NAHAUFNAHME Ga­b­ri­el, der sanf­te Alt­di­plo­mat

Leipziger Volkszeitung - - POLITIK - VON DIE­TER WON­KA

W as macht ein so­zi­al­de­mo­kra­ti­scher Au­ßen­mi­nis­ter a.d., der vi­el­leicht zum letz­ten Mal un­ter größt­mög­li­cher öf­fent­li­cher Be­ob­ach­tung steht? Er er­wähnt Ge­stal­ten der Ge­schich­te, von Hein­rich dem See­fah­rer bis Fürst Met­ter­nich, er spricht über Eu­ro­pa, Sy­ri­en und die gro­ßen Welt­mäch­te. Und er äu­ßert Ver­ständ­nis für An­ge­la Mer­kel, die sich so­eben an ei­nem Mi­li­tär­schlag, den sie po­li­tisch un­ter­stütz­te, mi­li­tä­risch nicht be­tei­li­gen moch­te.

Sig­mar Ga­b­ri­el hat am Mon­tag an der Uni­ver­si­tät Bonn sei­ne An­tritts­vor­le­sung ge­hal­ten – als Gast­do­zent ei­ner eu­ro­pa­po­li­ti­schen Fach­ab­tei­lung, de­ren Auf­bau der Bun­des­au­ßen­mi­nis­ter a.d. in nächs­ter Zeit eh­ren­amt­lich un­ter­stüt­zen will. Die Zu­sa­ge hat­te er den Bon­nern schon ge­ge­ben, als er noch Chef im Aus­wär­ti­gen Amt war.

Der ge­tä­fel­te Hör­saal I des Uni-haupt­ge­bäu­des ist mit rund 350 Zu­hö­rern voll be­setzt, als Ga­b­ri­el mit sei­ner öf­fent­li­chen Lehr­ver­an­stal­tung be­ginnt. „Deutsch­land in ei­ner un­be­que­me(re)n Welt“, heißt der Ti­tel sei­nes Vor­trags. Nicht nur jun­ge Po­li­tik­stu­den­ten sind ge­kom­men, son­dern auch äl­te­re Se­mes­ter – dar­un­ter man­che, die wohl die Neu­gier trieb zu se­hen, wie Ga­b­ri­el mit dem Ab­schied von der Macht um­geht – und ob er sich Sei­ten­hie­be auf sei­nen Nach­fol­ger im Au­ßen­amt, Hei­ko Maas, er­laubt.

Ga­b­ri­el aber kon­zen­triert sich ganz aufs Do­zie­ren. Er zi­tiert Kon­rad Ade­nau­er und die West­bin­dung, aber auch Wil­ly Brandt und des­sen Öff­nung nach Os­ten. Bis heu­te er­ge­be sich aus bei­dem ei­ne dop­pel­te Ver­läss­lich­keit Deutsch­lands:

Man müs­se und wol­le „kal­ku­lier­bar“blei­ben – für al­le Sei­ten. Mit die­ser Grund­hal­tung kön­ne Deutsch­land auch die jetzt nö­ti­ge Sy­ri­en-di­plo­ma­tie un­ter­stüt­zen.

Plötz­lich ent­rol­len Stu­den­ten auf der Em­po­re des Hör­saals zwei Pla­ka­te. „Ge­gen Iran-sig­gi“steht da und: „Für Is­ra­el“. Ga­b­ri­el lässt sich nicht aus der Ru­he brin­gen. „Ich hof­fe, Sie kom­men in mein Se­mi­nar“, schmun­zelt er. Ei­ne der Pro­tes­tie­ren­den ent­geg­net: „Wir sind nicht zu­ge­las­sen wor­den!“„Dann tra­ge ich Sie per­sön­lich ein und ho­le Sie ab“, ver­spricht Ga­b­ri­el. Mit Blick auf Sy­ri­en warnt Ga­b­ri­el vor Ver­ein­fa­chun­gen – auch wenn Ver­ein­fa­chun­gen für Po­li­ti­ker im­mer ei­ne gro­ße Ver­su­chung sei­en. „Russ­land und Iran blei­ben ein Fak­tor“, sagt er. „Nur mit ih­nen und nicht ge­gen sie wird ei­ne Nach­kriegs­ord­nung zu schaf­fen sein.“

Kri­tik an Maas ver­kneift sich Ga­b­ri­el. Dass er das un­ter den Eu-au­ßen­mi­nis­tern in Mo­de ge­kom­me­ne Pu­tin-ba­shing di­plo­ma­tisch ge­se­hen nicht nütz­lich fin­det, lässt er in Bonn un­er­wähnt. War­um soll er sich auch wie­der rein­hän­gen in öf­fent­li­che Strei­tig­kei­ten? An an­de­rer Stel­le, in Berlin, ver­riet Ga­b­ri­el jüngst sei­ne neue Phi­lo­so­phie: „Man muss das auch ge­nie­ßen, wenn man raus­ge­schmis­sen wird.“

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