Leipziger Volkszeitung

Pop trifft Puppen

Bejubeltes Gastspiel in der Schaubühne: „Leonce + Lena in the Box“mit Bridge Markland

- VON STEFFEN GEORGI ➦ www.bridge-markland.de

Das ist doch mal ein gesellscha­ftspolitis­ch sinnvoller Akt: ein Dekret von höchster Stelle zu erlassen, das jeden Menschen, der sich brüstet, „sein Brot im Schweiße seines Angesichts zu essen“, endlich als das einstuft, was solche Menschen sind: „verrückt und der menschlich­en Gesellscha­ft gefährlich“nämlich. Darüber hinaus wird die Alternativ­e zu solch einem verbiester­ten Ethos gleich mit festgeschr­iebent: „…und dann legen wir uns in den Schatten und bitten Gott um Makkaroni, Melonen und Feigen, um musikalisc­he Kehlen, klassische Leiber und eine kommode Religion!“

Die schönste Utopie, die je von einem deutschen Dramatiker formuliert wurde. Und bitte jetzt nicht Brechts schulmeist­ernden Didaktik-klimbim ins Feld führen – denn Georg Büchners „Leonce und Lena“gehört der Lorbeer. Ein paar Blättchen davon hat sich auch die Berliner Performanc­ekünstleri­n Bridge Markland verdient: für ihre Adaption „Leonce + Lena in the Box“, die zu Büchners Klassiker in Vollplayba­ck die Puppen tanzen lässt. Am Dienstagab­end wurde dieses Gastspiel in der Schaubühne laut bejubelt. Das hat nicht nur, aber natürlich einiges mit der Musik zu tun, mit der die Zuschauer in den 80 Minuten dieser Inszenieru­ng beschenkt werden. Denn weil auch die „musikalisc­hen Kehlen“des Pop ja irgendwie Utopie sind, eine Utopie des Hedonismus propagiere­n („klassische Leiber“oft inklusive), offenbart sich „Leonce + Lena in the Box“folgericht­ig als ein Potpourri in Pop.

Denn Bridge Markland unterlegt, durchdring­t, kommentier­t die Handlung mit einem schier unerschöpf­lichen Mixtape. Zu hören sind David Bowie und Hans Albers, Kraftwerk und Dieter Meier, Pink Floyd und Reinhard Mey, Kiss und Chris Isaak, The Sisters of Mercy und Adriano Celentano, Connie Frances und Knorkator. Man kann das noch eine Weile fortsetzen. Und so unterschie­dlich das mitunter ist: Hier passt alles zusammen, fügt sich alles ein. Mal als zerschnipp­elte Akkordfetz­en, mal als ausklingen­de Melodielin­ien – aber immer punktgenau ins Geschehen montiert.

Das ist mehr als nur der Soundtrack zum Stück; es ist eine Verschmelz­ung, die ihre Entsprechu­ng findet in dem Umstand, dass Markland für die Figuren aus „Leonce und Lena“gleichsam wie ein Medium funktionie­rt. Wie die Musik erklingen auch die Stimmen der handelnden Figuren ausschließ­lich aus dem Off. Sie kommen von der Konserve und sprechen „durch“Markland, die dazu stumm ihre Lippen und/oder die Puppen bewegt.

Das passt perfekt zur Geschichte um den Königssohn Leonce, der vor der staatstrag­enden Vernunfthe­irat mit einer Unbekannte­n flieht und auf dieser Flucht just eine schöne Unbekannte, Lena natürlich, kennenlern­t, die ihrerseits auf der Flucht vor einer staatstrag­enden Vernunfthe­irat mit einem Unbekannte­n ist. Natürlich, das endet in Liebe, Hochzeit und königliche­n Staatserlä­ssen (siehe oben). Denn die Fluchtbewe­gung individuel­ler Autonomie entpuppt sich als Karussell-bewegung der Vorbestimm­ung. Wir bewegen uns nicht, wir werden bewegt. Vom Schicksal, von Popmusik – und gelegentli­ch, so wie hier, auch von gutem Theater.

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Foto: Photograef­in Immer punktgenau: Bridge Markland spielt mit Puppen und Musik in der Produktion „Leonce und Lena in the Box“.

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