14 Zen­ti­me­ter feh­len zu Gold

Si­mon Sch­empp und Mar­tin Four­ca­de lie­fern sich im Bi­ath­lon-mas­sen­start ei­nen pa­cken­den Schluss­spurt – der Fran­zo­se ge­winnt

Leipziger Volkszeitung - - OLYMPIA - VON UWE KÖS­TER

PYEONG­CHANG. Wel­che Win­zig­keit zu Gold Bi­ath­let Si­mon Sch­empp ge­fehlt hat, be­schäf­tigt Ba­tail­lo­ne von Ana­lys­ten. Die Zeit­mes­sung sagt: 18 Tau­sends­tel­se­kun­den ist Mar­tin Four­ca­de eher im Ziel. Die Ma­the­ma­ti­ker ha­ben er­rech­net: Das sind bei ei­nem Speed von acht Me­tern pro Se­kun­de 14 Zen­ti­me­ter. Sch­empp spe­ku­liert: „Wä­re es noch fünf Me­ter wei­ter­ge­gan­gen, hät­te es viel­leicht ge­reicht.“Der Prak­ti­ker fragt: Wel­che Schuh­grö­ße ha­ben Sie, Si­mon? Schlag­fer­ti­ge Antwort: „Zwei Num­mern zu klein.“

Mas­sen­start der Män­ner. Was war das für ein ir­res Ren­nen. Das spek­ta­ku­lärs­te, pa­ckends­te, dra­ma­tischs­te, auf­re­gends­te Bi­ath­lon­ren­nen hier in Ko­rea, viel­leicht bei Olym­pia über­haupt. Nach dem letz­ten Schie­ßen ver­las­sen Four­ca­de und Sch­empp gleich­zei­tig den Schieß­stand. Kopf an Kopf has­ten sie Rich­tung Ziel. Der Spurt: For­ca­de liegt vorn, Sch­empp holt Zen­ti­me­ter für Zen­ti­me­ter auf, fürs blo­ße Au­ge über­que­ren sie mit lan­gem Schritt die Zi­el­li­nie gleich­zei­tig. Fo­to­fi­nish.

So er­le­ben die bei­de Ath­le­ten die­sen Wahn­sinns­spurt und die ban­gen Se­kun­den da­nach:

Mar­tin Four­ca­de, der sei­nen Stock wü­tend auf den Bo­den knall­te, sagt: „Ich war mir si­cher, dass Si­mon es ge­schafft hat. Vor vier Jah­ren ha­be ich so ei­nen Spurt ge­gen Emil (Heg­le Svend­sen, Anm. d. Red.) ver­lo­ren. Ich dach­te, es ist jetzt wie­der so. Si­mon ist ein sehr gu­ter Sprin- ter, das ist nicht so mei­ne Qua­li­tät. Ich ha­be auf den letz­ten Me­tern ge­fühlt, dass er mich ein­holt.“

Si­mon Sch­empps Sicht der Din­ge: „Ich bin immer nä­her ge­kom­men. Im Ziel wuss­te ich nicht, wer vor­ne lag. Er wuss­te es auch nicht. Ich ha­be auf die An­zei­ge ge­schaut, da stand erst sein Na­me, dann mein Na­me, dann Fo­to­fi­nish und kei­ne Plat­zie­rung. Nach zwei, drei Mi­nu­ten, kann das sein?, ha­be ich ge­se­hen, dass er Ers­ter ist.“Ers­ter Ge­dan­ke? „Zu­erst ha­be ich ge­dacht ,Shit’, weil es so knapp war. Im zwei­ten Mo­ment ist mir be­wusst ge­wor­den, dass das mei­ne ers­te olym­pi­sche Me­dail­le in ei­nem Ein­zel­wett­kampf ist. Ich bin to­tal glück­lich mit Sil­ber.“

Bei all­dem geht die Dra­ma­tik im Kampf um Rang drei un­ter. Doch Erik Les­ser und Be­ne­dikt Doll zie­hen im Schluss­sprint ge­gen den Nor­we­ger Emil Heg­le Svend­sen nur knapp den Kür­ze­ren. Les­ser feh­len ge­ra­de mal 0,4 Se­kun­den auf Bron­ze, Doll wird Fünf­ter. Trai­ner Mark Kirch­ner: „Ein über­ra­gen­des Er­geb­nis.“

Doch Si­mon Sch­empp ist die Sto­ry des Ta­ges. Die kom­plet­te Mann­schaft hebt den Schwa­ben im Ziel hoch und fei­ert ihn wie ei­nen Sie­ger. Denn dass Sch­empp über­haupt bei Olym­pia star­ten kann, ist ein klei­nes Wun­der. Dass er ei­ne Me­dail­le ge­winnt, ein gro­ßes. Seit De­zem­ber pla­gen den 29-Jäh­ri­gen Rü­cken­pro­ble­me, rät­sel­haf­te, lan­ge nicht in den Griff zu krie­gen.

Was war da los? Jetzt wird’s un­an­ge­nehm. „Schmer­zen über­all. Es war im Hin­tern und ist in die Ober­schen­kel aus­ge­strahlt. Im schlimms­ten Fall war die Sau­er­stoff­ver­sor­gung nicht mehr ge­ge­ben und die Mus­kel­strän­ge im Rü­cken ha­ben zu­ge­macht. Da kann man sich dann ganz schwer be­we­gen“, er­zählt Sch­empp. Er quäl­te sich von Welt­cup zu Welt­cup, nach dem letz­ten in Ant­holz En­de Ja­nu­ar war es be­son­ders schlimm. „In Ant­holz war ich im Ziel, bis ich mich um­zie­hen konn­te, war fast ’ne Vier­tel­stun­de da­hin. Am nächs­ten Tag war al­les so fest und zu, dass an ei­nen Wett­kampf nicht zu den­ken war.“An Olym­pia ei­gent­lich auch nicht.

Was hat er un­ter­nom­men? „Da­für reicht die Zeit nicht aus“, sagt Sch­empp und er­zählt dann doch: „Ich bin wahn­sin­nig viel be­han­delt wor­den, vie­le Leu­te ha­ben auch Ur­lau­be ge­op­fert, um nach mei­nem Rü­cken zu schau­en. Trotz­dem durf­te ja das Trai­ning nicht lei­den. Ich bin in der Re­ge­ne­ra­ti­ons­pha­se immer ir­gend­wo hin­ge­fah­ren und dann wur­de da was ge­macht und dort was ge­macht. Es war sehr tur­bu­lent. Dann ist es schlag­ar­tig bes­ser ge­wor­den. Trotz­dem war es ei­ne Wun­der­tü­te, wie es hier sein wür­de, wenn die Wett­be­wer­be los­ge­hen.“

In der Wun­der­tü­te liegt Sil­ber. In der Pres­se­kon­fe­renz wird Si­mon Sch­empp ge­fragt, ob er Gold ver­lo­ren oder Sil­ber ge­won­nen hat. Er lacht, was für ei­ne Fra­ge: „Ich ha­be die Sil­ber­me­dail­le ge­won­nen!“

Und das glaubt ihm na­tür­lich je­der aufs Wort.

Fo­to: AP

Völ­lig er­schöpft: Si­mon Sch­empp nach dem spek­ta­ku­lä­ren Schluss­sprint.

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