Am Brü­cken­kopf

Dres­dens Staats­schau­spiel lockt 2018/2019 mit Urauf­füh­run­gen, Li­te­ra­tur­be­ar­bei­tun­gen und ei­ner Dys­to­pie

Leipziger Volkszeitung - - KULTUR - VON TORS­TEN KLAUS ➦ www.staats­schau­spiel-dresden.de

Die Zah­len le­sen sich wie im Vor­jahr: 26 Pre­mie­ren und zwei Fes­ti­vals. Das ist, grob ge­spro­chen, der Aus­blick auf die Sai­son 2018/2019 am Staats­schau­spiel Dresden, die zwei­te von In­ten­dant Joa­chim Kle­ment. Beim Blick hin­ter die Punk­te der Pro­gramman­kün­di­gung zei­gen sich Per­len: Wer kennt noch die klei­ne Fern­seh­se­rie „Wir sind auch nur ein Volk“aus der Fe­der von Ju­rek Be­cker (1937–1997), die ab 1994 in der ARD aus­ge­strahlt wur­de? Man­fred Krug und Chris­ti­ne Schorn spiel­ten in die­ser Ost-west-fern­seh-sa­ti­re, die gran­di­os schei­ter­te. ( Die Dreh­bü­cher sind üb­ri­gens als Suhr­kamp Ta­schen­bü­cher er­schie­nen.) Weil aber das The­ma Os­twest in Deutsch­land ei­ne Re­nais­sance er­lebt, um Her­kunft, Hei­mat, Wur­zeln, So­zia­li­sa­ti­on vor al­lem im Os­ten ei­ne De­bat­te ent­brannt ist, wer­den Be­ckers Dreh­bü­cher in der Re­gie von Tom Küh­nel am 8. Sep­tem­ber die ers­te Urauf­füh­rung der kom­men­den Schau­spiel­sai­son in Dresden sein.

Apro­pos: Von den ers­ten vier Ins­ze­nie­run­gen, die im Sep­tem­ber über die Büh­ne ge­hen sol­len, sind gleich drei Urauf­füh­run­gen. Zu „Wir sind auch nur ein Volk“ge­sel­len sich die Bür­ger­büh­ne mit „Bil­der oh­ne Li­la“, das An­sich­ten blin­der und seh­be­hin­der­te­re Dresd­ner zum The­ma hat (14. Sep­tem­ber), und Ro­land Schim­mel­pfen­nigs Be­ar­bei­tung der „Odys­see“(15. Sep­tem­ber). Schim­mel­pfen­nig, von dem in den ver­gan­ge­nen 20 Jah­ren gut 30 Stü­cke auf deutsch­spra­chi­ge Büh­nen ka­men, ho­le da­bei die The­ma­tik in die Ge­gen­wart, sagt Chef­dra­ma­turg Jörg Bochow. „Odys­see“ist eins von fünf Wer­ken, die das Staats­schau­spiel in Auf­trag ge­ge­ben hat.

Be­gin­nen wird al­les am 7. Sep­tem­ber mit ei­nem Ro­man-klas­si­ker: Hein­rich Manns „Der Un­ter­tan“. Über­haupt spie­len Li­te­ra­tur­be­ar­bei­tun­gen wie­der ei­ne we­sent­li­che Rol­le. Da­zu zählt Zeit­ge­nös­si­sches wie „Hool“, der 2016 er­schie­ne­ne Ro­man des in Leip­zig le­ben­den Schrift­stel­lers Phil­ipp Wink­ler, der die In­nen­sicht in die Hoo­li­gan-sze­ne lie­fert (22. März 2019), oder „9 Ta­ge wach“, ein Buch des Dresd­ners Eric Steh­fest von 2017, in dem er sei­ne Er­fah­run­gen als Ju­gend­li­cher mit der Dro­ge Crys­tal Meth schil­dert. Schon ei­ne Wei- le zu­rück lie­gen da­ge­gen die Ent­ste­hung von John St­ein­becks „Früch­te des Zorns“(Pre­mie­re am 16. Mai 2019, in­sze­niert von Haus­re­gis­seu­rin Mi­na Sal­eh­pour) oder Mich­ail Os­sorg­ins „Ei­ne Stra­ße in Mos­kau“(5. April 2019, Se­bas­ti­an Baum­gar­ten). St­ein­beck the­ma­ti­siert En­de der 30er­jah­re die Fol­gen der Gro­ßen De­pres­si­on für Ame­ri­kas Land­be­völ­ke­rung. Os­sor­gin schreibt 1928 im fran­zö­si­schen Exil die Ge­schich­te um ein paar rus­si­sche In­tel­lek­tu­el­le, die in Zei­ten von Krieg und Re­vo­lu­ti­on ei­nem kaum we­ni­ger tra­gi­schen Schick­sal ent­ge­gen­tau­meln.

Vol­ker Lösch nä­hert sich un­ter dem Ar­beits­ti­tel „Dresden 2029“(26. Ja­nu­ar 2019) ei­ner Dys­to­pie: dass 2029 der Rechts­po­pu­lis­mus re­giert. Ex-leip­zig-in­ten­dant Se­bas­ti­an Hart­mann in­sze­niert „Schuld und Süh­ne“(31. Mai 2019).

In­ter­na­tio­na­le Re­gie­ar­bei­ten sol­len das Pro­gramm au­ßer­dem mehr als nur er­gän­zen. So ste­hen der Po­le Wo­j­tek Zie­mil­ski, der Ge­or­gi­er Da­ta Ta­vad­ze und der Un­gar Ar­pád Schil­ling in den Start­lö­chern. Es ge­he dar­um, ei­ge­ne Po­si­tio­nen durch An­sich­ten von au­ßen zu hin­ter­fra­gen, wie es Kle­ment for­mu­lier­te. Das gel­te um­so mehr für ei­ne Stadt wie Dresden, die er als „Ost-west-brü­cken­kopf“be­zeich­ne­te.

Fo­to: Dietrich Flecht­ner

An­drang am Staats­schau­spiel – hier zur Lan­ge Nacht der Dresd­ner Thea­ter.

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.