Er­schli­che­ne Vi­sa – Raz­zia in Leip­zig und Tor­gau

Ver­dacht der Vi­sa-er­schlei­chung durch In­der / Ge­mein­sa­me Aktion der Er­mitt­ler­grup­pe Bo­he­mia

Leipziger Volkszeitung - - ERSTE SEITE - VON ANDRE­AS DUNTE

LEIP­ZIG. Mit rund 60 Be­am­ten durch­such­te die Bun­des­po­li­zei ges­tern in Leip­zig und Tor­gau meh­re­re Woh­nun­gen von In­dern. Die vier Män­ner und zwei Frau­en ste­hen im Ver­dacht der Vi­sa-er­schlei­chung, konn­ten we­gen feh­len­der Ori­gi­nal­päs­se bis­lang aber nicht ab­ge­scho­ben wer­den.

LEIP­ZIG. Wie kann man um die­se Zeit nur so mun­ter sein? Da­ni­el Rackow steht auf dem Leip­zi­ger Haupt­bahn­hof und lä­chelt. Es ist kurz nach fünf Uhr. Der Be­am­te der für Mit­tel­deutsch­land zu­stän­di­gen Bun­des­po­li­zei aus Pir­na ist schon seit St­un­den wach, hat of­fen­bar schon ei­ni­ge Tas­sen Kaf­fee ge­trun­ken. Rackow ist Me­di­en­ver­ant­wort­li­cher und nimmt uns mit zu ei­nem Ein­satz, der sich ge­gen in­di­sche Staats­an­ge­hö­ri­ge rich­tet. Sie ste­hen im Ver­dacht der Vi­sa-er­schlei­chung. „Seit Mo­na­ten er­mit­teln wir“, sagt der 44-Jäh­ri­ge mit dem nor­di­schen Ak­zent. Jetzt wer­de sich zei­gen, wie gut die Vor­be­rei­tun­gen wa­ren.

Auf ei­ner Flä­che im west­li­chen Bahn­hofs­be­reich ste­hen auf­ge­reiht meh­re­re Ein­satz­wa­gen. 5.45 Uhr er­folgt das Zei­chen zum Start. Ziel sind meh­re­re Wohn­un­ter­künf­te in Leip­zig und Tor­gau. Der Trupp, der uns mit­nimmt, fährt zum Asyl­be­wer­ber­heim di­rekt hin­ter dem Kohl­ra­bizir­kus in Leip­zig. Punkt sechs Uhr sprin­gen die Ein­satz­kräf­te aus den Klein­bus­sen. Zü­gig be­tre­ten sie die von ei­nem Wach­schutz ge­si­cher­te Con­tai­ner­sied­lung. Die Be­woh­ner schla­fen fest. So soll es blei­ben. Kein lau­tes Ru­fen, kein Pol­tern der Stie­fel. Auf­se­hen ver­mei­den, heißt die De­vi­se. Ei­ne der hin­te­ren Un­ter­künf­te wird um­stellt, Kräf­te ver­schaf­fen sich Zu­tritt. Wir war­ten in ei­ni­ger Ent­fer­nung.

Bei im­mer mehr Kon­trol­len sto­ße die Bun­des­po­li­zei auf das Phä­no­men der er­schli­che­nen Vi­sa, er­zählt Rackow. Die In­der ver­schaff­ten sich mit ge­fälsch­ten Do­ku­men­ten Ein­rei­se in den Schen­gen­raum. „Schleu­ser be­sor­gen ih­nen die Pa­pie­re und ge­ben Tipps, wie sie sich ver­hal­ten sol­len, da­mit es wie ei­ne tou­ris­ti­sche Rei­se aus­sieht.“In Deutsch­land wür­den sie sich dann ih­rer Päs­se ent­le­di­gen und un­ter fal­schen An­ga­ben An­trag auf Asyl stel­len. „Oh­ne Do­ku­men­te stei­gen die Chan­cen auf ei­nen län­ger­fris­ti­gen Auf­ent­halts­sta­tus.“Und da­mit auf Leis­tungs­be­zug.

Re­ger Be­trieb am Nach­mit­tag

Gu­te Chan­cen auf Asyl ha­ben in­di­sche Staats­an­ge­hö­ri­ge, wenn sie nach­wei­sen kön­nen, dass sie in ih­rer Hei­mat zu ei­ner ver­folg­ten Min­der­heit ge­hö­ren oder wenn sie we­gen ih­rer se­xu­el­len Aus­rich­tung Re­pres­sa­li­en er­dul­den müs­sen. Wer nach ei­nem ab­ge­lehn­ten Asyl­an­trag kei­nen Pass hat, muss nicht gleich mit der Ab­schie­bung rech­nen, denn In­di­en nimmt nie­man­den oh­ne gül­ti­ge Do­ku­men­te zu­rück.

Es ist be­reits kurz vor sie­ben Uhr. Die Be­am­ten ha­ben meh­re­re Ge­mein­schafts­un­ter­künf­te durch­sucht und zie­hen ab. Hier und da ist Be­we­gung hin­ter den Gar­di­nen. Tü­ren öff­nen sich. Ei­ne Mut­ter bringt ih­ren Sohn zur Schu­le. Da die Be­woh­ner des Asyl­be­wer­ber­heims zu­meist zum Nichts­tun ver­don­nert sei­en, sagt ei­ner der Wach­leu­te, stün­den vie­le erst spä­ter auf. Am Nach­mit­tag und Abend sei da­für re­ger Be­trieb auf dem Ge­län­de. Zwi­schen­fäl­le wie Strei­te­rei­en un­ter­ein­an­der gibt es eher we­ni­ge. Über 300 Asyl­be­wer­ber ver­schie­de­ner Na­tio­na­li­tä­ten woh­nen in den dun­kel­ro­ten und gel­ben Con­tai­nern.

Im La­ge­zen­trum emp­fängt uns Po­li­zei­ober­rat Mar­kus Pfau. Er ist Chef der für Mit­tel­deutsch­land zu­stän­di­gen In­spek­ti­on Kri­mi­na­li­täts­be­kämp­fung der Bun­des­po­li­zei. Al­les sei wie ge­plant ver­lau­fen, sagt er. Der Ein­satz ha­be sich ge­gen sechs Per­so­nen in Leip­zig und Tor­gau ge­rich­tet. Die vier Män­ner und zwei Frau- en im Al­ter zwi­schen 30 und 39 Jah­ren sind of­fen­sicht­lich mit ih­ren Na­tio­nal­päs­sen und er­schli­che­nen Schen­gen-vi­sa nach Deutsch­land ein­ge­reist. Dass sie un­ter Vor­ga­be fal­scher Per­so­na­li­en Asyl be­an­tragt ha­ben, sei zu­min­dest in fünf Fäl­len er­wie­sen. Denn bei den Woh­nungs­durch­su­chun­gen ha­be man fünf ori­gi­na­le Päs­se ge­fun­den, so Pfau. Als Ver­steck dien­ten un­ter an­de­rem De­cken­ver­klei­dun­gen. Die Be­schul­dig­ten wur­den ver­nom­men. Laut Pfau konn­ten sie zwei­fels­frei iden­ti­fi­ziert wer­den. Die Fäl­le lie­gen jetzt bei der Aus­län­der­be­hör­de der Stadt Leip­zig. Dort wird ge­prüft, wie der Auf­ent­halt der Be­schul­dig­ten in Deutsch­land schnellst­mög­lich be­en­det wer­den kann.

Leip­zig ist Schleu­ser-brenn­punkt

Rei­bungs­frei sei der Ein­satz ver­lau­fen, weil die Bun­des­po­li­zei seit Jah­ren eng mit der Stadt Leip­zig und der Po­li­zei in Sach­sen zu­sam­men­ar­bei­te, so Pfau wei­ter. „Die Mes­se­stadt ist auf­grund ih­rer La­ge und ih­res ho­hen An­teils von Mi­gran­ten ein Brenn­punkt in Sa­chen Schleu­ser­kri­mi­na­li­tät und il­le­ga­le Ein­rei­se.“Aus die­sem Grund sei hier im Jahr 2000 auch die ge­mein­sa­me Er­mitt­ler­grup­pe Bo­he­mia (der Na­me steht für die eins­ti­ge Haupt­schleu­ser­rou­te über Böh­men) ge­grün­det wor­den, in der Be­am­te der Bun­des­po­li­zei­in­spek­ti­on Kri­mi­na­li­täts­be­kämp­fung, der Kri­po Leip­zig und Mit­ar­bei­ter der Leip­zi­ger Aus­län­der­be­hör­de mit­wir­ken. Ei­ne en­ge­re Zu­sam­men­ar­beit mit der Aus­län­der­be­hör­de sei not­wen­dig, da Schleu­ser zu­neh­mend ge­fälsch­te Do­ku­men­te auf den Markt brin­gen und sich Mi­gran­ten Auf­ent­halts­ti­tel et­wa durch Schein­ehen oder mit fin­gier­ten Ein­la­dun­gen er­schlei­chen wür­den. Al­lein die Bun­des­po­li­zei hat in Mit­tel­deutsch­land im Vor­jahr 379 Fäl­le und im 1. Quar­tal die­ses Jah­res 34 Fäl­le der Vi­sa-er­schlei­chung fest­ge­stellt und ver­folgt.

Fo­to: Da­ni­el Rackow

Raz­zia in Leip­zig: Po­li­zei­be­am­te wäh­rend ih­res Ein­sat­zes im Asyl­be­wer­ber­heim in der Nä­he vom Kohl­ra­bizir­kus.

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