Der Fall Skri­pal und der po­li­ti­sche Druck

Leipziger Volkszeitung - - FORUM & LESERBRIEFE - Richard Ja­wu­rek, 04416 Markkleeberg Ray­mond Wän­ke, 04288 Leip­zig Bernd Glä­ser, 04349 Leip­zig Iris Köh­ler, per E-mail Han­sjür­gen Gerst­ner, per E-mail Klaus Glat­zel, 04209 Leip­zig Pe­ter Schulz, 09235 Burk­hardt­s­dorf

Zum Gift­an­schlag auf den Ex-dop­pel­agen­ten Ser­gej Skri­pal

Die west­li­chen Wer­te be­ste­hen un­ter an­de­rem aus der oft be­ton­ten Rechts­si­cher­heit, in der oh­ne Be­weis kei­ne Ver­ur­tei­lung er­fol­gen kann. Was hät­te Deutsch­land für ei­ne Mög­lich­keit ge­habt, küh­len Kopf – ent­ge­gen den eng­li­schen Schnell­schüs­sen – zu be­wah­ren! Was wä­re es für ein Glaub­wür­dig­keits­ge­winn des Rechts­staats ge­we­sen zu sa­gen: „Wir wei­sen rus­si­sche Di­plo­ma­ten aus, wenn die Tat be­wie­sen ist.“Selbst der EX-BNDCHEF Gerhard Schind­ler sieht kei­ne schlüs­si­gen Be­wei­se. Hier scheint po­li­ti­scher Druck in­ter­es­sier­ter, mäch­ti­ger Krei­se zu exis­tie­ren, der für Deutsch­land noch un­ab­seh­ba­re Fol­gen ha­ben kann. Ver­ant­wor­tungs­vol­le per­spek­ti­vi­sche Po­li­tik sieht an­ders aus!

Die Welt­ge­mein­schaft wird Zeu­ge ei­ner nie da­ge­we­se­nen Ab­sur­di­tät in­ter­na­tio­na­len Rechts. Wla­di­mir Pu­tin ist in­zwi­schen Ur­sa­che jeg­li­chen Übels auf der Welt. Al­les hat er an­geb­lich be­ein­flusst: die An­ti-brüs­sel-hal­tung Un­garns, die na­tio­na­lis­ti­sche Rech­te in Frank­reich, den Er­folg der Br­ex­it-kam­pa­gne, die Us­prä­si­den­ten­wah­len. In die­sel­be Ka­te­go­rie fällt lei­der auch, dass der Kreml au­to­ma­tisch für den An­schlag auf Skri­pal ver­ant­wort­lich ge­macht wird.

Es ist nach­voll­zieh­bar, dass sich die Rus­sen im Fall Skri­pal zu­tiefst be­lei­digt füh­len und bei ih­nen der letz­te Rest Ver­trau­en in die west­li­chen De­mo­kra­ti­en ver­lo­ren zu ge­hen scheint. Mitt­ler­wei­le ist man be­reit, dem Wes­ten al­le Bos­haf­tig­kei­ten ge­gen­über Russ­land zu­zu­trau­en. Ver­mut­lich ist man nicht mehr weit da­von ent­fernt, ein harm­lo­ses Freu­den­feu­er­werk als ei­nen ge­ziel­ten feind­li­chen Be­schuss der Ge­gen­sei­te zu be­wer­ten.

Es ist höchs­te Zeit, die­se schreck­li­che Es­ka­la­ti­on im Fall Skri­pal zu stop­pen. Und da­zu wä­re die vom Cdu-eu­ro­pa­ab­ge­ord­ne­ten Her­mann Wink­ler ge­for­der­te Ent­schul­di­gung der Bun­des­re­gie­rung bei Russ­land bes­tens ge­eig­net.

So ein­fach ist das al­so. Das bei Skri­pal ver­wen­de­te Gift wur­de in den 70er- und 80er-jah­ren in der So­wjet­uni­on ent­wi­ckelt. Und dar­aus folgt der ein­zig rich­tig Schluss, die Rus­sen sind nach fast 40 Jah­ren ver­ant­wort­lich für den Gift­an­schlag auf Skri­pal und sei­ne Toch­ter. Klingt nach Lie­schen Mül­ler, ist aber lei­der sehr ge­fähr­lich. Ein­fach schluss­fol­gern, Russ­land, ein­mal bö­se, im­mer bö­se, Ami im­mer gut. Ich fra­ge mich: Cui bo­no? Wem nützt es?

Da macht ein ma­ka­be­rer Witz die Run­de: Das Ver­kehrs­flug­zeug der Aer­o­flot wur­de von den Bri­ten durch­sucht, weil ei­ne Ste­war­dess ei­nen eng­li­schen Pas­sa­gier auf sei­ne Bit­te um ein Mi­ne­ral­was­ser ge­fragt ha­be: Mit Gas oder oh­ne?

„No­wit­schok“(wenn über­haupt) im Kof­fer, Ner­ven­gift im Blu­men­strauß, Ner­ven­kampf­stoff in der Piz­ze­ria, töd­li­che gif­ti­ge che­mi­sche Sub­stan­zen im oder am Au­to, A-234 an der Haus­tür, nach letz­ten Mel­dun­gen kam das tod­brin­gen­de Mit­tel per Buch­wei­zen­grüt­ze nach Lon­don, und laut Grü­nen-che­fin droht nun gar rus­si­sches Gift­gas über Nord Stream 2 nach Eu­ro­pa zu flie­ßen und des­sen Zu­sam­men­halt zu un­ter­gra­ben. Da­bei scheint das Gift der Russo­pho­bie, wel­ches Frau Ba­er­bock ver­sprüht, für das Zu­sam­men­le­ben in Eu­ro­pa auf Dau­er weit ge­fähr­li­cher zu sein als je­nes, dem die Skri­pals aus­ge­setzt wur­den. Da möch­te man Herrn Lind­ner und sei­nen Par­tei­freun­den dan­ken, dass sie den Ein­zug der Grü­nen ins Ka­bi­nett ver­hin­dert ha­ben. Und wir kön­nen froh sein, dass es auch Stim­men wie die von Ver­heu­gen, Plat­zek, Wim­mer, Trit­tin, ja so­gar Er­ler oder Rött­gen gibt, wel­che zur Nüch­tern­heit und Be­son­nen­heit im Ver­hält­nis zu Russ­land mah­nen.

Was ist oder war der Rus­se ei­gent­lich nicht?! Selbst wenn das Gift in der ehe­ma­li­gen So­wjet­uni­on her­ge­stellt wur­de, be­weist das doch gar nicht, dass hin­ter der An­wen­dung in die­sem Fall der Rus­se steht. In dem Cha­os nach dem Zu­sam­men­bruch der So­wjet­uni­on sind ja be­kannt­lich aus den Waf­fen­ar­se­na­len vie­le Din­ge ver­schwun­den und in Hän­de ge­langt, in de­nen sol­che Din­ge nicht sein soll­ten. War­um nicht auch sol­che Gif­te?

Je­der Ein­bre­cher, der auf fri­scher Tat fest­ge­nom­men wur­de, wird bis zu sei­ner ge­richt­li­chen Ver­ur­tei­lung als „mut­maß­lich“be­zeich­net. Soll­te man nicht ein­mal die Rol­le von Ge­heim­diens­ten be­leuch­ten?

In Ih­rem Bei­trag mit dem Ti­tel „Russ­land übt Re­van­che“in Zu­sam­men­hang mit der ge­lun­ge­nen Stuttmann-ka­ri­ka­tur fand ich erst­mals in den deut­schen Me­di­en ei­ne rea­lis­ti­sche Be­trach­tung der Skri­pal­af­fä­re. Es steht au­ßer Fra­ge, dass an dem Ex-dop­pel­spi­on und sei­ner Toch­ter ein schwe­res Ver­bre­chen be­gan­gen wur­de. Für mich ist es je­doch un­ver­ständ­lich, dass oh­ne Be­wei­se und oh­ne ab­ge­schlos­se­ne Er­mitt­lun­gen die deut­sche Re­gie­rung und vie­le Eu-staa­ten rus­si­sche Di­plo­ma­ten un­ter die­sem Vor­wand aus­wei­sen. Ich bin der Mei­nung, dass man ge­ra­de in ei­ner sol­chen bri­san­ten Si­tua­ti­on auf Di­plo­ma­ten­ebe­ne in Ver­bin­dung blei­ben müss­te.

Im Jahr 1989/90 war ich froh, dass der Kal­te Krieg schritt­wei­se über­wun­den wur­de und Gor­bat­schow den Weg frei mach­te für ein ei­ni­ges Deutsch­land. Die­se fried­li­che Ent­wick­lung wird nun durch west­li­che Staa­ten leicht­fer­tig aufs Spiel ge­setzt.

Fo­to: AP

Kam vor ei­ner Wo­che aus dem Kran­ken­haus: Ju­lia Skri­pal, die Toch­ter des Ex-dop­pel­agen­ten Ser­gej Skri­pal.

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.