Eu­ro­päi­scher Bi­ber ist zu­rück in Leip­zig – und das Au­wald­tier des Jah­res 2018

Uni-fach­mann Ron­ny Wolf be­rich­tet über er­staun­li­che Re­nais­sance des nacht­ak­ti­ven Ve­ge­ta­ri­ers

Leipziger Volkszeitung - - TIERLEBEN - VON JENS RO­METSCH

Ob­wohl er seit et­wa zehn Mil­lio­nen Jah­ren auf der Er­de lebt, galt der Eu­ro­päi­sche Bi­ber in Sach­sen lan­ge als nicht exis­tent. 1846 er­leg­te ein Wil­de­rer in der Nä­he von Wur­zen das letz­te Ex­em­plar. „Da­nach war Sach­sen 100 Jah­re lang prak­tisch bi­ber­frei“, er­zähl­te Ron­ny Wolf vom Bio­lo­gie-in­sti­tut der Uni­ver­si­tät Leip­zig ges­tern aus ei­nem be­son­de­ren An­lass. Denn der zu­fäl­lig eben­falls aus Wur­zen stam­men­de Fach­mann hielt die Lau­da­tio auf das Au­wald­tier des Jah­res 2018 – eben den Bi­ber, der mit wis­sen­schaft­li­chem Na­men Cas­tor fi­ber heißt.

Das größ­te Na­ge­tier Eu­ro­pas lebt seit min­des­tens drei Jah­ren wie­der in Leip­zig, be­rich­te­te Wolf. „Es hat sich von der El­be über die Saa­le, Lup­pe und Wei­ße Els­ter in un­se­re Brei­ten vor­ge­ar­bei­tet.“Schon vor 50 Jah­ren hät­ten um­fang­rei­che Schutz­maß­nah­men ers­te Er­fol­ge ge­zeigt und die Re­nais­sance ei­ner Tier­art be­gon­nen, die bis ins Mit­tel­al­ter we­gen ih­res schmack­haf­ten Flei­sches und gut wär­men­den Fells ge­jagt wur­de. Mit der Ver­bes­se­rung der Ge­wäs­ser­qua­li­tät nach der Wen­de setz­te ein „äu­ßerst po­si­ti­ver Trend“ein, so­dass Sach­sen heu­te wie­der

400 bis 500 Bi­ber-re­vie­re zählt.

Die größ­ten Däm­me von bis zu 70 Me­tern Län­ge sei­en im Col­dit­zer Forst zu be­wun­dern. Doch auch im Leip­zi­ger Au­wald – zum Bei­spiel na­he der Hans-driesch-stra­ße – ha­be das Säu­ge­tier schon Bäu­me mit 40 bis 50 Zen­ti­me­tern Stamm­durch­mes­ser ge­fällt.

„Ich sa­ge mei­nen Stu­den­ten manch­mal: Na­ge­tie­re sind dumm, weil sie ein so klei­nes Ge­hirn ha­ben“, er­zähl­te der Re­fe­rent la­chend. „Der Bi­ber ver­hält sich aber äu­ßerst klug.“So sei er als Ve­ge­ta­ri­er in der kal­ten Jah­res­zeit auf Baum­rin­den und Weich­ge­höl­ze als Nah­rung an­ge­wie­sen. An der Mul­de le­ge er des­halb öf­ter Obst­bäu­me um. „Der Bi­ber hat da sei­ne ganz ei­ge­ne Art ent­wi­ckelt, um Äp­fel zu ern­ten.“Die Bäu­me wür­den zu­meist so ge­fällt, dass sie ins Was­ser stür­zen. Oder der bis zu 32 Ki­lo schwe­re Holz­fäl­ler schleppt sie spä­ter dort­hin ab. Ein Fut­ter­platz auf dem Was­ser bie­te ihm mehr Schutz vor Fress­fein­den. Gro­ße Bi­ber­bur­gen, in de­nen bis zu vier Ge­ne­ra­tio­nen ge­mein­sam le­ben kön­nen, sei­en im Au­wald aber un­wahr­schein­lich. Hier wür­den haupt­säch­lich Gän­ge und Höh­len in die Ufer­be­rei­che ge­gra­ben – so­weit die­se na­tür­lich be­schaf­fen und da­für ge­eig­net sind.

Sie­ben Bi­ber-re­vie­re konn­te Jo­han­nes Hans­mann vom Ver­ein Nuk­la in den let­zen Mo­na­ten in Leip­zig kar­tie­ren. Erst ver­gan­ge­ne Wo­che wur­de ein neu­er Platz am Karl-hei­ne-ka­nal ent­deckt. Ei­ne gan­ze Fa­mi­lie dürf­ten die Mes­se­städ­ter den­noch – selbst bei dem be­kann­ten Stand­ort am Els­ter­be­cken – so gut wie nie zu Ge­sicht be­kom­men. Da die Tie­re in un­se­ren Brei­ten nacht­ak­tiv sind, las­se sich bei Ta­ges­licht höchs­tens mal ein Ex­em­plar auf Ab­we­gen bli­cken, sag­te Wolf wei­ter.

Ih­re Be­deu­tung für den Schutz der Au­en­land­schaft und an­de­rer Tier­ar­ten sei nicht hoch ge­nug zu be­wer­ten. Ob Li­bel­le, Eis­vo­gel oder Schwarz­storch – vie­le Au­en­be­woh­ner bräuch­ten lang­sam flie­ßen­de Ge­wäs­ser, wel­che durch die streng ge­schütz­ten Bi­ber­bau­ten ent­ste­hen. „Um un­se­rer Ver­ant­wor­tung für die in ganz Eu­ro­pa ge­schütz­ten Tie­re ge­recht zu wer­den und Kon­flik­te zwi­schen Mensch und Tier zu mi­ni­mie­ren, ist auch ei­ne gu­te Öf­fent­lich­keits­ar­beit wich­tig“, er­klär­te Um­welt­bür­ger­meis­ter Hei­ko Ro­sen­thal (Lin­ke). „Mit der Wahl zur Au­wald­art 2018 wur­de hier ein ers­ter Schritt ge­tan.“

Fo­to: Stadt Leip­zig

Ob­wohl Bi­ber nun wie­der meh­re­re Bur­gen im Leip­zi­ger Stadt­ge­biet nut­zen, dürf­ten die Ein­woh­ner so ein schö­nes Bild nur sel­ten se­hen. Denn Bi­ber sind nacht­ak­tiv.

Ron­ny Wolf

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