Kz-über­le­ben­de warnt vor dem Ver­ges­sen

Ho­lo­caust-über­le­ben­de und Eh­ren­bür­ge­rin Mark­klee­bergs un­ter­hält sich mit Gym­na­si­as­ten

Leipziger Volkszeitung - - ERSTE SEITE - VON THE­RE­SA HELD

MARKKLEEBERG. Bei ei­nem Ge­spräch mit Gym­na­si­as­ten hat die aus Un­garn stam­men­de Jü­din Za­ha­va Stes­sel ge­for­dert, die Er­in­nung an die Ho­lo­caust-op­fer wach zu hal­ten. Die 88-Jäh­ri­ge ist ei­ne Über­le­ben­de des Mark­klee­ber­ger Au­ßen­la­gers des KZ Bu­chen­wald.

MARKKLEEBERG. „Sie ha­ben uns Num­mern ge­ge­ben, aber wir wuss­ten, wer wir wa­ren. Dank der Er­zie­hung un­se­rer El­tern sind wir Men­schen ge­blie­ben“, sagt Dr. Za­ha­va Stes­sel. Ges­tern be­such­te die New Yor­ke­rin, Über­le­ben­de des Frau­en­au­ßen­la­gers des Kon­zen­tra­ti­ons­la­gers (KZ) Bu­chen­wald in Markkleeberg, ge­mein­sam mit ih­rer Toch­ter Dr. Mi­ri­am Shen­kar Schü­ler der Ru­dolf-hil­de­brand-schu­le. Auch Staats­mi­nis­te­rin Pe­tra Köp­ping und Ober­bür­ger­meis­ter Kars­ten Schüt­ze hör­ten den Schil­de­run­gen über ih­re Er­leb­nis­se zu.

Mit 14 Jah­ren kam die un­ga­ri­sche Jü­din zu­sam­men mit ih­rer Schwes­ter nach Markkleeberg. Im Frau­en­au­ßen­la­ger am Equi­pa­gen­weg muss­ten zwi­schen Au­gust 1944 und April 1945 mehr als tau­send un­ga­ri­sche Jü­din­nen und 250 fran­zö­si­sche Wi­der­stands­kämp­fe­rin­nen Zwangs­ar­beit in der Rüs­tungs­in­dus­trie leis­ten. Ge­mein­sam mit ih­rer Schwes­ter über­leb­te Stes­sel die Grau­sam­kei­ten in den Kon­zen­tra­ti­ons­la­gern. Wäh­rend ei­nes To­des­mar­sches kurz vor Kriegs­en­de konn­ten bei­de flie­hen.

Be­trof­fe­ne Ge­sich­ter, als die heu­te 88Jäh­ri­ge er­zählt, wie sie ih­re Mut­ter und Groß­mut­ter zu­letzt im Ver­nich­tungs­la­ger Au­schwitz sah. „Ich wer­de die­se Sze­ne nie ver­ges­sen, wie ver­zwei­felt mei­ne Mut­ter ge­schaut hat.“Die Schil­de­run­gen ge­hen un­ter die Haut. Be­son­ders be­ein­druckt Schü­le­rin Gre­ta, dass Stes­sel, wäh­rend sie solch emo­tio­na­le Din­ge er­zählt, die gan­ze Zeit lä­chelt.

Die 18-Jäh­ri­ge forscht in der Ar­beits­ge­mein­schaft Spu­ren­su­che mit. Rund 30 Schü­ler re­cher­chie­ren zu­sam­men mit ih­rem Leh­rer Cars­ten Mül­ler seit ins­ge­samt vier Jah­ren zu Schick­sa­len von Ju­den in Markkleeberg wäh­rend der NSDik­ta­tur. Nun kön­nen sie ih­re Fra­gen di­rekt an ei­ne Zeit­zeu­gin rich­ten.

„Wie hal­ten Sie die Er­in­ne­run­gen aus?“, fragt ein Schü­ler. Vie­le Men­schen woll­ten von den Er­in­ne­run­gen nichts wis­sen, ant­wor­tet die ge­lern­te Bi­b­lio­the­ka­rin. Sie aber möch­te die Ge­schich­te be­wah­ren. Dar­um hielt sie am Sonn­tag ei­ne Re­de bei der Ge­denk­ver­an­stal­tung zur Be­frei­ung des KZ Bu­chen­wald und hat im Buch „Snow Flo­wers“ih­re Er­leb­nis­se fest­ge­hal­ten.

Schü­ler der Ru­dolf-hil­de­brand-schu­le ha­ben das Buch vor rund fünf Jah­ren aus dem Eng­li­schen ins Deut­sche über­setzt. Die Stadt­ver­wal­tung ließ es in li­mi­tier­ter Auf­la­ge dru­cken und ver­gab Klas­sen­sät­ze an die Mark­klee­ber­ger Schu­len.

Ge­gen ei­ne Spen­de von min­des­tens 50 Eu­ro kön­nen In­ter­es­sier­te ein Ex­em­plar der deut­schen Über­set­zung von „Snow Flo­wers“von der Stadt­ver­wal­tung Markkleeberg er­hal­ten. Mit dem Geld soll län­ger­fris­tig das Denk­mal für das Frau­en- au­ßen­la­ger im Equi­pa­gen­weg um­ge­stal­tet wer­den.

„Es ist im­mer gut zu er­in­nern“, ant­wor­tet Stes­sel auf die Fra­ge von Pau­li­ne, die wis­sen will, ob Denk­mä­ler noch neu ge­baut wer­den soll­ten. „Was mei­nen El­tern pas­siert ist, soll nie mei­nen Kin­dern ge­sche­hen“, ap­pel­liert die 88-Jäh­ri­ge. Vor ge­nau 20 Jah­ren be­such­te Stes­sel erst­mals den Ort des ehe­ma­li­gen Ar­beits­la­gers in Markkleeberg. „Sie muss­ten sich sehr über­win­den“, er­in­nert sich Gun­del Klo­se, die Wit­we des da­ma­li­gen Ober­bür­ger­meis­ters Bernd Klo­se. We­gen des herz­li­chen Emp­fangs Klo­ses, aber auch, weil sie ge­merkt ha­be, dass vie­le Mark­klee­ber­ger nichts von dem Ar­beits­la­ger wuss­ten, sei sie im­mer wie­der zu­rück­ge­kom­men, sagt Stes­sel. Für ihr En­ga­ge­ment wur­de die New Yor­ke­rin ges­tern vor ge­nau zehn Jah­ren Eh­ren­bür­ge­rin der Stadt Markkleeberg.

Wenn mög­lich, wol­le sie wie­der­kom­men, sagt die 88-Jäh­ri­ge. Ihr sei es wich­tig, dass die Ver­bre­chen des Ho­lo­caust nicht in Ver­ges­sen­heit ge­ra­ten. Die „groß­ar­ti­ge Ar­beit“der Schü­ler der Ru­dolf-hil­de­brand-schu­le tra­ge da­zu bei. Das sei „das größ­te Ge­schenk“, so Stes­sel.

Fo­tos: And­re Kemp­ner

Die Ho­lo­caust-über­le­ben­de Za­ha­va Stes­sel an der Ru­dolf-hil­de­brand-schu­le mit Schul­lei­ter Dit­mar Apel und Ober­bür­ger­meis­ter Kars­ten Schüt­ze.

„Snow Flo­wers“: Za­ha­va Stes­sel hielt ih­re Er­in­ne­run­gen in ei­nem Buch fest.

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