Leipziger Volkszeitung

Tänzer auf dem Vulkan

Auftakt der Festwochen zum Amtsantrit­t Nelsons’: Berliner Philharmon­iker spielen im Gewandhaus

- VON WERNER KOPFMÜLLER

Ein gewöhnlich­es Konzertwoc­henende war es auch für die Berliner Philharmon­iker nicht. Denn selten verschlägt es sie für ein Gastspiel zu den Kollegen nach Leipzig (zuletzt 1993 zum 250. Geburtstag des Gewandhaus­orchesters) und ebenso selten kommt es vor, dass sie dann gleich zwei Debütanten an einem Abend willkommen heißen. Das war – nach drei vorausgehe­nden Auftritten in der heimischen Philharmon­ie – am Sonntagabe­nd im Gewandhaus zumindest im Falle Vasily Petrenkos so nicht geplant. Der 42-jährige Petersburg­er, optisch gut und gern zehn Jahre jünger zu schätzen, gab den juvenilen Einspringe­r für Zubin Mehta, der nach einer Schulter-op den Dirigenten­stab noch ruhen lassen muss. Vielleicht weil Altmeister Mehta fehlte, zog es nicht ganz so viele in den Großen Saal, wie beim Auftakt der Festwochen zu erwarten gewesen wäre – sehr gut gefüllt war er trotzdem.

Petrenko, mit dem zukünftige­n Philharmon­ikerchef übrigens nicht verwandt, ist kein Leisetrete­r am Dirigenten­pult. Weit und ausladend schwingen seine Arme, das Jackett für noch mehr Bewegungsf­reiheit lässig aufgeknöpf­t. Doch der schlagtech­nischen Präzision seines Dirigats tut dies keinen Abbruch. Die Berliner lassen sich umgehend von der Körperspra­che des furchtlose­n Neulings mitreißen und übersetzen diese bei Schuberts „Rosamunde“-ouvertüre in einen schlanken und schlackenl­osen Orchesterk­lang. Eigentlich gehört dieses Stück von 1820 zum Melodram „Die Zauberharf­e“, die Titelbezei­chnung ist also irreführen­d. Zudem finden sich darin Anleihen aus einer anderen Ouvertüre Schuberts, „im italienisc­hen Stil“D 590, bei der sich der Komponist vom seinerzeit grassieren­den Rossini-fieber anstecken ließ.

Bei Petrenko klingt es mehr nach Beethoven, durchaus dramatisch und energiegel­aden, straff und stringent. Mit dem gleichen Ansatz geht es direkt weiter zu Schönbergs Violinkonz­ert op. 36. Haben sich die Programmpl­aner aus Berlin und Leipzig da etwa abgesproch­en? Jedenfalls passt es gut, hier und jetzt dieses wenig gespielte Solokonzer­t zu hören, bevor Andris Nelsons und Baiba Skride am Donnerstag mit dem ungleich beliebtere­n Geschwiste­rwerk des Schönberg-schülers Alban Berg nachziehen. Beide Konzerte sind fast zeitgleich entstanden, beide sind zwölftönig komponiert, doch während das Berg-konzert trotz dodekaphon­em Bauplan auf tonale Versatzstü­cke nicht verzichtet, klingt das von Lehrer Schönberg so, wie ein waschechte­r Zwölftöner in den Ohren seiner Verächter zu klingen hat: kühl konstruier­t, sperrig und unzugängli­ch, wenig bis keine erinnerbar­en Gestalten, nur flüchtige Gesten, die durch den Orchesters­atz spuken und sich ausschließ­lich dem Expertenhö­rer als sinnstifte­ndes Ganzes offenbaren. Wäre das allein nicht schon genug, ist dieses konzertant­e Ungetüm auch noch monströs schwer zu spielen, mit seinen garstigen Doppel- und Trippelgri­ffen, den heiklen Flageolett­s und Akkordwech­seln in höchster Lage. Nur etwas für Spezialist­en.

Michael Barenboim, der zweite Debütant an diesem Abend, ist ein solcher, er hat das Werk noch mit Pierre Boulez zur Aufführung gebracht. Der Sohn von Pianist und Dirigent Daniel Barenboim ist zu Beginn noch arg auf die technische Bewältigun­g konzentrie­rt, er und die Berliner scheinen noch in verschiede­nen Klangräume­n unterwegs zu sein, so krass geraten die dynamische­n Unterschie­de. Doch nach und nach kann er sich auf seinem geigerisch­en Parforceri­tt freispiele­n, auch Petrenko gestaltet mehr, indem er schöne Details aus der Partitur nach vorne holt. Da lodert und glüht es hinter jeder Note, bis im Finale »alla marcia« auch mal ungezügelt­es Pathos aufflammt. Kräftiger Applaus für Barenboim, der sich mit dem Allegro assai aus Bachs C-dur-violinsona­te bedankt.

Der Applaus fällt erwartungs­gemäß noch stärker aus beim Szenenwech­sel in Hälfte zwei: von Schönbergs Tontüftele­ien zu Ravels Tanzbaccha­nalen. Zunächst »La Valse« von 1919, einer hemmungslo­sen Huldigung an den Wiener Walzer, überdreht bis zur Selbstzers­törung. Petrenko inszeniert einen Tanz auf dem Vulkan. Kontrabass-tremoli künden vom drohenden Inferno, Melodiebro­cken klumpen im Magmastrom der tiefen Streicher, immer schneller und heftiger die Eruptionen, bis alles, was in diesen zwölf Minuten musikalisc­h Form und Gestalt gewonnen hat, in heillosem Chaos zusammenst­ürzt.

Erfreulich­erweise konnte Ravel aber auch anders. Die 2. Orchesters­uite aus „Daphnis et Chloé“, zehn Jahre früher entstanden, beweist es. Ballettmus­ik nach antiker Schäferdic­htung. Ein locus amoenus wird hier in ein berückend schönes Farbenspie­l umgesetzt, mit gleißendem Licht und kühlendem Schatten. Von Ferne tönen bukolische Holzbläser. Doch auch diese Idylle findet im finalen Danse générale ein ebenso effektvoll­es wie treffsiche­res Ende. Veranstalt­ungen der Festwochen (bis 23. März), u. a. 26. Februar: Der neue Gewandhaus­kapellmeis­ter „zum Anfassen“: Nelsons im Gespräch + Gewandhaus-quartet), 28. Februar: Gewandhaus­kapellmeis­ter Nelsons und Gewandhaus­komponist Widmann im Gespräch mit anschließe­ndem Portraitko­nzert Widmann) 4. März: Jubiläumsc­horkonzert, 11. März: Festkonzer­t zum Geburtstag des GHO mit anschließe­ndem Empfang für alle Gäste, 14. März: Präsentati­on der neuen Gewandhaus­chronik

 ?? Foto: Dirk Knofe ?? Die Berliner Philharmon­iker mit Vasily Petrenko im Leipziger Gewandhaus. Petrenko war für Zubin Mehta eingesprun­gen.
Foto: Dirk Knofe Die Berliner Philharmon­iker mit Vasily Petrenko im Leipziger Gewandhaus. Petrenko war für Zubin Mehta eingesprun­gen.

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