KRI­TIK AM ECHO WIRD IM­MER SCHÄR­FER

Auch Pe­ter Maf­fay for­dert nach dem Eklat Kon­se­quen­zen für den Mu­sik-preis

Leipziger Volkszeitung - - ERSTE SEITE - VON IM­RE GRIMM

Stel­len wir uns kurz vor, wir sei­en Ver­an­stal­ter ei­nes Pop­mu­sik­prei­ses. Neh­men wir au­ßer­dem an, wir sei­en des Trei­bens ins­ge­heim längst mü­de, tä­ten seit Jah­ren nur noch das Nö­tigs­te für die öde Ga­la und leg­ten es in selbst­zer­stö­re­ri­scher Ab­sicht dar­auf an, das Re­nom­mee des Prei­ses vor­sätz­lich ka­putt zu ma­chen. Wie müss­ten wir uns ver­hal­ten? Ex­akt so wie der Bun­des­ver­band Mu­sik­in­dus­trie beim Echo.

Es ist kei­ne Ru­he ein­ge­kehrt nach der Ga­la ver­gan­ge­ne Wo­che, auf der die Rap­per Kol­le­gah und Fa­rid Bang in der Ka­te­go­rie „Hip-hop/ur­ban na­tio­nal“aus­ge­zeich­net wur­den, ob­wohl es kei­ne zwei Mei­nun­gen über den of­fe­nen An­ti­se­mi­tis­mus in ih­ren Tex­ten ge­ben kann. To­te-ho­sen-front­mann Cam­pi­no – von Kol­le­gah bei Ins­ta­gram hin­ter­her als „Zit­ter­aal“und „Flat­ter­mann“ver­höhnt – hat­te als Ein­zi­ger auf of­fe­ner Büh­ne da­ge­gen pro­tes­tiert.

In­zwi­schen aber ist er kein Ru­fer in der Wüs­te mehr. In der Mu­sik­sze­ne herrscht Auf­ruhr. Das eben­falls aus­ge­zeich­ne­te Klas­sik-en­sem­ble No­tos Quar­tett aus Berlin will sei­nen Echo zu­rück­ge­ben. Die Be­grün­dung ges­tern: Der Echo sei nun „nichts mehr als ein Sym­bol der Schan­de“.

Der Echo ist of­fi­zi­ell ein Ver­kaufs­preis. Ge­ehrt wird, wer Er­folg hat (von ein paar dra­ma­tur­gi­schen Trick­se­rei­en mal ab­ge­se­hen). Aber kann sich ei­ne In­dus­trie mit dem schnö­den Ver­weis auf Ver­kaufs­zah­len vor der in­halt­li­chen Ver­ant­wor­tung drü­cken? Der Vor­stands­vor­sit­zen­de des Bun­des­ver­ban­des Mu­sik­in­dus­trie, Flo­ri­an Drü­cke, kün­dig­te Re­for­men an. De­tails nann­te er nicht. Pe­ter Maf­fay ge­nügt das nicht – der Sän­ger for­der­te ges­tern den Rück­tritt der Ver­ant­wort­li­chen. „Zur Ta­ges­ord­nung jetzt über­zu­ge­hen geht nicht. Es muss ei­ne Au­f­ar­bei­tung ge­ben“, schrieb er bei Face­book. „Es ist ein

Man­gel an Sen­si­bi­li­tät aus­zu­ma­chen, der nicht er­träg­lich ist. Des­we­gen ge­hö­ren in die­se ver­ant­wort­li­chen Po­si­tio­nen Leu­te, die sich die­ser Ver­ant­wor­tung be­wusst sind und sie nicht an ei­nen so­ge­nann­ten Ethik­rat wei­ter­de­le­gie­ren, der auf Tauch­sta­ti­on geht.“Maf­fay hat­te die Ga­la nach der Es­ka­la­ti­on ver­las­sen. Auch der Mu­si­ker und Gra­fi­ker Klaus Voor­mann gab sei­ne Tro­phäe zu­rück. Er hat­te den Preis für sein Le­bens­werk er­hal­ten. „Was sich für mich als Ge­schenk an­läss­lich mei­nes 80. Ge­burts­tags an­fühl­te, ent­puppt sich nun als gro­ße Ent­täu­schung“, teil­te er mit. Sein Lau­da­tor, Bap-sän­ger Wolf­gang Nie­de­cken, kri­ti­sier­te eben­falls die „men­schen­ver­ach­ten­de Bru­ta­li­tät der bei­den Schein-mu­si­kan­ten“auf „die­ser ent­setz­li­chen Ver­an­stal­tung“.

Für den Ard-un­ter­hal­tungs­ko­or­di­na­tor Tho­mas Schrei­ber ist der Echo voll­stän­dig am En­de: „Er hat kei­ne Be­rech­ti­gung mehr: we­der in­halt­lich noch mo­ra­lisch.“Die Men­schen­wür­de sei of­fen­bar kein Kri­te­ri­um für den In­ter­es­sen­ver­band der deut­schen Mu­sik­in­dus­trie. De­ren Um­gang mit der Kri­tik an den Rap­pern sei „hal­tungs­los und ekel­haft“.

Ei­ne Mi­schung aus Dumm­heit, Feig­heit und fach­li­cher In­kom­pe­tenz. Pe­ter Maf­fay, über den Um­gang der Echo-ma­cher mit den kri­ti­sier­ten Rap­pern

Schrei­ber hat Er­fah­rung mit den Grenz­be­rei­chen der Kunst­frei­heit: 2013 war die Süd­ti­ro­ler Deutschrock­band Frei.wild in der Ka­te­go­rie „Rock/al­ter­na­ti­ve Na­tio­nal“für den Echo no­mi­niert, der da­mals im Ers­ten lief. Sie stand we­gen rechts­na­tio­na­ler Tex­te in die Kri­tik – und wur­de schließ­lich von der No­mi­nie­rungs­lis­te ge­stri­chen. Es war die Ge­burts­stun­de des Echo-ethik­ra­tes, der der­lei Fäl­le in Zu­kunft ver­han­deln soll­te, im Fal­le von Kol­le­gah und Fa­rid Bang aber kläg­lich ver­sag­te.

Was ha­ben die Ver­an­stal­ter des Echo 2018, der auf Vox lief, falsch ge­macht? So ziem­lich al­les. Sie ha­ben sich weg­ge­duckt, als es dar­um ge­gan­gen wä­re, Hal­tung und Kon­se­quenz zu zei­gen. Sie ha­ben heim­lich ge­hofft, der Ethik­rat wer­de den an­stren­gen­den Rap­pern schon die Le­vi­ten le­sen – und man selbst kä­me sau­ber aus der Sa­che raus. Zu­letzt ha­ben sie ver­sucht, die De­bat­te um die an­ti­se­mi­ti­schen Zei­len zu ei­ner Grund­satz­dis­kus­si­on über Kunst­frei­heit und Qu­er­den­ker­tum um­zu­deu­ten. Als sei aus den stump­fen Ho­lo­caust­be­zü­gen der Pro­vo­ka­ti­ons­ex­per­ten Kol­le­gah und Fa­rid Bang ir­gend­et­was an­de­res her­aus­zu­le­sen als Dumm­heit und Bru­ta­li­tät („Ma­che wie­der mal ’nen Ho­lo­caust, komm’ an mit dem Mo­lo­tow“).

Es war – wie beim lä­cher­li­chen In­te­gra­ti­ons-bam­bi für Bu­shi­do vor Jah­ren – ei­ne kom­plet­te Feh­l­ein­schät­zung der La­ge. Wer Recht­fer­ti­gun­gen wie „künst­le­ri­sche Frei­heit“be­müht, um un­mensch­li­che Hä­me zu le­gi­ti­mie­ren, wer ein Ver­bot in­ak­zep­ta­bler In­hal­te nun als „Zen­sur“be­schimpft und Kol­le­gah für ver­meint­li­che Ta­bu­brü­che fei­ert, hat nichts ver­stan­den von der Not­wen­dig­keit ethi­scher Grund­wer­te in ei­ner zer­split­tern­den Ge­sell­schaft.

Man kann nicht oft ge­nug dar­an er­in­nern: An­ti­se­mi­tis­mus ist kei­ne Mei­nung, der Ho­lo­caust kein Werk­zeug für pu­ber­tä­re Pö­be­lei von ein paar pro­fes­sio­nel­len Bür­ger­schrecks. Es ist, wie Maf­fay schreibt: Beim Echo zeigt sich ei­ne fa­ta­le Mi­schung aus „Dumm­heit, Feig­heit und fach­li­cher In­kom­pe­tenz“.

Fo­to: dpa

Der ers­te Pro­test­ler – aber nicht mehr der ein­zi­ge: Cam­pi­no kri­ti­sier­te die Echo-ma­cher scharf.

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