Die Ram­pen­sau im Klein­kunst­stall

Kay Ray rockt den Blau­en Sa­lon im Cen­tral-ka­ba­rett – er spricht da­bei eher den Bauch an als den Fein­geist

Leipziger Volkszeitung - - SZENE LEIPZIG - VON STEF­FEN GE­OR­GI

Er ist nach wie vor die größ­te Ram­pen­sau (ja, das ist zwei­deu­tig ge­meint) im deut­schen Klein­kunst­stall: Kay Ray. Die hy­per­ven­ti­lie­ren­de Di­va öf­fent­li­cher Volks­er­re­gung. Der Zo­ten­zom­bie im Gla­mour-trash-ha­bi­tat. Schlag­fer­tig, halb­schwul, vollex­al­tiert. Ein „Ex-ex­hi­bi­tio­nist und Schein­bi­se­xu­el­ler“(Kay Ray über Kay Ray), der pri­vat in­zwi­schen das bür­ger­li­che Glück der Klein­fa­mi­lie mit Frau und Kind und be­ruf­lich er­klär­ter­ma­ßen zu neu­er Nach­denk­lich­keit fand. Was Letz­te­res heißt, zeigt sein ak­tu­el­les Pro­gramm „YOLO!“. Am Sonn­tag gas­tier­te Kay Ray da­mit im gut be­such­ten Blau­en Sa­lon des Cen­tral-ka­ba­retts.

Wo er mit weit über zwei St­un­den rei­ner Spiel­zeit den, das muss man mit al­lem Re­spekt sa­gen, La­den rock­te. Vor der Pau­se mit wild tou­pier­tem Haar zu ent­spre­chend tou­pier­tem Hu­mor. Nach der Pau­se mit ge­glät­te­tem Haupt, aber nichts­des­to­trotz im­mer noch ei­ner Men­ge krau­ser Ge­dan­ken und je­ner schier un­er­schöpf­li­chen Ener­gie, die zwi­schen froh­ge­mut und ver­bis­sen die Fe­s­tun­gen des so­ge­nann­ten gu­ten Ge­schmacks eben­so zu schlei­fen trach­tet, wie die der so­ge­nann­ten Po­li­ti­cal Cor­rect­ness.

Klar, manch­mal muss man es halt ein­fach raus las­sen. Schließ­lich lebt man nur ein­mal, woran ja schon der Na­me des Pro­gramms ge­mahnt (YOLO! Steht für „You on­ly li­ve on­ce!“). Wes­halb man sich, so Kay Ray, auch kei­ne Vor­schrif­ten ma­chen las­sen soll­te, wor­über man Wit­ze ma­chen darf und wor­über nicht: „Drauf­los­ge­lacht oh­ne zu ha­dern! Drauf­los­ge­dacht oh­ne zu ha­ken! Frei sein!“ist der Slo­gan, den der Bei­pack­zet­tel zum Pro­gramm lie­fert.

Klingt gut. Und tat­säch­lich nimmt sich das dann auch all die Frei­hei­ten je­ner Art, die ein Drauf­los­la­chen al­le­mal ga­ran­tiert. Das ist prin­zi­pi­ell erst ein­mal po­si­tiv. Nur, was dann das Drauf­los­den­ken an­geht – nun ja, al­so sor­ry, aber da hakt es dann doch ge­hö­rig. Oder un­ter­liegt man bes­ser ge­sagt auch hier ein wei­te­res Mal je­nem so grund­le­gen­den, wie selbst­ver­lieb­ten Irr­tum, dass end­lo­se Wit­ze et­wa über Mus­li­me oder Roll­stuhl­fah­rer al­lein des­halb schon Den­kleis­tun­gen sind, nur weil sie den Denk­be­schrän­kun­gen des Main­streams zu­wi­der lau­fen.

Soll hei­ßen: Dass Kay Ray bei­spiels­wei­se noch ein­mal herz­haft – und völ­lig zu­recht – über die se­xu­el­len Über­grif­fe auf der Köl­ner Dom­plat­te samt Henriette Re­kers le­gen­där dum­men Arm­län­ge-ab­stand-ver­hal­ten­s­tipp ätzt, geht völ­lig in Ord­nung. Nur, dass sich der­lei be­züg­lich ir­gend­ei­nes ir­gend­wie in­tel­lek­tu­el­len Ge­halts, von ei­ner wasch­ech­ten Ram­pen­sau-zo­te wie der über die Oma, die beim Oral­ver­kehr furzt, in nichts un­ter­schei­det.

Hu­mo­ris­ti­sche Fla­tu­len­zen, die be­züg­lich des­sen, was die­sem und je­nem Gast im Pu­bli­kum ge­le­gent­lich men­ta­le Blä­hun­gen be­rei­ten mag, si­cher­lich Er­leich- te­rung ver­schaf­fen kön­nen. Zwangs­läu­fig sti­mu­liert das dann al­ler­dings we­ni­ger die ko­gni­ti­ven Fä­hig­kei­ten, als viel­mehr das gu­te, al­te Bauch­ge­fühl. Im kon­kre­ten Fall je­nes, we­gen dem sich dann auch beim Ex­kurs zu den „Au­ßer­ir­di­schen Mer­kel und Trump“ein hin­rei­ßen­der Ver­spre­cher (?) ein­schleicht: „Das Mer­kel und das Trump“sagt da das Kay Ray: „die rot­ten die Deut­schen … äh, die Mensch­heit aus.“

Man muss kein Fan der Wie­ner Frak­ti­on sein, um die­se Freud­sche Fehl­leis­tung als cha­rak­te­ris­tisch für „YOLO!“zu emp­fin­den. Ach ja, die gu­te, al­te Ger­man Angst! Im­mer­hin sucht die hier ih­re Kom­pen­sa­ti­on, ein Ven­til durchs La­chen. Funk­tio­niert präch­tig. Oder um es mal ein we­nig im Kay-ray-jar­gon zu sa­gen, es ist ja aus­drück­lich er­laubt „so frei“zu sein: Da mi­chelt sich der Mit­tel­stands-mi­chel im Zu­schau­er­raum glatt ei­nen vor Be­geis­te­rung. Da quiekt die Mut­ti wie ein sü­ßes Fer­kel, und der Va­ti grunzt wie ein gut ge­laun­ter Eber. Woran spe­zi­ell Kay Rays Schwein­kram-gags si­cher­lich ei­ni­gen Ver­dienst ha­ben. Der Mann ist echt sti­mu­lie­rend. Wenn auch we­ni­ger, um es ein letz­tes Mal zu sa­gen, fürs Hirn. Es mag ein Grund für sei­nen Er­folg sein.

Dirk Kn­ofe

Tou­pier­tes Haar und ei­ne Men­ge krau­ser Ge­dan­ken: Kay Ray im Blau­en Sa­lon des Cen­tral-ka­ba­retts.

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