MIT DEM PANZERWAGEN DURCH DIE MAU­ER

Von Schüs­sen ge­trof­fen: Heu­te vor 55 Jah­ren floh Wolf­gang E. nach West­ber­lin

Leipziger Volkszeitung - - ERSTE SEITE - VON PHIL­IPP HEDEMANN

Ich haue ab. Ich fah­re mit dem Panzerwagen durch die Mau­er. Wollt ihr mit?“, ruft Wolf­gang E. ei­nem Pär­chen in Ost­ber­lin zu. Es ist der 17. April 1963. Wolf­gang E. weiß, dass ihm die Auf­for­de­rung zur Flucht meh­re­re Jah­re Zucht­haus ein­brin­gen kann. Es ist ihm egal. Für ihn gibt es oh­ne­hin kei­nen Weg mehr zu­rück. Für den 19-Jäh­ri­gen gibt es nur noch ei­nen Aus­weg – und der führt mit dem rus­si­schen Panzerwagen SPW-152 durch die Mau­er.

6,55 Me­ter lang, 8,6 Ton­nen schwer, 1,4 Zen­ti­me­ter Pan­ze­rung. Der SPW-152 war für die So­wjet­ar­mee ent­wi­ckelt wor­den. Bei der Trup­pen­pa­ra­de am 1. Mai 1963 soll­te er erst­mals in der DDR prä­sen­tiert wer­den. Doch als E. den Wa­gen zwei Wo­chen zu­vor in ei­ner Ka­ser­ne der Na­tio­na­len Volks­ar­mee (NVA) in Ost­ber­lin ent­deckt, hat er ei­nen an­de­ren Plan für das Ge­fährt. „Da­mit kannst du die Mau­er durch­bre­chen“, denkt sich der 19-Jäh­ri­ge, der 1963 als zi­vi­ler Fah­rer bei der NVA ar­bei­te­te. Kurz dar­auf stiehlt er den Wa­gen – und fährt mit ra­sen­dem Her­zen los. Bis zur Mau­er sind es nur ein paar Ki­lo­me­ter. Je­ne Mau­er, de­ren Bau er kei­ne zwei Jah­re zu­vor als Nva-sol­dat mit ab­ge­si­chert hat.

In der Nacht vom 12. auf den 13. Au­gust 1961 pa­trouil­liert Wolf­gang E. mit sei­nem Ba­tail­lon in Berlin. Un­mit­tel­bar zu­vor hat­te Erich Hone­cker, da­mals Se­kre­tär für Si­cher­heits­fra­gen im Zen­tral­ko­mi­tee, den Be­fehl zum Mau­er­bau ge­ge­ben. „Wir soll­ten auf­pas­sen, dass nicht noch Leu­te ab­hau­en, und beim Bau der Grenz­be­fes­ti­gung hel­fen“, be­rich­tet Wolf­gang E. fast 55 Jah­re spä­ter.

Die ers­ten To­ten an der Mau­er

Hät­te er ge­schos­sen, wenn er je­man­den hät­te flie­hen se­hen? „Tja“, sagt der ehe­ma­li­ge Sol­dat. Dann schweigt er. Lan­ge. Schließ­lich sagt er: „Die Gut­men­schen wür­den die­se Fra­ge na­tür­lich mit ,Nein, auf kei­nen Fall!‘ be­ant­wor­ten. Ich kann das nicht so ein­deu­tig.“Wolf­gang E., der spä­ter Ge­schichts- und Bio­lo­gie­leh­rer in Nie­der­sach­sen wur­de, weiß, dass sei­ne Ant­wort ver­stö­ren kann. Es ist ihm egal. Er ist ein ehr­li­cher Mann. Er hat nicht dar­um ge­be­ten, ihn nach sei­ner Zeit als Sol­dat zu fra­gen. Wenn sei­ne Ant­wor­ten nicht ge­fäl­lig sind, ist es nicht sein Pro­blem.

70 Ta­ge, nach­dem Ddr-staats­rats­vor­sit­zen­der Wal­ter Ul­bricht ver­kün­det hat­te, dass nie­mand die Ab­sicht ha­be, ei­ne Mau­er zu er­rich­ten, wur­de der 24jäh­ri­ge Gün­ter Lit­fin am 24. Au­gust 1961 bei sei­nem Flucht­ver­such an der Ber­li­ner Gren­ze mit ei­nem Ge­nick­schuss ge­tö­tet. Zwei Ta­ge zu­vor war be­reits Ida Siek­mann töd­lich ver­un­glückt, als sie vom drit­ten Stock ih­rer Woh­nung in den Wes­ten sprin­gen woll­te. Die 58-jäh­ri­ge Wit­we ging als ers­te Mau­er­to­te in die Ge­schichts­bü­cher ein. Weil die DDR vie­le To­des­fäl­le ver­tusch­te, weiß bis heu­te nie­mand ge­nau, wie vie­le Men­schen an der 166 Ki­lo­me­ter lan­gen Ber­li­ner Mau­er und der 1378 Ki­lo­me­ter lan­gen in­ner­deut­schen Gren­ze star­ben. His­to­ri­ker ge­hen von min­des­tens 1012 To­des­op­fern aus. Auch Wolf­gang E. wä­re fast auf die­ser Lis­te auf­ge­taucht.

Als er den Panzerwagen ge­gen die Mau­er lenkt, zieht er sich ei­ne Platz­wun­de an der Stirn zu. Er wischt sich das Blut aus den Au­gen und sieht, dass nur die Schnau­ze sei­nes Flucht­wa­gens im Wes­ten steht. Der größ­te Teil steckt mit ge­bro­che­nen Ach­sen im Os­ten fest. „Ich woll­te aus­stei­gen und über die halb ein­ge­stürz­te Mau­er klet­tern“, be­rich­tet Wolf­gang E.. Doch er ver­hed­dert sich im St­a­chel­draht. Wäh­rend er ver­sucht, sich zu be­frei­en, rennt ein Grenz­sol­dat mit Ka­lasch­ni­kow auf ihn zu. „Nicht schie­ßen“, schreit der Flüch­ten­de – dann knallt es. Wolf­gang E. spürt ei­nen Schlag im Rü­cken und ein Bren­nen in der Brust. Dann spürt er, dass er lebt. Blut­über­strömt zieht er sich auf die Mo­tor­hau­be. Von hin­ten schie­ßen die Ddr-gren­zer wei­ter auf den Ver­wun­de­ten, er wird an der rech­ten Hand ge­trof­fen. Wolf­gang E. ver­liert viel Blut, aber nicht die ver­zwei­fel­te Hoff­nung. „Ich muss da rü­ber. Ich schaf­fe das“, sagt der da­mals 19-Jäh­ri­ge zu sich selbst. Dann fal­len wie­der Schüs­se. Doch sie klin­gen an­ders, und sie kom­men von vorn – aus dem Wes­ten! Auf ei­nem Be­ob­ach­tungs­pos­ten auf der an­de­ren Sei­te der Mau­er stan­den zu­fäl­lig zwei West­ber­li­ner Po­li­zis­ten, als Wolf­gang E. in die Mau­er fuhr. Als ei­ner der Be­am­ten von ei­nem Qu­er­schlä­ger ge­trof­fen wird, er­wi­dern sie das Feu­er. Wolf­gang E. sitzt jetzt im Kreuz­feu­er. Als die Ddr-gren­zer sich un­ter Be­schuss zu­rück­zie­hen, nimmt er sei­ne letz­te Kraft zu­sam­men. Voll­ge­pumpt mit Ad­re­na­lin und En­dor­phi­nen ver­sucht er, über die Mau­er zu klet­tern – und bleibt er­neut im St­a­chel­draht hän­gen.

Be­herz­te West­ber­li­ner ret­te­ten ihn

Hier wä­re er wohl ver­blu­tet, hät­te nicht auf der West­ber­li­ner Sei­te ein Spar­ver­ein ge­ra­de das Er­spar­te in ei­ner Kn­ei­pe ver­sof­fen. Als die Ze­cher an die­sem Mitt­woch­abend um 19.44 Uhr Schüs­se hö­ren, ren­nen sie aus der Spe­lun­ke. „Wäh­rend die Po­li­zis­ten und die Gren­zer sich ei­ne wil­de Schie­ße­rei lie­fer­ten, ha­ben sie ei­ne Räu­ber­lei­ter ge­macht, mich aus dem St­a­chel­draht ge­pult und in ih­re Kn­ei­pe ge­schleppt. Sie ha­ben ihr Le­ben ris­kiert, um meins zu ret­ten“, er­in­nert Wolf­gang E. sich. Da­mals stand er of­fen­sicht­lich un­ter Schock. An­ders kann er sich heu­te nicht er­klä­ren, war­um er im Wirts­haus erst mal ein Bier und ei­nen Korn be­stell­te.

In ei­nem Kreuz­ber­ger Kran­ken­haus wur­de er noch in der­sel­ben Nacht mit Dut­zen­den Sti­chen wie­der zu­sam­men­ge­flickt. „Die Ku­gel ver­fehl­te das Herz, streif­te die Lun­ge nur. Sie ging hier rein und da wie­der raus.“Wolf­gang E. ist aus sei­nem Ses­sel auf­ge­stan­den und fasst sich erst an die rech­te Sei­te ober­halb der Hüf­te, dann auf die Brust.

Mut­ter ar­bei­te­te bei der Sta­si

Als er sich von der No­tope­ra­ti­on er­holt hat, fliegt der Re­pu­blik­flücht­ling zu­rück nach Düs­sel­dorf, in die Stadt, die er elf Jah­re zu­vor ge­gen sei­nen Wil­len mit sei­ner Mut­ter in Rich­tung DDR ver­las­sen hat. Als Mit­glied der Kom­mu­nis­ti­schen Par­tei Deutsch­lands woll­te sie am Auf­bau des re­al exis­tie­ren­den So­zia­lis­mus mit­wir­ken – und der da­mals acht­jäh­ri­ge Wolf­gang muss­te mit. Doch als jun­ger Mann lern­te er, den Staat zu has­sen, den sei­ne Mut­ter lieb­te. Sie leb­te erst in Ost­Ber­lin, spä­ter in Dresden und hei­ra­te­te ei­nen Ma­jor der NVA.

1990 sah Wolfang E. sei­ne Mut­ter, die bis zu ih­rer Pen­sio­nie­rung bei der Sta­si ar­bei­te­te, das ers­te Mal wie­der. Der Sohn: „Ich glau­be, sie hat mir nie ver­zie­hen, dass ich aus dem Land, an das sie so fest ge­glaubt hat, ge­flo­hen bin. Aber ich wür­de es je­der­zeit wie­der ma­chen.“

Wolf­gang E. ist heu­te 74 Jah­re alt, lebt als Rent­ner in ei­ner klei­nen Stadt in Nie­der­sach­sen. Weil er kei­ne „Lust auf wei­te­re Öf­fent­lich­keit“hat, woll­te er nicht, dass sein vol­ler Na­me ge­nannt wird und auch nicht der ge­naue Ort, in dem er wohnt.

Aber ich wür­de es je­der­zeit wie­der ma­chen.

Fo­to: Phil­ipp Hedemann Fo­to: Alex Waid­mann

Wolf­gang E. über­leb­te den Ober­kör­per-durch­schuss. Nach ei­ner No­tope­ra­ti­on im West­ber­li­ner Stadt­teil Kreuz­berg er­holt sich der 19-jäh­ri­ge Wolf­gang E. lang­sam. Ddr-grenz­sol­da­ten feu­er­ten meh­re­re Schüs­se auf ihn ab, als der Grenz­durch­bruch mit dem Panzerwagen miss­lang. Be­herz­te West­ber­li­ner ret­te­ten ihm das Le­ben.

Fo­tos: Alex Waid­mann/web

Nur die Schnau­ze des rus­si­schen Schüt­zen­pan­zer­wa­gens SPW-152 (klei­nes Fo­to) stand im Wes­ten, nach­dem Wolf­gang E. am 17. April 1963 ver­such­te, da­mit durch die Mau­er zu bre­chen.

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