Der Pro­test hat mit­ge­wählt

Leipziger Volkszeitung - - ERSTE SEITE - VON KAY WÜRKER ➦ k.wu­er­ker@lvz.de

W er die Ge­biets­re­form „der­zeit an­fasst, be­geht po­li­ti­schen Selbst­mord“, sag­te Thü­rin­gens In­nen­mi­nis­ter Ge­org Mai­er (SPD) kürz­lich bei ei­nem Vor-ort-ter­min im Al­ten­bur­ger Land. Kei­ne Über­ra­schung. Zwangs­ehen für Ge­mein­den und Land­krei­se wa­ren in Thü­rin­gen ju­ris­tisch nicht durch­setz­bar, le­dig­lich frei­wil­li­ge Fu­sio­nen wer­den jetzt noch for­ciert. Ein Jahr vor den Land­tags­wah­len hat sich der Wind ge­dreht.

Trotz­dem gab‘s am Sonn­tag die Rech­nung für den Re­form­vor­stoß. Be­zah­len muss­ten (noch) nicht die Lan­des­po­li­ti­ker, son­dern ei­ni­ge Chefs in Rat­häu­sern und Land­rats­äm­tern. Die CDU – seit 2015 im Land­tag in der Op­po­si­ti­on – ge­wann land­auf, land­ab an Stär­ke. In Wei­mar feg­te der von der CDU un­ter­stütz­te Kan­di­dat den Spd-ober­bür­ger­meis­ter auf An­hieb aus dem Amt. Das Al­ten­bur­ger Rat­haus, 18 Jah­re un­ter Spd-füh­rung, ist jetzt schwarz. Der Cdu-be­wer­ber für den Land­rats­pos­ten im Al­ten­bur­ger Land hat ge­gen­über der lin­ken Amts­in­ha­be­rin eben­falls die Na­se vorn. Ei­ne klas­si­sche Stell­ver­tre­ter-wat­sche. Klein­tei­li­ge Struk­tu­ren sind ein ho­hes Gut im länd­lich ge­präg­ten Frei­staat. Das zei­gen auch die star­ken Be­tei­li­gun­gen an Bür­ger­meis­ter­wah­len in klei­nen Ge­mein­den, bei de­nen es – man­gels Ge­gen­kan­di­da­ten – de fac­to nichts zu wäh­len gab.

Aber das ist nicht al­les. Auch AFD und ei­ni­ge Par­tei­lo­se ha­ben zu­ge­legt. Ih­re Stär­ke speist sich aus ei­nem an­de­ren Bauch­ge­fühl: Frust. Wo die Wirt­schaft schwä­chelt, wo Ge­wer­be­steu­ern aus­blei­ben, zer­brö­selt Le­bens­qua­li­tät – weil an so­zia­len An­ge­bo­ten ge­spart wer­den muss, weil Sa­nie­run­gen sto­cken. Das macht die Ein­woh­ner­schaft an­fäl­lig für Un­zu­frie­den­heit. Und de­nen zu­ge­neigt, die Pro­test pro­pa­gie­ren. Im plei­te­ge­plag­ten Ge­ra ga­ben ein Par­tei­lo­ser und der Afd-kan­di­dat der bis­he­ri­gen Ober­bür­ger­meis­te­rin den Knock­out. Im Al­ten­bur­ger Land fuhr die AFD – nach Son­ne­berg – das zweit­stärks­te Er­geb­nis bei den Thü­rin­ger Land­rats­wah­len ein. 26,1 Pro­zent für Andre­as Sick­mül­ler. Im chro­nisch klam­men Meu­sel­witz lag er so­gar vorn.

Der Zustrom Hun­der­ter Asyl­su­chen­der 2015 hat die Un­zu­frie­den­heit noch ver­schärft. Als di­rek­te Ant­wort grün­de­te sich das Bür­ger­fo­rum Al­ten­bur­ger Land, brach­te Red­ner ans Mi­kro­fon, die in der Öf­fent­lich­keit zu­vor kaum in Er­schei­nung ge­tre­ten wa­ren. Andre­as Sick­mül­ler zum Bei­spiel. Und Frank Schüt­ze, der Ob­kan­di­dat fürs Al­ten­bur­ger Rat­haus, der am Sonn­tag mehr Stim­men als die SPD zie­hen konn­te.

Pro­test­stim­mung, das wur­de bei die­ser Kom­mu­nal­wahl deut­lich, be­ein­flusst mehr denn je das Wahl­ge­sche­hen. Mit der Fol­ge, dass öf­ter pro­blem- als lö­sungs­ori­en­tiert dis­ku­tiert wur­de, zu­las­ten ge­halt­vol­ler Pro­gram­me. Ei­ne Chan­ce für die Eta­blier­ten, mit fri­schen Ide­en zu punk­ten. Lei­der wur­de das im Al­ten­bur­ger Land weit­ge­hend ver­passt. Die Bür­ger er­leb­ten viel­fach Wahl­ge­ku­schel statt Wahl­kampf. Was je­nen in die Hän­de spiel­te, die CDU, Lin­ke und SPD als Alt­par­tei­en-kar­tell be­zeich­nen.

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