Un­mut nach Kün­di­gung von Er­zie­hern in Leip­zig

Sor­ge um Kin­der­be­treu­ung wächst – Trä­ger weist An­schul­di­gun­gen zu­rück

Leipziger Volkszeitung - - ERSTE SEITE - VON MARK DA­NI­EL

LEIP­ZIG. Die Nach­richt der Kün­di­gung von rund 80 An­ge­stell­ten des So­zi­al­werks Leip­zig be­schäf­tigt El­tern, Kin­der, Päd­ago­gen, die Ge­werk­schaft Er­zie­hung und Wis­sen­schaft (GEW) und die Stadt Leip­zig. Hein­rich Schnat­mann, Ge­schäfts­füh­rer des Trä­gers, be­grün­det die Ent­las­sun­gen mit dem Rück­zug vom Leip­zi­ger Stand­ort. Der Be­zirks­ver­band der GEW er­hebt schwe­re Vor­wür­fe ge­gen das So­zi­al­werk. Die ge­plan­te Grün­dung ei­nes Be­triebs­rats sei durch Dro­hun­gen und Ein­schüch­te­run­gen tor­pe­diert wor­den, heißt es. Schnat­mann be­strei­tet das, er sei von den An­ge­stell­ten zu­dem nie über das Vor­ha­ben un­ter­rich­tet wor­den.

Von den Ent­las­sun­gen sind fünf Ein­rich­tun­gen in Leip­zig be­trof­fen. Das bringt nun die Ver­wal­tung in Zug­zwang. Aus dem Amt für Ju­gend, Fa­mi­lie und Bil­dung heißt es, man set­ze sich für den naht­lo­sen Über­gang der be­ste­hen­den Ki­ta­ver­trä­ge in den drei be­trof­fe­nen Kin­der­ta­ges­stät­ten, der Kin­der­ta­ges­pfle­ge so­wie der Au­tis­mus­am­bu­lanz ein. Da­zu wür­den in­ten­si­ve Ge­sprä­che mit den Ver­tre­tern der So­zi­al­werk Leip­zig ggm­bh ge­führt.

Der An­ruf kam un­er­war­tet. Am frü­hen Di­ens­tag-nach­mit­tag wur­de En­zo For­ciniti ge­fragt, ob er sei­ne zwei­jäh­ri­ge Toch­ter frü­her als ge­plant aus dem Fa­mi­li­en­gar­ten ab­ho­len kön­ne. „Wir müs­sen uns hier drin­gend in Ru­he be­ra­ten“, so ei­ne Er­zie­he­rin am Te­le­fon. Hin­ter­grund: Der Trä­ger der Ein­rich­tung, die So­zi­al­werk Leip­zig ggm­bh, hat sämt­li­chen An­ge­stell­ten die Kün­di­gung über­mit­telt (die LVZ be­rich­te­te ges­tern ex­klu­siv). Be­trof­fen sind ne­ben dem Fa­mi­li­en­gar­ten die Ki­ta in der Bie­der­mann­stra­ße, der Bau­ern­hof­kin­der­gar­ten in Möl­kau so­wie Au­tis­mus­am­bu­lanz und Kin­der­ta­ges­pfle­ge. Un­mut und Un­si­cher­heit macht sich un­ter den El­tern breit – bei den rund 80 Er­zie­hern schon seit Mo­na­ten: Laut dem Leip­zi­ger Be­zirks­ver­band der Ge­werk­schaft Er­zie­hung und Wis­sen­schaft (GEW) schüch­tert der Ar­beit­ge­ber sei­ne An­ge­stell­ten seit Mo­na­ten ein.

Lan­ge schwieg die GEW, um die An­ge­stell­ten zu schüt­zen; das Be­kannt­wer­den der Kün­di­gun­gen be­wog die Ge­werk­schaft, ih­re Sicht auf die Vor­gän­ge um das So­zi­al­werk auf­zu­fä­chern, „denn wir sind ent­setzt dar­über, was hier ge­schieht“, wie Be­zirks­ver­bands-vor­sit­zen­de Cornelia Fal­ken (Lin­ke) es ge­gen­über der LVZ for­mu­liert. Auf dem Tisch von Ge­werk­schafts-se­kre­tä­rin Jana Rü­ger wächst der Ak­ten­berg zu dem Fall, seit sie im No­vem­ber 2017 da­mit be­gann, die Leip­zi­ger So­zi­al­werk-ar­beit­neh­mer we­gen ei­ner Be­triebs­rats-grün­dung zu be­ra­ten. „Als es kon­kret wur­de, stell­te der Ar­beit­ge­ber die Ge­sprächs­be­reit­be­sucht. schaft ein“, be­rich­tet sie. Rü­ger wur­den Be­rich­te über Dro­hun­gen und Ein­schüch­te­rungs­ver­su­che ge­gen­über Er­zie­hern zu­ge­tra­gen. „Bom­ben­zün­der“sei eins der Schlag­wor­te ge­we­sen, das man im So­zi­al­werk ver­wen­det hät­te.

Hein­rich Schnat­mann, Ge­schäfts­füh­rer des So­zi­al­werks mit Haupt­sitz in Iser­lohn im Sau­er­land (Nord­rhein-west­fa­len), be­strei­tet das. „Mög­li­cher­wei­se hat da je­mand et­was falsch auf­ge­fasst“, ent­geg­net er. Sei­ne Be­grün­dung für die Kün­di­gun­gen: „Wir ha­ben be­schlos­sen, uns neu zu struk­tu­rie­ren und uns vom Stand­ort Leip­zig zu­rück­zu­zie­hen.“Über ei­ne Be­triebs­rats­wahl sei er nie di­rekt von den An­ge­stell­ten in­for­miert oder gar ein­be­zo­gen wor­den, kri­ti­siert er. Rü­ger wi­der­spricht. „Bei ei­nem Ge­richts­ter­min, in dem es um aus­blei­ben­de In­for­ma­tio­nen des Ar­beit­ge­bers für den Wahl­vor­stand ging, hielt der Rich­ter fest, dass die Wahl kom­mu­ni­ziert wur­de und Herr Schnat­mann Be­scheid ge­wusst ha­ben muss.“

Bei­de Sei­ten ver­keh­ren schrift­lich über An­wäl­te. „Im März wur­de al­len Mit­ar­bei­tern der Au­tis­mus­am­bu­lanz zum 30. Sep­tem­ber ge­kün­digt“, so Rü­ger. „Als ers­te Kün­di­gungs­schutz-kla­gen er­ho­ben und schon im Mai ver­han­delt wur­den, deu­te­te der An­walt des So­zi­al­werks ei­ne här­te­re Gan­gart an.“Nun al­so der vor­ge­zo­ge­ne Raus­wurf zum 31. Ju­li – ein Ter­min, der laut Ge­setz nicht zu­läs­sig ist. Lang­jäh­ri­gen Mit­ar­bei­tern bei­spiels­wei­se steht ei­ne sechs­mo­na­ti­ge Frist zu, Be­triebs­rats­mit­glie­dern ein Jahr nach En­de ih­rer Tä­tig­keit im Gre­mi­um. Das weiß auch Schnat­mann. „Es ging erst mal dar­um, dass wir die Kin­der­gär­ten ab En­de Ju­li nicht mehr wei­ter­füh­ren.“In den ein­zel­nen Fäl­len wer­de man sich ver­stän­di­gen, ver­spricht er.

We­gen des an­dau­ern­den ju­ris­ti­schen Tau­zie­hens möch­te sich kei­ner der An­ge­stell­ten öf­fent­lich zu den Vor­gän­gen äu­ßern. Bald zu klä­ren ist, wie und wann es an den Ein­rich­tun­gen mit wel­chem Trä­ger wei­ter­geht, denn ei­ne Be­treu­ungs­lü­cke kann we­der die El­tern­schaft ver­kraf­ten noch die Stadt Leip­zig sich leis­ten. Das Amt für Ju­gend, Fa­mi­lie und Bil­dung er­fuhr am Di­ens­tag über Drit­te von den Ent­las­sun­gen. „In bis­he­ri­gen Ge­sprä­chen wur­de sei­tens der Füh­rung der So­zi­al­werk ggm­bh nicht an­ge­deu­tet, dass ei­ne Kün­di­gung des päd­ago­gi­schen Per­so­nals ge­plant sei.“

Schon im März hat­te das So­zi­al­werk für Un­ru­he ge­sorgt, als es un­ter an­de­rem die Strei­chung der Ein­sät­ze von Mit­ar­bei­tern des Bun­des­frei­wil­li­gen­diens­tes an­ord­ne­te (wir be­rich­te­ten) – oh­ne je­des Vor­ge­spräch mit der Stadt Leip­zig.

Kons­ter­niert re­agiert die El­tern­schaft. „Wir ste­hen vor ei­nem gro­ßen Fra­ge­zei­chen“, sagt En­zo For­ciniti. „Ich bin fas­sungs­los“, be­tont Me­la­nie Trom­mer, de­ren Sohn den Bau­ern­hof­kin­der­gar­ten „Aus un­se­rer Sicht zah­len vor al­lem die Kin­der den Preis für al­le Schrit­te des Trä­gers“, schreibt Andrea Reynolds an die Re­dak­ti­on. Im El­tern­kreis wie auch bei der GEW kur­siert ei­ne Ver­mu­tung für das ho­he Tem­po, das das So­zi­al­werk vor­legt: Dem Ar­beit­ge­ber ge­hö­ren die Ob­jek­te an der Schen­ken­dorf- und der Bie­der­mann­stra­ße, in de­nen Fa­mi­li­en­gar­ten und Au­tis­mus­am­bu­lanz be­zie­hungs­wei­se Kin­der­gar­ten sit­zen. An­ge­sichts der stei­gen­den Im­mo­bi­li­en­prei­se ver­sprä­che ein Ver­kauf be­trächt­li­che Ge­win­ne. Die Ei­gen­tums-ver­hält­nis­se ma­chen die La­ge für die Stadt nicht ein­fa­cher. Die strebt je­den­falls „wei­ter­hin den naht­lo­sen Über­gang der be­ste­hen­den Ki­ta­ver­trä­ge in den drei be­trof­fe­nen Kin­der­ta­ges­stät­ten“an, „glei­ches gilt für die Wei­ter­füh­rung der An­ge­bo­te der Kin­der­ta­ges­pfle­ge so­wie der Au­tis­mus­am­bu­lanz“.

Der Stadt lie­gen be­reits In­ter­es­sen­be­kun­dun­gen eta­blier­ter Trä­ger für ei­ne Über­nah­me der Leis­tun­gen vor. „Die Ge­sprä­che wer­den auch mit dem Ziel ge­führt, den Fach­kräf­ten die Fort­füh­rung der er­folg­rei­chen päd­ago­gi­schen Ar­beit in den Ein­rich­tun­gen zu er­mög­li­chen“, heißt es wei­ter. Nun ste­hen im Rat­haus Ge­sprä­che mit den Ver­tre­tern der So­zi­al­werk Leip­zig ggm­bh noch im Mai an.

Schnat­mann, in­zwi­schen auch Li­qui­da­tor für den Leip­zi­ger Stand­ort, be­tont, dass das So­zi­al­werk eben­falls an ei­ner rei­bungs­lo­sen Über­ga­be der Ein­rich­tun­gen in­ter­es­siert sei. „Wir stre­ben ei­ne schnel­le Lö­sung an.“

Die Be­triebs­rats­wahl üb­ri­gens hat trotz der mo­nier­ten Be­hin­de­run­gen statt­ge­fun­den. Die Be­tei­li­gung lag bei 78 Pro­zent.

Für Be­schäf­tig­te wie auch Kin­der und Er­wach­se­ne ist das ei­ne Zu­mu­tung. Cornelia Fal­ken Gew-be­zirks­ver­band

Fo­tos: Dirk Kn­ofe

Un­mut in der Bie­der­mann­stra­ße (gro­ßes Fo­to) und wei­te­ren So­zi­al­werk-ein­rich­tun­gen: Die Mit­ar­bei­ter wer­den ent­las­sen.

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