Zim­mer­manns abend­fül­len­der Auf­schrei

Pe­ter Kon­wit­sch­ny in­sze­niert in Nürn­berg „Die Sol­da­ten“

Leipziger Volkszeitung - - KULTUR - VON RO­LAND H DIP­PEL ➦ www.staats­thea­ter-nu­en­berg.de

Die­se Oper ist ein Mei­len­stein. Und sie ist – mit Band­zu­spie­lun­gen und ge­wal­ti­gem Schlag­zeug­ap­pa­rat – ei­ne Her­aus­for­de­rung an Kon­di­ti­on, Emo­ti­on, In­tel­lekt. In Nürn­berg wur­de sie zum Tri­umph. Mit der zwei­ten Auf­füh­rung der Neu­pro­duk­ti­on von „Die Sol­da­ten“und ei­ner Li­ve-über­tra­gung des Baye­ri­schen Rund­funks hat das Staats­thea­ter Nürn­berg am 20. März den 100. Ge­burts­tag des Kom­po­nis­ten Bernd Alois Zim­mer­mann ge­fei­ert. In des­sen mul­ti­me­dia­ler Oper nach der Ko­mö­die des Goe­the­ge­fähr­ten Ja­kob Micha­el Rein­hold Lenz er­kann­te man be­reits nach der Urauf­füh­rung 1970 in Köln ein Spit­zen­werk des 20. Jahr­hun­derts.

Der an die Sem­per­oper wech­seln­de In­ten­dant Pe­ter Thei­ler, der schei­den­de Ge­ne­ral­mu­sik­di­rek­tor Mar­cus Bosch und Re­gis­seur Pe­ter Kon­wit­sch­ny über­wäl­ti­gen das Pu­bli­kum mit ein­dring­li­chen Stei­ge­run­gen. Kon­wit­sch­ny, 2016 mit dem Thea­ter­preis „Der Faust“für sei­ne Mann­hei­mer Ins­ze­nie­rung von Halé­vys „Die Jü­din ge­ehrt, ver­bin­det auch dies­mal poin­tiert ge­schärf­te Per­so­nen­füh­rung mit Mo­di­fi­ka­tio­nen an der Werk­sub­stanz. Der Ab­sturz des sich mit dem Of­fi­zier De­spor­tes (Uwe Sti­ckert) ein­las­sen­den Bür­ger­mäd­chens Ma­rie (sen­sa­tio­nell in Stim­me und Darstel­lung die­ser Mons­ter­par­tie: Su­san­ne El­mark) er­eig­net sich nicht, wie vom Kom­po­nis­ten vor­ge­se­hen, in drei Sze­nen ne­ben­ein­an­der: Das Kurz­zeit­paar, da­zu der von Ma­rie ver­ab­schie­de­te Stol­zi­us (Jo­chen Kupfer), sei­ne Mut­ter und die Groß­mut­ter Ma­ries wer­den Zu­ta­ten ei­nes Kör­per­sa­lats aus Lust, Schuld­zu­wei­sun­gen und Ra­che­ge­dan­ken.

Nur dün­ne Wän­de hin­ter klei­nen Sze­ne­ri­en braucht Hel­mut Bra­de als Schau­platz­be­stim­mung für Sol­da­ten­ka­ser­nen und das trau­te Bür­ger­heim, wo sich Ma­ries Schwes­ter Char­lot­te (Sol­gend Isalv) im Oh­ren­ses­sel mit Schmö­kern ein ei­ge­nes Ver­tei­di­gungs­boll­werk er­rich­tet. Die „Sol­da­ti­sie­rung der Welt“wird gen­der­kor­rekt, wenn Grä­fin de la Ro­che (Sha­ron Kemp­ton) Ma­rie in die Ko­hor­te ih­rer mit maus­grau­en Ko­s­tü­men und wei­ßen Blu­sen uni­for­mier­ten Bu­si­nes­sA­ma­zo­nen ein­rei­hen lässt.

Am En­de der re­al voll­zo­ge­ne Per­spek­ti­ven­wech­sel: 700 Zu­schau­er ste­hen auf der Haupt­büh­ne un­ter wan­dern­den Licht­ke­geln. Stol­zi­us ver­gif­tet sich, De­spor­tes und den Ma­ries Ab­sturz be­schleu­ni­gen­den Haupt­mann Ma­ry (Lud­wig Mit­tel­ham­mer) in der Mit­tel­lo­ge. Ma­rie irrt durch die Pu­bli­kums­mas­sen, wo sie ihr Va­ter, der die Ver­wahr­los­te nicht er­kennt, ab­schmet­tert. Er (Till­man Rön­ne­beck) schließt sich am En­de ver­ächt­lich den Ho­sen­latz: Das sagt al­les über das an­d­res­sier­te Be­nut­zen von Men­schen­ma­te­ri­al, das Zim­mer­mann als abend­fül­len­den Auf­schrei ins Zen­trum sei­ner Wer­k­ar­chi­tek­tur setz­te. Die Syn­the­se zeit­li­cher, so­zia­ler und kom­mu­ni­ka­ti­ver Ebe­nen wird zum La­men­to wie ein Hur­ri­kan.

Es ist nicht das ers­te Mal, dass Pe­ter Kon­wit­sch­ny ei­nen der­ar­ti­gen Kol­laps mit Fein­hei­ten mei­ßelt. Vor al­lem der her­vor­ra­gen­de Her­ren­chor (Lei­tung: Tar­mo Vaask) und des­sen vie­le klei­nen So­li zei­gen die dün­ne Scha­le der Zi­vi­li­sa­ti­on und Staus von Ag­gres­sio­nen, die aus den Men­schen­tie­ren her­aus­bre­chen. Ge­för­dert durch die für Stim­men vor­teil­haf­te Akus­tik des Opern­hau­ses ge­langt die Staats­phil­har­mo­nie Nürn­berg zu ei­ner aus­drucks­star­ken und dif­fe­ren­zier­ten Wie­der­ga­be von Zim­mer­manns Schich­tun­gen. Der in­ti­me Kam­mer­ton der Noc­turni und das auf­re­gen­de Strei­cher­ge­flecht ma­chen die Stei­ge­rung von den Blä­ser- und Schlag­werk-atta­cken des Be­ginns zum fi­na­len Auf­schrei über die Zer­set­zung durch de­for­mie­ren­de Sys­te­me trans­pa­rent.

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