Wie die Deut­schen in Tu­ne­si­en hel­fen

Die Ent­wick­lungs­hil­fe küm­mert sich in Tu­nis be­son­ders um den Job­sek­tor – denn dort passt we­nig zu­sam­men

Leipziger Volkszeitung - - BLICKPUNKT - VON DIRK SCHMA­LER

TU­NIS. Ägyp­ten, Li­by­en, Al­ge­ri­en, da­zu Sy­ri­en, Irak, der Je­men – der ara­bi­sche Raum war sel­ten so in Un­ord­nung wie zur­zeit. Krie­ge, Dik­ta­tu­ren und zer­fal­len­de Staa­ten prä­gen die­se Län­der. Es liegt dem Wes­ten des­halb ei­ni­ges dar­an zu zei­gen, dass auch in die­ser Welt­re­gi­on Frie­den und De­mo­kra­tie mög­lich sind.

Auch des­halb spielt Tu­ne­si­en in der Ent­wick­lungs­hil­fe ei­ne be­son­de­re Rol­le. 270 Mit­ar­bei­ter be­schäf­tigt al­lein die Deut­sche Ge­sell­schaft für In­ter­na­tio­na­le Zu­sam­men­ar­beit (GIZ), die staat­li­che Ent­wick­lungs­zu­sam­men­ar­beits­or­ga­ni­sa­ti­on der Bun­des­re­pu­blik, in dem nord­afri­ka­ni­schen Land – so vie­le wie in kaum ei­nem an­de­ren Staat. Tu­ne­si­en ist des­halb seit 2010 so et­was wie der Hoff­nungs­trä­ger der in­ter­na­tio­na­len Ent­wick­lungs­hil­fe.

Es war im De­zem­ber je­nes Jah­res, als sich in den so­zia­len Me­di­en die Bil­der von der Selbst­ver­bren­nung des Ge­mü­se­händ­lers Mo­ha­med Boua­zi­zi im Lan­des­in­ne­ren ver­brei­te­ten. Aus dem töd­li­chen Pro­test ge­gen ho­he Le­bens­mit­tel­prei­se, Miss­wirt­schaft und schlech­te Zu­kunfts­chan­cen für die Ju­gend er­wuch­sen Auf­stän­de, die sich schnell zu ei­ner Re­vo­lu­ti­on ent­wi­ckel­ten – vi­el­leicht schnel­ler, als es die vor al­lem jun­gen Pro­test­ler selbst er­war­te­ten. Als sich das Mi­li­tär auf die Sei­te der Auf­stän­di­schen schlug, ver­ließ das dik­ta­to­risch re­gie­ren­de Staats­ober­haupt Zi­ne el-abi­di­ne Ben Ali im Ja­nu­ar 2011 flucht­ar­tig das Land.

Die staat­li­che Un­ter­drü­ckung ist bis heu­te nicht zu­rück­ge­kehrt. Es gibt ei­ne freie Pres­se, de­mo­kra­ti­sche Wah­len, und auch die Gleich­be­rech­ti­gung ist hier wei­ter vor­an­ge­schrit­ten als in vie­len an­de­ren ara­bi­schen Län­dern. Doch an­de­re Pro­ble­me sind trotz der Re­vo­lu­ti­on ge­blie­ben. Die Ar­beits­lo­sig­keit der un­ter 30-Jäh­ri­gen liegt in den Städ­ten bei bis zu 30 Pro­zent, im Lan­des­in­ne­ren sind so­gar bis zu 45 Pro­zent der jun­gen Men­schen oh­ne Ar­beit – das schafft Un­zu­frie­den­heit. Ei­ne stei­gen­de Zahl von Flücht­lin­gen ist ei­ne Fol­ge – ei­ne wei­te­re ist ei­ne be­son­ders ho­he Zahl an Is­la­mis­ten, die in den ver­gan­ge­nen Jah­ren als Is-kämp­fer nach Sy­ri­en ge­reist sind.

Da­bei sind sehr vie­le jun­ge Tu­ne­si­er gut aus­ge­bil­det. Die re­gu­lä­re Schul­zeit be­trägt zwölf bis 13 Jah­re, vie­le Ab­sol­ven­ten be­su­chen da­nach die Uni­ver­si­tät. Das gro­ße Pro­blem al­ler­dings be­steht dar­in, dass es kaum Jobs für It-ex­per­ten, Bio­lo­gen, Phy­si­ker und Phi­lo­so­phen gibt.

Dar­in sieht auch die deut­sche Ent­wick­lungs­hil­fe ei­ne ih­rer gro­ßen Auf­ga­ben. Sie will hel­fen, die Aus­bil­dung und den Ar­beits­markt bes­ser auf­ein­an­der ab­zu­stim­men – zum Bei­spiel mit Um­schu­lungs­pro­gram­men und be­trieb­li­cher Aus­bil­dung nach dem Vor­bild des deut­schen dua­len Sys­tems. Oder auch mit der För­de­rung von Start-ups, die et­wa in der Land­wirt­schaft mit Bio-gü­te­sie­geln für den eu­ro­päi­schen Markt pro­du­zie­ren kön­nen.

„Wir müs­sen die Lü­cke zwi­schen den Be­dürf­nis­sen der Wirt­schaft und der Aus­bil­dung der Men­schen schlie­ßen“, sagt Yous­sef Fen­ni­ra, Di­rek­tor des Zen­trums für be­ruf­li­che Ori­en­tie­rung, Ver­mitt­lung und Um­schu­lung, das die GIZ und die Au­ßen­han­dels­kam­mer in Tu­nis auf­ge­baut ha­ben. Es ge­be aus­rei­chend gut aus­ge­bil­de­te Leu­te, und Ar­beit ge­be es auch. „Es passt nur nicht zu­sam­men.“

In dem Zen­trum wer­den jun­ge Tu­ne­si­er auf den Ar­beits­markt vor­be­rei­tet. In drei­mo­na­ti­gen In­ten­siv­kur­sen ler­nen die Ab­sol­ven­ten Pünkt­lich­keit und Zu­ver­läs­sig­keit, sie ler­nen, wie man sich gut prä­sen­tiert und Be­wer­bungs­ge­sprä­che führt. Vor al­lem aber su­chen die Mit­ar­bei­ter dort ge­mein­sam mit den Ar­beits­su­chen­den nach Be­rufs­fel­dern, die zu­min­dest in An­sät­zen zu dem pas­sen, was sie ge­lernt ha­ben. „War­um kann ein Phi­lo­soph nicht Ver­käu­fer wer­den?“, fragt Fen­ni­ra. 1800 Tu­ne­si­er hat das Zen­trum be­reits ge­schult, 800 da­von ha­ben nun ei­nen neu­en Job.

Seit 2017 zahlt die deut­sche Ent­wick­lungs­hil­fe kei­ne Löh­ne mehr für die Mit­ar­bei­ter und auch kei­ne Mie­te für die Schu­lungs­räu­me. Das Zen­trum wird nun von Un­ter­neh­men fi­nan­ziert, die dort ih­re zu­künf­ti­gen Mit­ar­bei­ter aus­bil­den las­sen.

Au­ßer­dem för­dert die Bun­des­re­gie­rung Aus­bil­dungs­mög­lich­kei­ten im struk­tur­schwa­chen Lan­des­in­nern. Rund 5700 jun­ge Tu­ne­si­er pro­fi­tier­ten bis­lang da­von. Da­zu ko­ope­riert die GIZ vor al­lem mit Un­ter­neh­men und zi­vil­ge­sell­schaft­li­chen Or­ga­ni­sa­tio­nen.

Zum Bei­spiel in der Küs­ten­re­gi­on Mo­na­s­tir, ei­nem der wich­tigs­ten Stand­or­te der Tex­til­in­dus­trie, die un­ter Fach­kräf­te­man­gel und dem schlech­ten Ruf der Bran­che lei­det. Die Fir­ma Sar­tex, die für Mar­ken wie Hu­go Boss pro­du­ziert und auch nach Deutsch­land ex­por­tiert, hat ein Aus­bil­dungs­zen­trum er­rich­tet – mit deut­schen Aus­bil­dungs­lei­tern. In die­ser be­trieb­li­chen Tex­til­aka­de­mie wur­den bis­her 445 Ju­gend­li­che aus­ge­bil­det und als Be­schäf­tig­te ins Un­ter­neh­men über­nom­men, da­von rund 330 Frau­en. Ins­ge­samt set­zen die deut­schen Ent­wick­lungs­hel­fer von der GIZ im Jahr 2018 Pro­jek­te im Wert von 35 Mil­lio­nen Eu­ro um.

Fo­to: Imo/photothek

„Müs­sen die Lü­cke schlie­ßen“: Ar­beits­ver­mitt­ler Yous­sef Fen­ni­ra.

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