Vi­ta 34 nimmt Ex-chef André Gerth ins Vi­sier

Al­te und neue Spit­ze lie­fern sich 2uf H2upt­ver­s2mmlung ei­nen Schl2g2b­t2usch / Son­der­prü­fung ge­gen Ex-chef André Gerth

Leipziger Volkszeitung - - ERSTE SEITE - VON FRANK JOHANNSEN

LEIP­ZIG. Die Leip­zi­ger Na­bel­schnur­blut­bank Vi­ta 34 schickt ih­rem Ex-chef André Gerth ei­nen Son­der­prü­fer auf den Hals. Auf der tur­bu­len­ten Haupt­ver­samm­lung war es zu­vor zu ei­nem stun­den­lan­gen Schlag­ab­tausch zwi­schen al­ter und neu­er Fir­men­spit­ze ge­kom­men.

LEIP­ZIG. Bei der Leip­zi­ger Na­bel­schnur­blut­bank Vi­ta 34 es­ka­liert der Streit zwi­schen al­ter und neu­er Spit­ze. Auf der Haupt­ver­samm­lung am Di­ens­tag lie­fer­ten sie sich vor den Au­gen der ei­ge­nen Ak­tio­nä­re ei­nen stun­den­lan­gen Schlag­ab­tausch. Am En­de zog der vor elf Mo­na­ten ab­ge­setz­te Ex-chef André Gerth den Kür­ze­ren: Sei­ne Atta­cke ge­gen die neue Füh­rung ging nach hin­ten los. Statt­des­sen wird Gerth jetzt selbst mit ei­ner Son­der­prü­fung über­zo­gen. Die soll al­te Rei­se­kos­ten­ab­rech­nun­gen durch­leuch­ten, Ver­trä­ge mit Fa­mi­li­en­an­ge­hö­ri­gen prü­fen und sich Gerths Kon­tak­te zu Wett­be­wer­bern an­schau­en. Gerth selbst wies die Vor­wür­fe um­ge­hend zu­rück. Das sei doch al­les an den Haa­ren her­bei­ge­zo­gen.

Gerth hat­te seit 2012 an der Un­ter­neh­mens­spit­ze ge­stan­den und war im Ju­ni 2017 über­ra­schend als Vor­stands­chef ab­ge­löst wor­den – of­fen­bar im Streit um neue In­ves­to­ren. Er ist aber wei­ter mit zehn Pro­zent am Un­ter­neh­men be­tei­ligt. Auf der Haupt­ver­samm­lung ver­such­te er nun, ei­ne Son­der­prü­fung ge­gen Vor­stand und Auf­sichts­rat zu er­zwin­gen. Sein Vor­wurf: Die Fir­ma ha­be sich viel zu bil­lig an den neu­en Groß­ak­tio­när Micha­el Köh­ler ver­kauft. „Es gab hö­he­re An­ge­bo­te“, sag­te Gerth am Ran­de der Haupt­ver­samm­lung. „Und zwar so­gar meh­re­re.“

Köh­ler war di­rekt nach Gerths Ab­lö­sung bei Vi­ta 34 ein­ge­stie­gen und ist mit 11,6 Pro­zent größ­ter An­teils­eig­ner. Auf Gerths An­trag re­agier­te er prompt – und be­an­trag­te sei­ner­seits ei­ne Son­der­prü­fung ge­gen den Ex-chef, um mög­li­che Ver­feh­lun­gen auf­zu­de­cken. Da­bei soll es et­wa um al­te Rei­se­kos­ten­ab­rech­nun­gen ge­hen, die pri­va­te Nut­zung des Di­enst­wa­gens und die Be­zah­lung von Fa­mi­li­en­an­ge­hö­ri­gen, die bei Vi­ta 34 be­schäf­tigt wa­ren – aber auch um die Be­zie­hun­gen zu Kon­kur­ren­ten. Kon­kre­te Hin­wei­se für

Feh­ler lie­fer­te Köh­ler al­ler­dings nicht.

Fried­rich Fran­ke von der Schutz­ge­mein­schaft der Ka­pi­tal­an­le­ger zeig­te sich ent­setzt – von bei­den An­trä­gen. „Man stellt sich die

Fra­ge, was denn hier im Un­ter­neh­men im ver­gan­ge­nen Jahr los ge­we­sen ist.“Von Köh­ler for­der­te er, Be­le­ge für sei­ne Vor­wür­fe ge­gen Gerth vor­zu­le­gen. Doch die blie­ben aus. Bei ei­ner Über­prü­fung durch den Auf­sichts­rat ha­be man zu­min­dest nichts ge­fun­den, räum­te der neue Auf­sichts­rats­chef Frank Köh­ler ein. Er ist der Bru­der des neu­en Groß­ak­tio­närs und war kurz nach Gerths Ab­gang an die Spit­ze des Kon­troll­or­gans ge­rückt – da­mals noch mit Gerths Un­ter­stüt­zung. Selbst zu Wort mel­de­ten sich bei­de Streit­häh­ne auf der Ver­samm­lung nicht. Micha­el Köh­ler ver­folg­te das Ge­sche­hen aus der ers­ten Rei­he; Gerth hat­te zwei Rei­hen da­hin­ter Platz ge­nom­men – und ließ sei­ne bei­den An­wäl­te das Wort füh­ren. „Das er­weckt den Ein­druck, als ob es sich um ei­ne Re­tur­kut­sche Köh­lers auf den An­trag von Herrn Gerth han­delt“, schimpf­te An­walt Chris­toph Röd­ter. „Die Vor­wür­fe sind doch lä­cher­lich.“War­um ge­nau Gerth vor elf Mo­na­ten ge­hen muss­te, ließ auch der Auf­sichts­rats­chef Frank Köh­ler im Dun­keln. „Es gab un­ter­schied­li­che An­sich­ten über die wei­te­re Aus­rich­tung der Vi­ta 34 AG“, sag­te er nun. Vi­ta 34 stand da­mals kurz vor dem Kauf des deut­schen Haupt­kon­kur­ren­ten Ser­a­cell aus Ros­tock – und such­te ei­nen In­ves­tor, um den 14-Mil­lio­nen-eu­ro-de­al zu fi­nan­zie­ren. Ein Plan Gerths für ei­ne Ka­pi­tal­er­hö­hung soll im Auf­sichts­rat durch­ge­fal­len sein, ist zu hö­ren – und Gerth er­hielt ei­nen Tag spä­ter sei­ne Ab­be­ru­fung. Den Pos­ten über­nahm Wolfgang Knirsch, der zu­vor schon als Ver­triebs­chef im Vor­stand saß. Gerth wech­sel­te drei Mo­na­te spä­ter als Fi­nanz­vor­stand zum Klär­an­la­gen­bau­er Berg­mann in Pe­nig (Mit­tel­sach­sen).

Auf der Haupt­ver­samm­lung über­zo­gen Gerths An­wäl­te die neue Un­ter­neh­mens­spit­ze mit Fra­gen – zu den Vor­gän­gen da­mals, aber auch zu De­tails des lau­fen­den Ge­schäfts: Wie vie­le Blu­t­ein­la­ge­run­gen gab es im ers­ten Quar­tal in Ita­li­en? Wie ge­nau soll das ehr­gei­zi­ge Ziel er­reicht wer­den, bis 2021 den Ge­winn zu ver­drei­fa­chen? Im­mer wie­der zog sich das Ma­nage­ment zu­rück, um Ant­wor­ten her­aus­zu­su­chen – und kas­sier­te dann so­fort die nächs­te Nach­fra­ge. Oder die Ant­wort wur­de gleich ganz ver­wei­gert – mit Ver­weis aufs Be­triebs­ge­heim­nis. Schließ­lich saß im Saal auch ein Kon­kur­rent aus Po­len: Pol­ski Bank Komó­rek Ma­cier­zy­stych (PBKM) hat­te sich kurz vor der Ver­samm­lung aus der De­ckung ge­wagt und den ei­ge­nen An­teil an Vi­ta 34 auf drei Pro­zent auf­ge­stockt.

Die 60 Ak­tio­nä­re im Saal ver­folg­ten das Trei­ben zu­neh­mend ent­nervt. „So et­was gab es hier doch noch nie“, stöhn­te ei­ner der Klein­an­le­ger. „Frü­her hat das hier nie län­ger als zwei St­un­den ge­dau­ert.“Jetzt wur­den es mehr als acht St­un­den. „Die bei­den soll­ten ih­re Pro­ble­me doch bes­ser un­ter­ein­an­der klä­ren“, for­der­te Klein­ak­tio­när Pe­ter Sem aus Bam­berg. Und ei­nem Klein­ak­tio­när aus der Schweiz platz­te am En­de der Kra­gen. „Es ist schon er­staun­lich, wie sich Gerth hier als Op­fer in­sze­niert.“Schließ­lich ha­be der sich sei­nen Ab­gang mit ei­ner Ab­fin­dung in Hö­he von 279 000 Eu­ro gut be­zah­len las­sen. Die ha­be er aber erst ein­kla­gen müs­sen, sag­te Gerth der LVZ.

Un­ter die Ak­tio­nä­re hat­ten sich auch ei­ni­ge der 100 Leip­zi­ger Mit­ar­bei­ter ge­mischt. „Das ist doch be­schä­mend“, sag­te Max Han­sen, der im Be­triebs­rat sitzt. Mit ei­ni­gen Kol­le­gen, die auch Ak­ti­en hal­ten, hat­te er zwei Rei­hen hin­ter Gerth Platz ge­nom­men. „Wir wol­len das ei­gent­lich end­lich ab­ha­ken und nicht den gan­zen al­ten Staub wie­der auf­wir­beln.“Denn ei­gent­lich lau­fe es im Un­ter­neh­men seit dem Wech­sel rich­tig gut, pflich­te­te Be­triebs­rats­che­fin Ute Spind­ler bei. „Das nimmt ge­ra­de ei­ne wirk­lich gu­te Ent­wick­lung.“Und auch das Be­triebs­kli­ma ha­be sich deut­lich ver­bes­sert. Das, so Auf­sichts­rats­chef Frank Köh­ler, war frü­her aber auch „un­ter­ir­disch schlecht“.

Bei der Ab­stim­mung zog Gerth am En­de den Kür­ze­ren: Sein An­trag auf ei­ne Son­der­prü­fung fiel bei den Ak­tio­nä­ren durch. Der Ge­gen­an­trag auf ei­ne Un­ter­su­chung ge­gen ihn wur­de da­ge­gen an­ge­nom­men – zur Über­ra­schung vie­ler Klein­ak­tio­nä­re. „Ich hat­te ei­gent­lich ge­hofft, dass bei­de An­trä­ge schei­tern“, sag­te ei­ner. Groß­ak­tio­när Mi­chel Köh­ler zeig­te sich am En­de da­ge­gen zu­frie­den: „Das ist doch gut ge­lau­fen“, sag­te er der LVZ. „Ich hof­fe, die fin­den bei der Prü­fung jetzt auch et­was. Da­mit hat sich Herr Gerth kei­nen Ge­fal­len ge­tan.“Ob es wirk­lich so­weit kommt ist aber of­fen. Gerths An­wäl­te wol­len jetzt prü­fen, ob sie vor Ge­richt zie­hen.

Fo­to: dp2

Bei mi­nus 180 Grad friert Vi­ta 34 das Na­bel­schnur­blut Neu­ge­bo­re­ner ein, um es spä­ter für mög­li­che The­ra­pi­en nut­zen zu kön­nen.

Fo­tos: Vit2 34/André Kemp­ner

Lie­fer­ten sich auf der Haupt­ver­samm­lung ei­nen Schlag­ab­tausch: der neue Vi­ta-34-chef Wolfgang Knirsch (l.) und des­sen Vor­gän­ger André Gerth.

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.