Fa­bel­haf­ter Pia­nist, fah­ri­ges Orches­ter

De­jan La­zic mit „Wie­ner Klas­sik“beim MDR

Leipziger Volkszeitung - - KULTUR - VON RO­LAND H. DIP­PEL

Für den Kroa­ten De­jan La­zic, Jahr­gang 1977, ist die Wie­ner Klas­sik kein mu­sea­les Hei­lig­tum, das man mit al­ler­neu­es­ten Re­zep­tu­ren und Leucht­mit­teln auf­bürs­tet, son­dern ein le­ben­des und ak­tiv ge­stalt­ba­res Kul­tur­gut. Al­so spielt er, nach­dem er Brahms’ Vio­lin­kon­zert für Kla­vier ar­ran­gier­te und mit der Ton­dich­tung „Mo­zart und Sa­lie­ri“nach Pusch­kin zu Rim­ski-kor­sa­koff in Kon­kur­renz tritt, na­tür­lich sei­ne ei­ge­ne Ka­denz für Beet­ho­vens zwei­tes Kla­vier­kon­zert. Das Pu­bli­kum der Wie­nerKlas­sik-ma­ti­née im Ge­wand­haus dankt ihm, bis er mit dem Scher­zo ei­ner Hayd­nSo­na­te nach­legt.

Da­mit be­kräf­tigt der Pia­nist sei­nen An­spruch auf den Rang ei­ner Aus­nah­me­er­schei­nung sei­ner Ge­ne­ra­ti­on. Nach die­sen Le­ga­to-tril­lern und ih­rer Ver­blen­dung mit im­mer kla­ren Phra­sie­run­gen könn­te man süch­tig wer­den. La­zic rich­tet ei­ne mu­si­ka­li­sche Fra­ge nach der an­de­ren ans of­fen­bar mehr mit sich selbst be­schäf­tig­te Mdr-sin­fo­nie­or­ches­ter. Des­halb fin­det er nur sel­ten Ge­hör und er­hält al­len­falls knap­pe Ant­wor­ten. Im All­tag wä­re das fast un­höf­lich.

So bleibt es nicht aus, dass man die­se Beet­ho­ven-in­ter­pre­ta­ti­on als zwei we­nig kom­pa­ti­ble We­ge zur Wie­ner Klas­sik ver­ste­hen muss. Denn wäh­rend die gro­ße Mdr-be­set­zung mit al­lein vier Kon­tra­bäs­sen bei Mo­zart und nach der Pau­se auch für Schu­bert ei­ne ver­bind­li­che Ta­ges­form sucht, zeigt La­zic, wie Beet­ho­ven klin­gen kann, wenn man statt des Weih­rauch­fas­ses wa­chen Geist und tech­ni­sche Be­weg­lich­keit ein­setzt. Die Pa­ra­me­ter der Gestal­tung sind bei ihm per­fekt im Lot: Klar­heit statt Ar­tis­tik, Fle­xi­bi­li­tät statt Mus­kel­trai­nings und Struk­tur in leicht wir­ken­den, aber doch kraft­vol­len Wi­der­stän­den ge­gen Kraft­fut­ter und Weich­ma­cher, die ihm das Orches­ter­kol­lek­tiv reich­lich an­bie­tet.

Die Mu­si­ker ste­cken of­fen­bar tief in den Pro­ben zur mor­gen be­gin­nen­den Fes­ti­valRun­de „Luft“von Kris­t­jan Jär­vis Fes­ti­val „Nor­dic Pul­se“, fin­den nur mit ei­ni­ger Wil­lens­an­stren­gung von Do­brin­ka Ta­ba­ko­va, der bri­tisch-bul­ga­ri­schen Kom­po­nis­tin in Re­si­dence, zu den un­ter­schätz­ten Her­aus­for­de­run­gen aus der Do­nau­mon­ar­chie. An­ders lässt sich der stel­len­wei­se fah­ri­ge Um­gang mit Mo­zarts Haff­ner-sin­fo­nie und Schu­berts Ers­ter, ei­ner ju­gend­li­chen Be­wäh­rungs­pro­be mit au­to­ri­sier­ten Ver­ein­fa­chun­gen für Lieb­ha­ber­or­ches­ter, kaum er­klä­ren.

Schwer­lich zu über­hö­ren: Das MDRSin­fo­nie­or­ches­ter braucht in Ba­lan­ce zur von ihm im­mer mit­rei­ßend auf­ge­fah­re­nen Jun­gen Mu­sik und Mo­der­ne ver­nehm­bar mehr Mo­zart oder ver­gleich­ba­re Schlank­ma­cher und Stim­mungs­auf­hel­ler. Da­bei stellt sich der Nie­der­län­der Jan Wil­lem de Vri­end (Jahr­gang 1962) am Pult mit den ers­ten Zei­chen so­fort als Freund raum­grei­fen­der For­te- und For­tis­si­mo-kul­tu­ren vor. Das grei­fen die Mu­si­ker freu­dig auf und zie­hen kraft­voll wei­ter. Der ers­te Gast­di­ri­gent des Orches­t­re Na­tio­nal de Lil­le und des Or­que­s­tra Sim­fo­ni­ca de Bar­ce­lo­na fa­vo­ri­siert vor al­lem steil auf­ra­gen­de Ak­zen­te und die ro­bus­ten Par­al­le­len zwi­schen dem Früh­voll­ender Mo­zart und dem Sin­fo­nie-de­bü­tan­ten Schu­bert. So blei­ben der Me­nu­ett-satz der Haff­ner-sin­fo­nie und Schu­berts schon mit ei­ner Pri­se sprö­der Wal­zer-kan­ten an­ge­rei­cher­tes Al­le­gret­to im glei­chen Ton, als ob es in den über 30 Jah­ren zwi­schen 1782 und 1813 kei­ne Ent­wick­lun­gen ge­ge­ben hät­te. Kräf­ti­ger Ap­plaus dankt aus dem aus­ver­kauf­ten Saal für den bei Mo­zart und Schu­bert vor al­lem ef­fekt­si­che­ren Zu­griff.

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