Zu viel Mut ist auch nicht gut

Leipziger Volkszeitung - - OLYMPIA - VON JENS WEIß­FLOG

A uch wenn mitt­ler­wei­le ein ge­wis­ser Ab­stand da ist, fie­be­re ich na­tür­lich noch immer mit den Ski­sprin­gern mit. Vor al­lem wenn sie un­ten sind, ein Sprung ge­glückt ist oder nicht, ist das Hin­ein­ver­set­zen in die Jungs noch immer da.

Zu mei­ner ak­ti­ven Zeit ha­be ich bei den Wett­be­wer­ben immer ver­sucht, ei­ne Wel­len­be­we­gung zwi­schen Kon­zen­tra­ti­on und Ent­span­nung zu schaf­fen. In der Zeit, in der ich auf dem Bal­ken ge­ses­sen ha­be, war ich am meis­ten fo­kus­siert. Und die Zeit in der Luft? Die stel­len sich ja vie­le als die Er­fül­lung des Trau­mes vom Flie­gen vor. Aber als Sprin­ger ha­be ich nie ge­dacht: „Oh, das ist jetzt aber schön.“Ein­fach, weil man ak­tiv mit den Luft­kräf­ten ar­bei­tet. Zum Ge­nie­ßen bleibt kei­ne Zeit. Der Ge­nuss kam bei mir erst un­ten und wenn ich wuss­te: Das war weit, der Sprung ist ge­lun­gen. Dann fiel mir ei­ne Last von den Schul­tern.

Wenn ich ge­fragt wer­de, wel­che Rol­le die Angst im Ski­sprin­gen ein­nimmt, kann ich grund­sätz­lich sa­gen: Angst ist nichts Ne­ga­ti­ves, Angst ist das Ge­gen­teil von Mut – und zu viel Mut ist manch­mal auch nicht gut. Die Mi­schung macht’s – wie beim Sil­ber-sprung von Andre­as Wel­lin­ger am Sonn­abend. Ein ge­sun­der Re­spekt schützt vor un­be­dach­ten Hand­lun­gen. Aber das Angst­ge­fühl soll­te nie über­wie­gen, die Sprin­ger müs­sen mit Selbst­ver­trau­en her­an­ge­hen – auch wenn sie wis­sen, dass ein Sprung un­ter be­stimm­ten äu­ße­ren Be­din­gun­gen manch­mal kaum kal­ku­lier­bar ist. Die Sprin­ger müs­sen wis­sen, was pas­sie­ren KÖNN­TE.

Auch wenn das Ski­sprin­gen heu­te ver­gli­chen mit mei­ner Zeit si­cher nicht ein­fa­cher ge­wor­den ist, gibt es ei­nen gro­ßen Un­ter­schied: die Spur. Die ist heu­te gleich­mä­ßig und vor­ge­ge­ben. Ich er­in­ne­re mich an die Ski­flug-wm 1985. Da sind wir mit 110 St­un­den­ki­lo­me­tern den An­lauf hin­un­ter­ge­fah­ren – oh­ne Spur. So ab­zu­sprin­gen, das war schwie­rig.

Wäh­rend der Olym­pi­schen Win­ter­spie­le 2018 wech­seln sich an die­ser Stel­le die Olym­pia­sie­ger Ma­ria Höfl-riesch (Ski alpin), Ka­ti Wil­helm (Bi­ath­lon), Jens Weiß­flog (Ski­sprung) so­wie Olym­pia­teil­neh­mer und En­ter­tai­ner Han­si Hin­ter­se­er (Ski alpin) mit...

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