Dan­k­lied statt Stin­ke­fin­ger

1968, auf dem Hö­he­punkt der Stu­den­ten­pro­tes­te, lan­det Heint­je in Deutsch­land mit „Ma­ma“ei­nen Sen­sa­ti­ons­er­folg

Leipziger Volkszeitung - - KULTUR - VON SA­BI­NE GÖTTEL UND OLAF NE­U­MANN

1968 war Rock­mu­sik die wich­tigs­te Waf­fe im re­vo­lu­tio­nä­ren Kampf: Die Rol­ling Sto­nes ver­öf­fent­lich­ten den Po­lit­song „Street Figh­tin’ Man“und Step­pen­wolf die Frei­heits­hym­ne „Born To Be Wild“. Ji­mi Hen­d­rix kom­men­tier­te mit „All Along the Watch­tower“dröh­nend den Viet­nam­krieg.

Und wie klang Deutsch­land auf dem Hö­he­punkt der Stu­den­ten­re­vol­te? Dort lan­de­te der da­mals 12-jäh­ri­ge Hen­drik Si­mons mit dem Trä­nen­zie­her „Ma­ma“den er­folg­reichs­ten Hit des Jah­res. Un­ter dem Ko­se­na­men Heint­je sang er sich be­harr­lich in die Her­zen deut­scher Müt­ter und Schwie­ger­müt­ter

Gu­te Zei­ten, schlech­te Zei­ten: Müt­ter­schwarm Heint­je, der mit bür­ger­li­chem Na­men Hen­drik (Hein) Ni­ko­laas Theo­door Si­mons heißt, hat so ei­ni­ges mit­ge­macht seit sei­nem ful­mi­nan­ten Auf­tritt in der Zdf-fern­sehshow „Der gol­de­ne Schuß“im Jah­re 1967. Da­mit teilt er das Schick­sal vie­ler Pro­mi­nen­ter, die nach frü­hem Ruhm als Kin­der­star im Er­wach­se­nen­al­ter mit Miss­er­fol­gen und ver­patz­ten Come­backs fer­tig wer­den müs­sen. Auch ei­ne Rei­he pri­va­ter Schick­sals­schlä­ge hat­te Si­mons zu ver­kraf­ten. Heu­te prä­sen­tiert der Sän­ger sei­nen Fans im­mer noch ger­ne sei­nen größ­ten Hit, den Schla­ger „Ma­ma“. Frei­mü­tig be­kennt er: „Ich sin­ge für ein Fa­mi­li­en­pu­bli­kum. Von 1 bis 14 Jah­ren und ab 25 bis un­end­lich ist da al­les da­bei.“

Heint­je ist, wie sein Lands­mann Rudi Car­rell, ein Im­port aus den Nie­der­lan­den. Er wird am 12. Au­gust 1955 in Blei­jer­hei­de an der deut­schen Gren­ze ge­bo­ren. 1966 tritt er in ei­nem Ta­lent­wett­be­werb in Schaes­berg auf und stellt dort die nie­der­län­di­sche Ver­si­on des Schla­gers „Mam­ma“vor. Prompt wird er von dem Mu­si­ker und Pro­du­zen­ten mit dem spre­chen­den Na­men Ad­dy Klei­jn­geld ent­deckt und un­ter Ver­trag ge­nom­men.

Klei­jn­geld sorgt als Heint­jes Ma­na­ger da­für, dass die gol­de­ne Keh­le des sü­ßen Jun­gen nicht nur die nie­der­län­di­sche Pro­vinz er­freut. Er kom­po­niert flei­ßig Schla­ger und küm­mert sich um Auf­trit­te im Nach­bar­land Deutsch­land. Dort steht man auf ro­man­ti­sche Schla­ger von jun­gen smar­ten Män­nern à la Roy Black. Doch ein nied­li­cher Kin­der­star, wie ihn die jun­ge Re­pu­blik in den 50ern mit Cor­ne­lia Fro­boess lie­ben und be­wun­dern durf­te, ist in den 60ern weit und breit nicht in Sicht.

Die­se Lü­cke fül­len Klei­jn­geld und sein Schütz­ling per­fekt. Nach­dem 1966 Heint­jes ers­te Plat­te noch auf Nie­der­län­disch er­schien, singt er sein „Ma­ma“im Jahr dar­auf be­reits auf Deutsch – als Star­gast von Vi­co Tor­ria­ni im „Gol­de­nen Schuß“. Ein Mil­lio­nen­pu­bli­kum im Saal und vor den Fern­se­hern im ge­sam­ten deutsch­spra­chi­gen Raum ist zu Trä­nen ge­rührt, und der Elf­jäh­ri­ge stürmt mit „Ma­ma“die Charts.

Ganz so harm­los, wie es scheint, ist die Schnul­ze je­doch nicht. Ge­schrie­ben hat­te sie ur­sprüng­lich der er­folg­rei­che nea­po­li­ta­ni­sche Film­kom­po­nist Cesa­re Andrea Bi­xio im Jahr 1938 für Be­nia­mi­no Gig­li, der als le­gi­ti­mer Nach­fol­ger Ca­ru­sos galt. 1941 dreh­te der nach Deutsch­land emi­grier­te Mai­län­der Re­gis­seur Guido Bri­go­ne auf Grund­la­ge des Lie­des den na­tio­nal­so- zia­lis­ti­schen Pro­pa­gan­da­film „Mam­ma“. Bru­no Balz („Kann den Lie­be Sün­de sein“) schrieb da­für ei­ne deut­sche Fas­sung na­mens „Mut­ter“. 36 Jah­re spä­ter sucht Ad­dy Klei­jn­geld ein ge­eig­ne­tes Lied für Hein Si­mons und wird bei Balz fün­dig, als die­ser ein ver­gilb­tes Blatt aus der Schub­la­de her­vor­kramt. Be­vor der adret­te, or­dent­lich ge­klei­de­te und nett fri­sier­te Bub „Ma­ma“ein­sin­gen darf, wird der Text noch schnell von sei­nem Kriegs­in­halt ber­ei­nigt.

Dann geht es Schlag auf Schlag: Al­lein 1968 ist Heint­je mit drei Schla­gern auf den vor­de­ren Plät­zen der deut­schen Jah­res­hit­pa­ra­de ver­tre­ten: „Ma­ma“(Platz 1), „Du sollst nicht wei­nen“(Platz 2) und „Hei­dschi bum­bei­dschi“(Platz 4) zo­gen an den Beat­les und Rol­ling Sto­nes vor­bei. 1968 ist „Ma­ma“die meist­ver­kauf­te Sing­le in Deutsch­land.

Kein Wun­der, denn nie­mand be­sang die wich­tigs­te Frau im

Le­ben ei­nes Man­nes herz­er­grei­fen­der als

Heint­je. Ne­ben „Ma­ma“sind vor al­lem na­iv-un­schul­di­ge Ti­tel wie „Schnee­glöck­chen im Fe­bru­ar“, „Ich bau Dir ein Schloss“und „Ich sing ein Lied für Dich“ge­fragt – auch sie wer­den im Hand­um­dre­hen zu Hits.

In der Hoch­zeit der Schü­ler- und Stu­den­ten­re­vol­te ver­kör­pert Heint­je den bra­ven Sohn, der sich für Lie­be und Für­sor­ge mit ei­nem Lied be­dankt, statt El­tern und Ge­sell­schaft den Stin­ke­fin­ger zu zei­gen. Gi­gan­ti­sche Ver­kaufs­zah­len be­le­gen die Sehn­süch­te nach ei­ner in­tak­ten Fa­mi­lie genau­so, wie sie dem Kon­zept fin­di­ger Pro­du­zen­ten Recht ge­ben.

In den nächs­ten Jah­ren wird Heint­je mit Prei­sen und Aus­zeich­nun­gen über­häuft; dar­un­ter ei­ne Pla­tin- und 40 Gol­de­ne Schall­plat­ten, ein Bam­bi und zwei Gol­de­ne Lö­wen. Der Ver­kaufs­er­folg sei­ner Singles und LPS ist enorm: In­ter­na­tio­nal wer­den fast 50 Mil­lio­nen Ton­trä­ger ver­kauft. Man pro­du­ziert ei­gens drei LPS in eng­li­scher Spra­che für Fans in Aus­tra­li­en, Ka­na­da und den USA. Auf dem Gip­fel sei­nes Er­folgs ver­sucht sich Heint­je wie die Kol­le­gen Pe­ter Alex­an­der und Roy Black auch beim Film. Die so­ge­nann­ten „Lüm­mel­fil­me“be­setzt man da­mals ger­ne mit Stars aus der Schla­ger­bran­che. Als re­ni­ten­te Schü­ler dür­fen sie in die­sen Strei­fen end­lich ein­mal über die Strän­ge schla­gen – na­tür­lich in ei­nem schick­li­chen Rah­men und oh­ne gra­vie­ren­de Fol­gen. Heint­je de­bü­tiert 1968 mit ei­ner klei­ne­ren Rol­le in „Zum Teu­fel mit der Pen­ne“. Dann schreibt man dem be­gab­ten New­co­mer so­gar Haupt­rol­len auf den Leib und nennt ihn – ver­kaufs­för­dernd – im Ti­tel der Fil­me: „Heint­je – Ein Herz geht auf Rei­sen“(1969), „Heint­je – Ein­mal wird die Son­ne wie­der schei­nen“(1970), „Heint­je – Mein bes­ter Freund“(1970). Ei­ne Kar­rie­re als Schau­spie­ler ver­folg­te der jun­ge Sän­ger nach ins­ge­samt sechs Ki­no­er­fol­gen in den Jah­ren 1968 bis 1971 den­noch nicht.

Es war zu er­war­ten, dass sich nach dem Stimm­wech­sel des Kin­der­stars ei­ni­ges än­dern wür­de. 1973 ver­sucht der mitt­ler­wei­le er­wach­se­ne Heint­je Si­mons ein Come­back – mit mä­ßi­gem Er­folg. Zu sehr ist er auf die Rol­le des sü­ßen Jun­gen fest­ge­legt. Man ver­sucht es auch au­ßer­halb Eu­ro­pas, pro­du­ziert zwei LPS für den süd­afri­ka­ni­schen Markt: 1975 er­schei­nen „Suid Afri­ka“und „Jou Hart is Weer My­ne“auf Afri­kaans und be­sche­ren Si­mons am Kap der Gu­ten Hoff­nung noch ein­mal gro­ße Er­fol­ge. In Deutsch­land aber wird es im­mer stil­ler um den ehe­ma­li­gen Kin­der­star.

Nach wei­te­ren spo­ra­di­schen Ver­öf­fent­li­chun­gen in den 80er Jah­ren kann Heint­je – nun als Hein Si­mons – in den 90ern vom ex­plo­die­ren­den Er­folg der volks­tüm­li­chen Mu­sik pro­fi­tie­ren. Bis heu­te ist der Va­ter drei­er Kin­der in Fern­seh­shows die­ses Gen­res zu Gast und ver­öf­fent­licht wei­ter­hin neue Al­ben. Sei­ne LP „Thu­is“von 2014 hält sich 13 Wo­chen in den nie­der­län­di­schen Charts.

Wie schaut Hein Si­mons heu­te auf sei­nen Er­folg in Kin­der­ta­gen zu­rück? „Es gab Zei­ten, da fand ich es rich­tig blöd, wenn mich je­mand Heint­je nann­te“, be­kennt der Sän­ger. „Aber ich ha­be mei­nen Frie­den da­mit ge­macht“. Und wie ist es der­zeit mit dem Image des Schla­ger­sän­gers be­stellt? „Man wirft Sän­gern wie mir vor: Du bist so seicht, so lieb! Aber wenn ich neue Lie­der ma­che wie ‚Im tiefs­ten Dschun­gel fällt Schnee’, al­so et­was Um­welt­mä­ßi­ges, dann traut sich kei­ner ran. Kei­ne Fir­ma kop­pelt es als Sing­le aus, kein Re­dak­teur spielt es im Ra­dio. Sie sa­gen: Bring doch mal an­spruchs­vol­les Ni­veau. Und wenn ich von Kli­ma­wan­del sin­ge, heißt es: Jetzt dreht er durch, jetzt wird er ver­rückt.“

Glaubt man Trend­for­schern, fei­ert der adret­te, or­dent­lich ge­klei­de­te und nett fri­sier­te Typ Mann ge­ra­de ein Come­back. 50 Jah­re nach der Stu­den­ten­re­vol­te wird das Schreck­ge­spenst der Alt-68er wie­der sa­lon­fä­hig.

Wenn ich neue Lie­der ma­che wie ‚Im tiefs­ten Dschun­gel fällt Schnee’, al­so et­was Um­welt­mä­ßi­ges, dann traut sich kei­ner ran. Hein Si­mons

Fo­to: dpa

Hein Si­mons ali­as Heint­je am 1. Mai 1968 in „Wenn der wei­ße Flie­der wie­der blüht" beim Süd­west­funk.

Fo­to: dpa

Hein Si­mons heu­te.

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