Kron­prin­zen am Kö­nigs­hof

Ein aus­ufern­des Ton­do­ku­ment des King-crim­son-kon­zer­tes in Wi­en – und neue Stern­stun­den von So­nar

Leipziger Volkszeitung - - KULTUR - VON UL­RICH STEINMETZGER

Den Ein­fluss die­ser 1969 ge­grün­de­ten Band auf die pro­gres­si­ve Rock­mu­sik kann man nicht über­schät­zen. Im­mer wie­der hat Gi­tar­rist Ro­bert Fripp, in­zwi­schen 71 Jah­re alt, King Crim­son neu er­fun­den. Höchs­tens mit den fort­wäh­ren­den Neu­be­set­zun­gen in den elek­tri­schen Bands von Mi­les Da­vis kann man sein Im­pe­ri­um ver­glei­chen. Es ist ein gro­ßer Durch­lauf­er­hit­zer für Mu­si­ker, die dann an­ders­wo wie­der auf­tau­chen und durch die Teil­ha­be an et­was Grö­ße­rem ge­adelt sind.

Der per­so­nel­le Wech­sel blieb ei­ne fest­ste­hen­de Kon­stan­te, und aus­ge­dehn­te Pha­sen der In­ak­ti­vi­tät gab es auch. Dann hat es in Fripp ge­ar­bei­tet und ge­gärt, dann hat er sich So­lo­pro­jek­ten, aben­teu­er­li­chen Kol­la­bo­ra­tio­nen und Gi­tar­ren­un­ter­richt hin­ge­ge­ben und sich mehr sei­ner in­tro­spek­ti­ven Sei­te ver­pflich­tet ge­fühlt. Al­le­samt kön­nen sich die Er­geb­nis­se hö­ren las­sen. Ir­gend­wann un­ter­wegs hat er sich auch von den gro­ßen La­bels ver­ab­schie­det. Sein Satz da­zu ist fast zum Apho­ris­mus in der Mu­sik­bran­che ge­wor­den: „Schlim­mer als ei­ne Plat­ten­fir­ma, die sich nicht um ih­re Mu­si­ker küm­mert, ist ei­ne, die sich um sie küm­mert.“

Ro­bert Fripp ist als Ein­zi­ger üb­rig­ge­blie­ben von der Ori­gi­nal­be­set­zung. Er ist Per­fek­tio­nist, Mi­mo­se und Mas­ter­mind, der nichts mehr aus sei­nen Hän­den gibt. Sei­ne Ge­mein­de der Crim­son­heads be­dient er mit dem ei­ge­nen La­bel DGM, und seit er 2013 mit ei­nem zum Sep­tett an­ge­wach­se­nen Band­or­ga­nis­mus neu durch­star­te­te, krie­gen sie or­dent­lich Fut­ter mit sehr viel Red­un­dan­zen und doch auch im­mer wie­der in­stru­men­ta­len Ex­kur­sen ins Un­vor­her­seh­ba­re, die dann auch die Neu­an­schaf­fung loh­nen. Par­al­lel zu um oft kryp­ti­sche Bo­nus­tracks er­wei­ter­te Neu­aus­ga­ben der Klas­si­ker gab es die Drei­fach-cd „Ra­di­cal Ac­tion To Un­se­at The Hold Of Mon­key Mind“und die Dop­pel-cd „Live in Chi­ca­go“. Nun folgt wie­der als Drei­er­pack das kom­plet­te Kon­zert vom 1. De­zem­ber 2016 in Wi­en.

Wie­der sitzt Fripp in fei­nem Zwirn hin­ten rechts. Wie­der ste­hen et­was er­höht die bei­den Alt­vor­de­ren To­ny Le­vin (Bass) und Mel Col­lins (Sa­xo­fon, Flö­te) ne­ben ihm, wie­der do­mi­nie­ren die Büh­ne vorn drei Schlag­zeu­ger, und es ist nur lo­gisch, wenn es hier ei­ne Ve­rän­de­rung gab und Je­re­my St­acey nun für Bill Rief­lin ne­ben Pat Ma­s­te­lot­to und Ga­vin Har­ri­son trom­melt. Die­ses Drum­mer­trio stei­gert den sat­ten Sound, gibt ihm neue De­tails, Druck und Dy­na­mik, dass es im­mer so wei­ter­ge­hen könn­te und nicht nur gut ist für die Büh­nen­op­tik. Da könn­te man das in die­sem Fall be­son­ders aus­führ­li­che und für so ei­ne Band der krea­ti­ven In­di­vi­dua­lis­ten un­üb­li­che Schwel­gen im Ges­tern ver­zei­hen.

Nur lei­der gibt der Sieb­te im Bun­de, Gi­tar­rist und Sän­ger Jak­ko Jaks­zyk, gar zu sehr den Mus­ter­schü­ler, der nichts falsch ma­chen möch­te. Mit sei­ner Stim­me, die wie ein zeit­ver­setz­tes Dou­ble von Greg La­ke klingt, wer­den Dau­er­bren­ner wie „The Court of the Crim­son King“, „Epi­taph“und „21st Cen­tu­ry Schi­zo­id Man“zu nichts wei­ter als ver­klär­ten Gän­gen zu­rück im Zeit­tun­nel.

An „In­di­sci­pli­ne“, das ei­ne Band­ge­ne­ra­ti­on spä­ter Adri­an Be­lew sang, ver­hebt er sich so sehr, dass man um­ge­hend zur Skip-tas­te ei­len möch­te. So bleibt bei al­ler Be­geis­te­rung für die­se unikä­re Band über vie­le Pha­sen die­ses aus­ufern­den Ton­do­ku­ments auch ein scha­ler Bei­ge­schmack we­gen zu gro­ßer nost­al­gi­scher Selbst­zu­frie­den­heit, auch wenn das al­les im­mer noch weit über den gän­gi­gen Best of-pein­lich­kei­ten im Rock steht.

Zum Glück ist die Band so ein­fluss­reich, dass es in­zwi­schen Kron­prin­zen am Kö­nigs­hof gibt. „Vor­tex“zum Bei­spiel, die neue CD des Schwei­zer Quar­tetts So­nar, hebt mit mi­ni­ma­lis­tisch ge­stei­ger­ten sug­ges­ti­ven Gi­tar­ren­mus­tern so an, wie man sich ein Up­date von King Crim­son wün­schen wür­de. Und es hält die­se Hö­he sechs cir­ka zehn­mi­nü­ti­ge in­stru­men­ta­le Stü­cke lang. „Nichts kann zwei Gi­tar­ren, Bass und Schlag­zeug schla­gen“, hat ein­mal Lou Reed de­kre­tiert.

Doch, möch­te man ihn mit die­ser CD kor­ri­gie­ren: ei­ne drit­te Gi­tar­re. Es ist die von Da­vid Torn, noch so ei­nem Alt­vor­de­ren des Avant­gar­de­rocks, der sich im­mer rar mach­te, was sei­ne ge­le­gent­li­che Teil­ha­be an den Auf­nah­men di­ver­ser Big Na­mes nur um so be­mer­kens­wer­ter mach­te. Ei­gent­lich soll­te er das Al­bum nur pro­du­zie­ren, doch hat ihn die un­ver­braucht und kli­schee­frei los­ge­hen­de Mu­sik der vier Eid­ge­nos­sen so fas­zi­niert, dass er auf al­len Stü­cken sei­nen Sound bei­steu­er­te.wie Torn sich hier ein­mischt, ist sen­sa­tio­nell und zählt zu den Stern­stun­den die­ses Mu­sik­jah­res.

King Crim­son: Live in Vi­en­na. 3 CDS. Dgm/ga­li­leo MC;

So­nar mit Da­vid Torn: Vor­tex. Ra­re Noi­se Re­cor­ds

Foto: Alan Jo­nes

Bei­ge­schmack nost­al­gi­scher Selbst­zu­frie­den­heit: King Crim­son mit Ro­bert Fripp (hin­ten rechts).

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