FRANZ ROGOWSKI IM IN­TER­VIEW

Der 32-Jäh­ri­ge über sein Lis­peln und sei­ne neue Film­rol­le als Ga­bel­stap­ler­fah­rer

Leipziger Volkszeitung - - ERSTE SEITE -

Franz Rogowski, Jahr­gang 1986, ist im schwä­bi­schen Tü­bin­gen auf­ge­wach­sen und lebt heu­te in Ber­lin. Im Ki­no wur­de der Sohn ei­nes Kin­der­arz­tes und ei­ner Heb­am­me 2013 be­kannt mit dem Lie­bes­film „Lo­ve Steaks“von Jakob Lass. Es folg­ten: „Vic­to­ria“von Se­bas­ti­an Schip­per, „Hap­py End“von Micha­el Ha­n­eke, „Lux – Krie­ger des Lichts“und „Tran­sit“von Chris­ti­an Pet­zold. Dem­nächst se­hen wir ihn im Ns-wi­der­stands­dra­ma „Ra­de­gund“von Us-re­gis­seur Ter­rence Malick. Rogowski ist En­sem­ble­mit­glied der Münch­ner Kam­mer­spie­le. Mit der Lie­bes­ge­schich­te „In den Gän­gen“(Ki­no­start: 24. Mai) von Tho­mas Stu­ber hat er im April den Deut­schen Film­preis als bes­ter Haupt­dar­stel­ler be­gon­nen. Stefan Stosch sprach mit ihm.

Sie wa­ren Fahr­rad­bo­te, An­ti­qua­ri­ats­ge­hil­fe, Cho­reo­graf und ha­ben ei­ne Clown­s­aus­bil­dung ab­sol­viert: Fällt es Ih­nen schwer fal­len, sich für ei­ne Sa­che zu ent­schei­den?

Ich woll­te auf je­den Fall früh weg von der Schu­le – und ich hat­te im­mer das Ziel, das gut zu tun, was ich ge­ra­de tue. Die Stra­ßen­jon­gla­ge hat mich auch zu mei­nem ers­ten Film­fes­ti­val ge­bracht: In Lo­car­no bin ich mit ei­nem Freund un­ter frei­em Him­mel auf­ge­tre­ten. Da­mit ha­ben wir uns da­mals so um die 300 Eu­ro am Tag ver­dient.

Und wa­ren Sie im­mer in al­lem gut?

Als Stra­ßen­mu­si­ker war ich so grau­en­haft, dass die Leu­te mir Geld ge­ge­ben ha­ben, da­mit ich auf­hö­re. Dann woll­te ich ma­len, ha­be mit mei­ner Map­pe aber an kei­ner Aka­de­mie lan­den kön­nen. Und dann bin ich als Tän­zer ans Thea­ter ge­gan­gen, das ha­be ich vier, fünf Jah­re lang ge­macht.

War­um ha­ben Sie auf­ge­hört?

Als Tän­zer ar­bei­tet man für ei­nen Re­gis­seur, der sich zu­erst durch Spra­che aus­drückt. Ein Tän­zer ist eher ein Stim­mungs­ma­cher, so wie ei­ne Ne­bel­ma­schi­ne oder ein be­son­de­res Licht auf der Büh­ne. Wäh­rend der Schau­spie­ler mo­no­lo­gi­siert, zap­pelt man im Raum rum und ver­bild­licht das über den Text Trans­por­tier­te. Das kann schön sein, hat bei mir aber da­zu ge­führt, dass ich un­be­dingt mit dem Re­gis­seur et­was Sprach­li­ches ent­wi­ckeln woll­te.

Ganz of­fen ge­fragt: Von ih­rem Lis­peln ha­ben Sie sich nicht ab­schre­cken las­sen?

Das ist in­zwi­schen ein ech­tes Qua­li­täts­merk­mal. Mit Gü­te­sie­gel.

Ge­lobt wer­den Sie von ih­ren Re­gis­seu­ren be­son­ders für Ihr Kör­per­lich­keit: Ist die­se ein wei­te­res Qua­li­täts­merk­mal?

Hängt vom Re­gis­seur ab. Mit Tho­mas Stu­ber in „In den Gän­gen“ha­be ich bei­na­he cho­reo­gra­fisch ge­ar­bei­tet. Die­ses Bal­lett von Ga­bel­stap­lern in ei­nem ost­deut­schen Groß­markt führt zu ei­ner be­stimm­ten Spiel­wei­se. Auch Chris­ti­an Pet­zold war bei der An­na-seg­hers-ver­fil­mung „Tran­sit“so ge­nau in sei­ner Ar­beits­wei­se, dass im Zu­sam­men­wir­ken mit Schau­spie­lern sei­ne ganz ei­ge­ne Hand­schrift er­kenn­bar wird.

Wie war das, sich in „Tran­sit“in ei­nen Flücht­ling zu ver­wan­deln?

Die Vor­be­rei­tung auf ei­ne Rol­le ist für mich in ver­schie­de­ne Ab­schnit­te un­ter­teilt: Es gibt die Pha­se der ra­tio­na­len Über­prü­fung des An­ge­bots, in die­sem Fall al­so ei­nes Ro­mans von An­na Seg­hers und ei­nes Dreh­buchs von Chris­ti­an Pet­zold. Da­nach stellt sich die Fra­ge: Wie krie­ge ich die Träu­me und Ängs­te der Fi­gur in den Kör­per? Von da an darf ich nicht mehr kalt und in­tel­lek­tu­ell ran­ge­hen. Am En­de be­steht die Fi­gur aus Kör­per und Emo­tio­nen. Ich spie­le kei­nen Ge­flüch­te­ten, ich spie­le ei­nen Men­schen auf der Flucht.

Wo ist der Un­ter­schied?

Als Flücht­ling wür­de ich im­mer über die Schul­ter gu­cken, ge­stresst und mit ei­nem weh­lei­di­gen Kriegs­aus­druck im Ge­sicht. Das steht mir nicht zu, weil ich nicht weiß, wie sich das an­fühlt. Ich kann aber als Fi­gur mög­lichst un­auf­fäl­lig über ei­ne Stra­ße lau­fen und da­bei Angst ha­ben. Das Schö­ne an „Tran­sit“ist ja, dass das Kli­schee ei­nes Ge­flüch­te­ten im Film gar nicht vor­kommt.

Was für ein Typ ist der Ga­bel­stap­ler­fah­rer Chris­ti­an, den Sie in „In den Gän­gen“spie­len?

Chris­ti­an ist der Neue im Groß­markt. Er ist ner­vös und muss vie­les ler­nen, auch sei­nen Job in der Nacht­schicht. Für mich als Schau­spie­ler hat­te das et­was un­glaub­lich Kon­kre­tes: Ich ha­be den Ga­bel­stap­ler-füh­rer­schein ge­macht. Und dann hat­te ich ei­ne Ton­ne Bier überm Kopf. Wenn Du fünf La­gen Bier­käs­ten über dir spürst und die run­ter­kom­men könn­ten, ver­langt das ei­ne be­son­de­re Kon­zen­tra­ti­on. Als ich das ers­te Mal drauf saß, ha­be ich auch prompt ein Ge­würz­re­gal über­fah­ren.

Stei­gen Sie am Dreh­schluss aus der Rol­le aus?

Ja, ich ha­be noch nie die Er­fah­rung ge­macht, dass ich nicht mehr raus­kom­me aus der Fi­gur. Den An­satz, sich kom­plett in ei­ner Fi­gur zu ver­lie­ren, ha­be ich noch nicht aus­pro­biert. Dann be­steht auch die Ge­fahr, dass man mit sich al­lein spielt und nicht mehr emp­fäng­lich ist für Din­ge von au­ßen.

Sie sind En­sem­ble­mit­glied der Münch­ner Kam­mer­spie­le – ha­ben Sie über­haupt noch Zeit fürs Thea­ter?

Mein In­ten­dant Mat­thi­as Li­li­en­thal ist ein groß­zü­gi­ger Mensch. Aber ich tau­che dort schon noch auf: Gleich nach der Ber­li­na­le stan­den für mich sechs Wo­chen lang Pro­ben auf dem Spiel­plan. Aber manch­mal ist es hart: Spie­len, Dre­hen, Es­sen, Schla­fen ...

Dem­nächst sind Sie un­ter der Re­gie ei­ner le­ben­den Le­gen­de zu se­hen: Sie spie­len in Ter­rence Malicks „Ra­de­gund“, ei­nem Dra­ma über den ös­ter­rei­chi­schen Ns-wi­der­ständ­ler Franz Jä­ger­stät­ter: Wie ha­ben Sie es auf die Be­set­zungs­lis­te ge­schafft?

Malick hat mich an­ge­ru­fen und mich ge­fragt, ob ich mit­ma­chen möch­te.

Was kön­nen Sie uns über Malick ver­ra­ten?

Gar nichts, darf ich laut Ver­trag gar nicht.

Dann ge­ben Sie dem Nach­wuchs doch zu­min­dest noch ei­nen Tipp, wie man es als 32-jäh­ri­gem Schau­spie­ler da­zu bringt, von Ter­rence Malick an­ge­ru­fen zu wer­den.

Man exis­tiert in die­sem Be­ruf gar nicht, wenn man nicht ge­se­hen und in­sze­niert wird. Des­halb ra­te ich je­dem, sein ei­ge­nes Ding zu ma­chen. Pro­biert Euch aus! Schreibt Euch selbst ein Stück! Be­gebt Euch in die frei­en Thea­ter!

„In den Gän­gen“: Ab 24. Mai in den Leip­zi­ger Pas­sa­ge Ki­nos (Hain­stra­ße 19a), be­reits am 19. Mai, 21 Uhr, gibt es ei­ne Pre­view im Som­mer­ki­no auf der Fein­kost (Karl-lieb­knecht-stra­ße 36)

Fo­to: Zor­ro Film

Ga­bel­stap­ler-fah­rer „In den Gän­gen“: Franz Rogowski (Chris­ti­an) mit San­dra Hül­ler (Ma­ri­on).

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