.

Das ist aber nicht der Kern des Pro­blems. Es sind auch nicht Zei­len wie „The Fi­re in my He­art is kil­ling me“. Das Pro­blem liegt viel mehr dar­in, dass Gra­ber auf die Be­son­der­heit je­des, wirk­lich je­des „be­son­de­ren“noch so of­fen­kun­di­gen De­tails sei­ner Show hin­weist: Als ob nicht je­der den Fern­se­her auf dem Kopf des Gi­tar­ris­ten se­hen wür­de, spricht er vom „TV Head“. Und vom Ba­by­s­tram­pel­an­zug am Merch-tisch. Und da­von, dass sei­ne Kon­zer­te immer „ein biss­chen an­ders“sind und er jetzt mal run­ter ins Pu­bli­kum kommt, um da un­ver­stärkt ein paar Songs zu spie­len (was er immer tut). Der Blick auf die Gar­de­ro­ben­mar­ke am En­de des Abends fasst das pri­ma zu­sam­men: je­de vier­stel­li­ge Zahl könn­te da ste­hen, aber nein, es ist „0814“, al­so ge­nau die, die über­deut­lich „Nicht 0815!“sagt.

Und doch – das Kon­zert bleibt auch in mu­si­ka­li­scher Hin­sicht in Er­in­ne­rung. Dank der Vor­band, Still Trees. Wie diese fünf Zwi­ckau­er Jungs da mit drei Gi­tar­ren, Bass und Schlag­zeug ih­re sechs „Let­ters to Lu­cil­le“hin­schmet­tern, ist ei­ne wah­re Freu­de. Der Bas­sist hält sein In­stru­ment qua­si di­rekt am Kinn, der Sän­ger trägt Cords­ak­ko, die Bril­le un­ter den Bril­len und da­zu die Un­fri­sur un­ter den Un­fri­su­ren. Seit das Hips­ter­tum al­le Co­des des „Un­coo­len“zum „Coo­len“sub­li­miert hat, kann man sol­che Ty­pen na­tür­lich nicht mehr ein­ord­nen. Gest­ri­ge Hill­bil­lies oder zeit­geis­ti­ge Ober­che­cker? Man weiß es nicht. Und es ist auch egal.

Im ers­ten Song reißt gleich ’ne Sai­te, zwei­stim­mi­ger Ge­sang mit vie­len Aaa­haahs und Uu­uhu­uhs trifft auf schmis­si­ge Gi­tar­ren und eng­li­sche Tex­te. Als ob die mitt­le­ren Beat­les Songs von The Clash träl­lern, wäh­rend ein paar Arc­tic Mon­keys in den stil­len Bäu­men hän­gen. Man kriegt das Grin­sen gar nicht mehr aus dem Ge­sicht und die Bei­ne nicht wie­der un­ter Kon­trol­le. Wie nei­disch man auch gleich wird auf all diese 16-Jäh­ri­gen, die 1960 zum ers­ten Mal die Beat­les hör­ten, oh­ne vor­her 50 Jah­re Pop­mu­sik zu ken­nen!

Dass Still Trees die Haupt­band des Abends der­ma­ßen weg­bläst, statt für sie ein­zu­hei­zen, macht das Zwi­ckau­er Quin­tett zwei­fels­oh­ne zur schlech­tes­ten Vor­band der Welt.

Fo­to: Dirk Kn­ofe

We In­ven­ted Pa­ris ha­ben im Werk 2 auf sehr vie­les sehr oft hin­ge­wie­sen. Sie hät­ten mehr­mals ru­hig ih­re Vor­band er­wäh­nen kön­nen.

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