HSV im Ab­schieds­mo­dus

Die Fans schwen­ken um: Aus Zu­nei­gung wird Wut – Hoff­mann wird zum Hoff­nungs­trä­ger

Leipziger Volkszeitung - - SPORT - VON ANDRE­AS HARDT

HAM­BURG. Letz­te Hoff­nung Hoff­mann – so kann man den Aus­gang der Prä­si­den­ten­wahl beim Ham­bur­ger SV in­ter­pre­tie­ren. In der sport­li­chen Kri­se und dem nach der 1:2-Nie­der­la­ge ge­gen Bay­er Le­ver­ku­sen dro­hen­den ers­ten Ab­stieg aus der Bun­des­li­ga, ha­ben sich auf der Mit­glie­der­ver­samm­lung am Sonn­tag 51,9 Pro­zent von 1145 Stimm­be­rech­tig­ten des HSV e. V. für ein Come­back des Ex-prä­si­den­ten an der Ver­eins­spit­ze nach sie­ben Jah­ren aus­ge­spro­chen. Hoff­mann hat­te 27 Stim­men mehr als Amts­vor­gän­ger Jens Mei­er. „Jetzt fah­ren wir mit 4000 Leu­ten nach Bre­men und mi­schen Wer­der auf“, rief der Sie­ger den An­hän­gern zu.

Die Ver­samm­lung in ei­nem Zelt­bau ar­te­te zu ei­ner Schlamm­schlacht aus. Be­lei­di­gun­gen in den Re­de­bei­trä­gen von Mit­glie­dern, Buh­ru­fe für bei­de Kan­di­da­ten, hef­ti­ger Ap­plaus von der je­weils an­de­ren Sei­te. Nach der Wahl muss­te Hoff­mann von Si­cher­heits­kräf­ten be­glei­tet wer­den. Der ab­ge­lös­te Amts­in­ha­ber Jens Mei­er und sein Team wirk­ten sou­ve­rän, Hoff­mann gab bei sei­ner Vor­stel­lung den emo­tio­na­len Vi­sio­när, der po­la­ri­sier­te.

Wie ner­vös die Stim­mung im Ver­ein ist, war auch am Vor­mit­tag beim Aus­lau­fen der Mann­schaft am Volks­park­sta­di­on zu be­ob­ach­ten. Der Si­cher­heits­dienst hat­te of­fen­bar aus Angst vor Über­grif­fen ent­täusch­ter Fans sein Wach­per­so­nal rund um die Trai­nings­plät­ze ver­stärkt. Die Mann­schaft er­schien auch nicht, wie ge­plant, zur Ver­samm­lung. Ein Spieß­ru­ten­lau­fen durch Schmähat­ta­cken soll­te den Pro­fis of­fen­bar er­spart wer­den.

Rund um das Spiel hat­ten be­reits ent­täusch­te An­hän­ger ih­re gu­te Kin­der­stu­be ver­ges­sen. In der Fan­kur­ve hing ein Pla­kat mit dem Satz „Be­vor die Uhr aus­geht, ja­gen wir euch durch die Stadt“, ei­ni­ge ver­such­ten, nach dem Ab­pfiff den In­nen­raum des Sta­di­ons zu stür­men, was von den Si­cher­heits­kräf­ten ver­hin­dert wur­de. „Wir ha­ben je­des Ver­ständ­nis für die Ent­täu­schung der Fans, kön­nen Ge­walt und Dro­hun­gen aber nicht to­le­rie­ren“, sag­te der um­strit­te­ne Sport­chef Jens Todt.

Trai­ner Bernd Hol­ler­bach hat­te sei­ne Spie­ler rund ei­ne Drei­vier­tel­stun­de spä­ter als sonst auf die Aus­lauf­run­de ge­schickt. Die Ana­ly­se der Le­ver­ku­sen-par­tie dau­er­te län­ger. „Über die ers­ten 60 Mi­nu­ten muss ich mit der Mann­schaft re­den“, hat­te Bernd Hoff­mann, Hsv-prä­si­dent der Trai­ner an­ge­kün­digt: „Wir ha­ben nicht das um­ge­setzt, was wir uns vor­ge­nom­men ha­ben. Wir wa­ren ge­hemmt.“

Tat­säch­lich zeigt sei­ne Mann­schaft nichts von dem, was es im Ab­stiegs­kampf braucht. Dass Bay­er Le­ver­ku­sen die spiel­stär­ke­re Mann­schaft ist, weiß je­der, aber auch die Se­kun­där­tu­gen­den wa­ren nicht zu se­hen: Kampf, Ein­satz, Ra­sen um­pflü­gen – und wie das al­les heißt. Auch die Un­ter­stüt­zung von den Rän­gen war nicht wirk­lich vor­han­den. Die Sup­port­grup­pe aus der Nord­kur­ve wirk­te mehr wie die Mit­klatsch-se­nio­ren im Mu­si­kan­ten­stadl: Man singt so lust­los run­ter, weil es die Re­gie ver­langt: „Sechs Mal Deut­scher Meis­ter .... “

Und auf dem Ra­sen? Fehl­päs­se, Ide­en­lo­sig­keit und Kon­zen­tra­ti­ons­feh­ler, von de­nen ei­ner zur Le­ver­ku­se­ner Füh­rung durch Le­on Bai­ly (40.) führ­te, der ei­nen Aus­set­zer von Dou­glas San­tos nutz­te. Nach Wie­der­be­ginn ließ die Hsv-de­ckung Kai Ha­vertz (50.) al­lein im Straf­raum zum 2:0 ein­schie­ben. Die Gast­ge­ber ka­men nur in die Par­tie zu­rück, weil Bay­er an­ge­sichts sei­ner Do­mi­nanz zwei Gän­ge zu­rück­schal­te­te und An­dré Hahn beim 1:2 (71.) von Leicht­sinns­feh­lern pro­fi­tier­te. „Letz­tes Jahr hat­ten wir das Glück, da ha­ben wir sol­che Spie­le ge­won­nen“, er­in­ner­te sich Vor­stands­chef He­ri­bert Bruch­ha­gen.

Und nun? „Es gibt kei­ne Al­ter­na­ti­ve: Wir müs­sen nun ge­gen die di­rek­ten Kon­tra­hen­ten punk­ten“, weiß Bruch­ha­gen. Es ste­hen das Aus­wärts­spiel in Bre­men und dann die He­im­par­tie ge­gen Mainz an. Da­nach dürf­te ei­ni­ges klar sein. To­re schie­ßen kann dort aber auch der neue Hoff­nungs­trä­ger Bernd Hoff­mann nicht.

Jetzt fah­ren wir mit 4000 Leu­ten nach Bre­men und mi­schen Wer­der auf.

Fo­to: dpa

Ir­re Sze­ne: Po­li­zei­kräf­te mit Hun­den und Se­cu­ri­ty-mit­ar­bei­ter si­chern im Volks­park­sta­di­on das Spiel­feld nach dem Ab­pfiff.

Fo­to: dpa

Zu­rück: Bernd Hoff­mann ist wie­der Hsv-prä­si­dent.

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.