„Po­li­ti­sche Sta­bi­li­tät steht auf dem Spiel“

Cdu-vi­ze­che­fin Ju­lia Klöck­ner kri­ti­siert die Me­di­en – und blickt mit Sor­ge auf das Um­fra­ge­tief der SPD

Leipziger Volkszeitung - - POLITIK - In­ter­view: Ma­ri­na Korm­baki

Frau Klöck­ner, lau­te Kri­tik am Ko­ali­ti­ons­ver­trag und an der Kanz­le­rin kommt auch aus Ih­rer Par­tei. Wo­her rührt der Är­ger in der CDU? Ich er­le­be mei­ne Par­tei nicht flä­chen­de­ckend als ver­är­gert. Ich bin viel im Land un­ter­wegs, und meis­tens hö­re ich: Wir als Uni­on wa­ren und sind be­reit, Ver­ant­wor­tung zu über­neh­men. Na­tür­lich wiegt es schwer, dass wir das Fi­nanz­mi­nis­te­ri­um nicht mehr ha­ben. Aber auch ein Fi­nanz­mi­nis­ter der SPD ist dem Ko­ali­ti­ons­ver­trag un­ter­wor­fen, und der be­sagt: kei­ne neu­en Schul­den, kei­ne neu­en Steu­ern. Dar­an gibt es nichts zu deu­ten, da stim­men mir die Leu­te dann auch zu.

Merz, Rü­he, Rött­gen: Es mel­den sich aber doch pro­mi­nen­te Kri­ti­ker zu Wort. Viel­leicht tä­te ja ei­ne leb­haf­te­re Dis­kus­si­ons­kul­tur Ih­rer Par­tei ganz gut?

Wo ich bin, fin­det stets Dis­kus­si­on statt, und zwar um die In­hal­te. In der me­dia­len Öf­fent­lich­keit geht es aber immer um Po­si­tio­nen und Per­so­nal. So pro­du­ziert man den Ver­druss an Po­li­tik, den man dann be­klagt. Das Zerr­bild pos­ten­gie­ri­ger Po­li­ti­ker nützt nur der AFD

Der Ko­ali­ti­ons­ver­trag liegt vor, in die­ser Wo­che wer­den die po­ten­zi­el­len Mi­nis­ter der CDU be­nannt, das letz­te Wort aber hat die Spd-ba­sis. Fin­den Sie das fair?

Wir ha­ben mehr als 60 Mil­lio­nen Wahl­be­rech­tig­te. Dass die Spd-mit­glie­der das letz­te Wort bei der Re­gie­rungs­bil­dung ha­ben, wirft die Fra­ge auf, ob wir es mit ei­nem Wahl­recht ers­ter und zwei­ter Klas­se zu tun ha­ben. Es ist doch wi­der­sprüch­lich, dass die SPD für den Schritt in die Re­gie­rung meint, ih­re Mit­glie­der be­fra­gen zu müs­sen, nicht aber für die Wahl ih­res Über­gangs­vor­sit­zen­den. Das ist ein Weg­de­le­gie­ren von Ver­ant­wor­tung. Die Spd-füh­rung muss füh­ren, statt für Ir­ri­ta­tio­nen zu sor­gen.

Be­un­ru­higt Sie das Tief der SPD in den Um­fra­gen?

Nor­ma­ler­wei­se treibt es ei­nen nicht um, wenn der po­li­ti­sche Mit­be­wer­ber hin­ter ei­nem liegt. Aber jetzt ha­ben wir Grund zur Sor­ge. Die AFD ist fast so stark wie die SPD – das ist ei­ne grund­le­gen­de Ver­schie­bung in der po­li­ti­schen Sta­tik. Die po­li­ti­sche Sta­bi­li­tät steht auf dem Spiel.

Sie ha­ben das Ka­pi­tel zur Land­wirt­schaft maß­geb­lich mit­ver­han­delt. Es gibt in der Be­völ­ke­rung ein wach­sen­des Un­be­ha­gen

an der Art, wie Le­bens­mit­tel pro­du­ziert wer­den. Ha­ben Sie das be­rück­sich­tigt? Mich lei­ten Fak­ten, kein un­be­stimm­tes Ge­fühl. Hys­te­ri­sche und ein­sei­ti­ge Dis­kus­sio­nen wie je­ne über Gly­pho­sat hel­fen nicht wei­ter, bes­ser ist es, sich die wis­sen­schaft­li­che Grund­la­ge ge­nau an­zu­schau­en und na­tür­lich zum Woh­le von Mensch, Tier und Um­welt zu han­deln. Ma­xi­mal­for­de­run­gen im Tier­schutz, die in kür­zes­ter Zeit nicht so um­zu­set­zen sind, wie es sich man­che wün­schen, füh­ren da­zu, dass Stäl­le in Deutsch­land ver­schwin­den und Tie­re un­ter schlech­te­ren Be­din­gun­gen im be­nach­bar­ten Aus­land ge­hal­ten wer­den. Wir ha­ben Ex­per­ten in die Be­ra­tun­gen ein­be­zo­gen: Was ist mit Tier­ver­su­chen, wie kom­men wir schnell zu mehr Tier­wohl, wie neh­men wir die Land­wir­te und Ver­brau­cher mit – das sind wich­ti­ge Fra­gen. Un­ser Ziel ist ei­ne un­ter­neh­me­ri­sche Land­wirt­schaft mit gu­ten Stan­dards, klar er­kenn­bar für Ver­brau­cher.

Ein Tier­wohl­la­bel soll „Fleisch aus bes­se­rer Tier­hal­tung“an­zei­gen. Räu­men Sie da­mit ein, dass gel­ten­de Stan­dards zu nied­rig sind?

Nein. Wer aber noch hö­he­re An­for­de­run­gen möch­te, soll das auch er­ken­nen kön­nen – auch war­um es dann teu­rer ist. Vie­le Bür­ger wol­len ge­nau wis­sen, wo­her ihr Fleisch auf dem Tisch kommt, wie das Tier ge­hal­ten und be­han­delt wur­de. Da­für braucht es Kenn­zeich­nun­gen mit kla­ren, wah­ren An­ga­ben.

Wie wol­len Sie den Öko­land­bau stär­ken?

Ganz wich­tig: Den kon­ven­tio­nel­len und den öko­lo­gi­schen An­bau spie­len wir nicht ge­gen­ein­an­der aus, bei­des hat sei­ne Be­rech­ti­gung. Vor al­lem hat aber die Öko­land­wirt­schaft zum Bei­spiel in nas­sen Jah­ren ein er­heb­li­ches Pro­blem. Um ih­re Ern­te zu si­chern, wür­den vie­le Öko­land­wir­te ger­ne punk­tu­ell auf kon­ven­tio­nel­le Pflan­zen­schutz­mit­tel zu­rück­grei­fen. Dür­fen sie aber nicht. Man­chen Bau­ern kos­tet das die Exis­tenz – und vie­le hält es da­von ab, den Weg in den Öko­land­bau zu wa­gen. Wir müs­sen Öko­land­wir­ten in schlech­ten Pha­sen den Ge­brauch kon­ven­tio­nel­ler Pflan­zen­schutz­mit­tel er­lau­ben kön­nen, aber da­zu be­darf es wei­te­rer For­schung. Aber na­tür­lich auch der Zu­stim­mung der Bran­che und Ver­bän­de. Das geht nur ge­mein­sam.

Was ist Ihr Maß­stab für ei­ne gu­te Agrar­po­li­tik?

Wir wol­len ei­ne nach­hal­ti­ge, bäu­er­li­che, fa­mi­li­en­geführ­te und flä­chen­de­cken­de Land­wirt­schaft. Es gibt Re­gio­nen in Deutsch­land, da be­stim­men gro­ße, nicht in­ha­ber­ge­führ­te Groß­kon­zer­ne das Bild, die es auf Eu-gel­der ab­ge­se­hen ha­ben. Das ist nicht die Land­wirt­schaft, die ich mir wün­sche. Ich möch­te nicht, dass regional ver­wur­zel­te Hö­fe nach und nach dicht­ma­chen. Ich wün­sche mir, dass die nach­fol­gen­de Ge­ne­ra­ti­on Freu­de an dem Be­ruf hat, Le­bens­mit­tel zu pro­du­zie­ren. Und dass sie da­von gut le­ben kann. Die Land­wirt­schaft ist mo­dern, di­gi­tal und zu­kunfts­fest. Dar­in wol­len wir sie un­ter­stüt­zen.

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