Schäu­b­le ruft Afd­frak­ti­ons­che­fin zur Ord­nung

In der ers­ten Ge­ne­ral­de­bat­te nach der Wahl zeigt sich die Kanz­le­rin be­tont kämp­fe­risch. Wäh­rend die neue Op­po­si­ti­ons­füh­re­rin Ali­ce Wei­del von der AFD mit Res­sen­ti­ments pro­vo­ziert, su­chen an­de­re noch ih­re Rol­le. Si­cher ist: Der Bun­des­tag wird mun­te­rer.

Leipziger Volkszeitung - - ERSTE SEITE - VON MA­RI­NA KORM­BAKI

BER­LIN. Mit ei­ner pro­vo­kan­ten Kri­tik an der Flücht­lings­po­li­tik von Kanz­le­rin An­ge­la Mer­kel (CDU) hat Afd-frak­ti­ons­che­fin Ali­ce Wei­del ges­tern für Em­pö­rung im Bun­des­tag ge­sorgt. „Bur­kas, Kopf­tuch­mäd­chen und ali­men­tier­te Mes­ser­män­ner und sons­ti­ge Tau­ge­nicht­se wer­den un­se­ren Wohl­stand, das Wirt­schafts­wachs­tum und vor al­lem den So­zi­al­staat nicht si­chern“, sag­te sie in der Aus­spra­che über den Haus­halt 2018. Bun­des­tags­prä­si­dent Wolfgang Schäu­b­le (CDU) ta­del­te sie da­für. „Da­für ru­fe ich Sie zur Ord­nung.“Die Ge­ne­ral­aus­spra­che ist tra­di­tio­nell der Hö­he­punkt der Haus­halts­be­ra­tun­gen – Re­gie­rung und Op­po­si­ti­on nut­zen die Aus­spra­che über den Kanz­le­re­tat stets für ei­nen Schlag­ab­tausch.

Ra­schen Schrit­tes legt An­ge­la Mer­kel den kur­zen Weg von der Re­gie­rungs­bank zum Red­ner­pult des Bun­des­tags zu­rück. Dort an­ge­langt, schlägt die Kanz­le­rin die dunk­le Map­pe mit dem Ma­nu­skript auf und setzt so­gleich zu ih­rer Re­de an: „Herr Prä­si­dent, lie­be Kol­le­gin­nen und Kol­le­gen“– Pau­se. Mer­kel zieht die Schul­tern hoch, die Hand­flä­chen wei­sen zur De­cke. Sie sagt: „Gu­ten Mor­gen.“

Ap­plaus bran­det im Block der Uni­on auf und schwappt über die Rei­hen der Grü­nen und der SPD bis zu den Lin­ken. Dass ei­ne schlich­te Be­grü­ßung im Par­la­ment auf Zu­stim­mung, ja Be­geis­te­rung stößt, er­lebt man dort nicht al­le Ta­ge. Die­ser Mitt­woch­vor­mit­tag war aber auch kein ge­wöhn­li­cher Sit­zungs­tag.

Die Haus­halts­de­bat­te steht auf der Ta­ges­ord­nung, ge­nau­er ge­sagt: die Aus­spra­che über den von der Re­gie­rung vor­ge­leg­ten Etat für das Kanz­ler­amt. Was drö­ge klingt, hat seit je­her ei­ni­gen Un­ter­hal­tungs­wert. Denn Haus­halts­de­bat­ten bie­ten der Op­po­si­ti­on ei­ne gro­ße Büh­ne zur Abrech­nung mit der Re­gie­rung. Es ist das Vor­recht der größ­ten Op­po­si­ti­ons­frak­ti­on, an die­sem Mor­gen den ers­ten Red­ner zu stel­len und so den Ton in der De­bat­te zu set­zen – noch ehe die Re­gie­rungs­che­fin das Wort er­grif­fen hat. Ebend ie­ses Pri­vi­leg war es, mit dem da­mals, nach der ver­lo­re­nen Bun­des­tags­wahl im Herbst 2017, vie­le So­zi­al­de­mo­kra­ten für den Gang in die Op­po­si­ti­on war­ben. An­dern­falls, so warn­te der da­ma­li­ge SPD-CHEF Martin Schulz, fie­le der AFD die­se her­aus­ge­ho­be­ne Rol­le zu.

Für Schulz und die SPD kam es be­kannt­lich an­ders, und so tritt am Mitt­woch­vor­mit­tag eben­das ein, was vie­le Ab­ge­ord­ne­te seit Mo­na­ten mit Un­be­ha­gen kom­men sa­hen: Die AFD prägt mit aus­län­der­feind­li­cher Rhe­to­rik ei­ne wich­ti­ge Sit­zung des Bun­des­ta­ges.

Es ha­ben noch nicht ein­mal al­le Mi­nis­ter auf der Re­gie­rungs­bank Platz ge­nom­men, da wirft die Afd-vor­sit­zen­de Ali­ce Wei­del ih­nen „tar­nen und täu­schen“und „Steu­er­zah­ler­aus­beu­tung nach Guts­her­ren­art“vor. Wei­del spricht laut, ihr Ton ist ag­gres­siv. Als Wei­del sagt, dass „Kopf­tuch­mäd­chen und ali­men­tier­te Mes­ser­män­ner und sons­ti­ge Tau­ge­nicht­se“ei­ne Be­dro­hung für Wohl­stand und So­zi­al­staat dar­stell­ten, regt sich Tu­mult im Plenum. Ab­ge­ord­ne­te al­ler an­de­ren Frak­tio­nen em­pö­ren sich laut. An­de­re wen­den sich de­mons­tra­tiv ab. An­ge­la Mer­kel aber lässt mit aus­drucks­lo­ser Mie­ne den Blick durch die Rei­hen schwei­fen. Die Kanz­le­rin tippt nicht auf dem Han­dy, sie blät­tert nicht in Ak­ten, sie tu­schelt auch nicht mit ei­nem ih­rer Kol­le­gen. An­ge­la Mer­kel gibt ein Bild stoi­scher Ge­las­sen­heit ab. Selbst dann, als Wei­del be­haup­tet, das Land wer­de von Idio­ten re­giert. Es ist der Schluss­punkt ei­ner Re­de vol­ler Fu­ror und Ve­rächt­lich­keit.

Wei­del kas­siert ei­nen Ord­nungs­ruf von Bun­des­tags­prä­si­dent Wolfgang Schäu­b­le – was die Afd-che­fin je­doch als Qua­li­täts­prä­di­kat auf­zu­fas­sen scheint. Kurz dar­auf pos­tet Wei­del auf Twit­ter: „Für die­se Re­de an­läss- der Ge­ne­ral­de­bat­te im #Bun­des­tag er­hielt ich so­eben ei­ne Rü­ge von Wolfgang Schäu­b­le. War das be­rech­tigt? Ich den­ke nicht! Jetzt an­schau­en, wei­ter­ver­brei­ten und Ka­nal abon­nie­ren.“Ein kal­ku­lier­ter Eklat, der bei­spiel­haft ist für die Pr-me­tho­den der AFD: Der Bun­des­tag dient ih­ren Ab­ge­ord­ne­ten als Tv-stu­dio für Auf­trit­te, die im Netz ihr Pu­bli­kum fin­den.

Nach Wei­dels Ti­ra­den ist die Un­ru­he im Bun­des­tag groß. Es ist der Mo­ment, in dem Mer­kels an sich so un­spek­ta­ku­lä­res „Gu­ten Mor­gen“mit spür­ba­rer Er­leich­te­rung auf­ge­nom­men wird.

Von den Zwi­schen­ru­fen der Afd-ab­ge­ord­ne­ten und ih­rem höh­ni­schen Ge­läch­ter lässt sich die Kanz­le­rin nicht aus dem Kon­zept brin­gen. Mer­kel spricht ei­ne Drei­vier­tel­stun­de lang so, als wä­ren die fast 100 Stüh­le zu ih­rer rech­ten gar nicht be­setzt; als wä­ren die we­ni­gen Frau­en und vie­len Män­ner von der AFD nicht da. Es ist aber vor al­lem die Klar­heit in Mer­kels Wort­wahl und die un­ge­wöhn­li­che Lei­den­schaft ih­res Vor­trags, die von die­ser Ge­ne­ral­de­bat­te in Er­in­ne­rung blei­ben wer­den.

Ein häu­fi­ger Vor­wurf ge­gen­über Mer­kel lau­tet, sie er­klä­re ih­re Po­li­tik nicht und neh­me kei­nen kla­ren Stan­dpunkt ein. Schaut man sich Mer­kels Re­den aus der Ver­gan­gen­heit an, wird man wohl nicht um­hin­kom­men, die­ser Kri­tik ei­ni­ge Be­rech­ti­gung zu­zu­spre­chen. Va­ge Ab­sich­ten, rou­ti­niert for­mu­liert. Ih­re gest­ri­ge Re­de aber hebt sich da­von auf­fal­lend ab. Da sprach ei­ne Po­li­ti­ke­rin, die Über­zeu­gun­gen ver­mit­teln will, ei­ne Idee von der Zu­kunft hat – und Lust auf Po­li­tik zu ha­ben scheint. Ge­ball­te Faust statt Rau­te.

Der von der Bun­des­re­gie­rung vor­ge­leg­te Haus­halts­ent­wurf sei „Ge­ne­ra­tio­nen­ge­rech­tig­keit pur“. Mer­kel be­tont die Ab­sen­kung der Ge­samt­ver­schul­dung im nächs­ten Jahr auf ei­nen Wert un­ter­halb der im Sta­bi­li­täts­pakt vor­ge­schrie­be­nen Mar­ke von 60 Pro­zent des Brut­to­in­lands­pro­dukts. „Gu­te Zah­len“sei­en das, ruft die Kanz­le­rin ins Plenum und geht dann auch gleich über zu dem The­ma, das sie of­fen­sicht­lich stär­ker um­treibt als die Fi­nanz­fra­gen: dem Zer­fall der in­ter­na­tio­na­len Ord­nung.

„Un­ru­hi­ge und un­über­sicht­li­che Zei­ten“sei­en es, sagt Mer­kel und spricht über die Ukrai­ne („de­pri­mie­rend“) und Sy­ri­en („ein Re­gio­nal­kon­flikt gi­gan­ti­schen Aus­ma­ßes“). „Un­se­re Si­cher­heit hängt un­auf­lös­bar mit der in un­se­rer Nach­bar­schaft zu­sam­men.“Da kann die deut­sche Öf­fent­lich­keit noch so er­regt über Aus­län­der beim Bä­cker oder Fuß­ball­spie­ler beim tür­ki­schen Prä­si­den­ten de­bat­tie­ren – Mer­kel nimmt die Au­ßen­po­li­lich in den Blick. „Eu­ro­pa ist be­trof­fen“, sagt sie über den Krieg in Sy­ri­en, „aber es hat nicht aus­rei­chend zu des­sen Lö­sung bei­ge­tra­gen. Ich sa­ge das auch selbst­kri­tisch.“

Nach­drück­lich for­dert die Kanz­le­rin mehr An­stren­gun­gen für die Ent­wick­lung Afri­kas. „Al­le Bud­gets sind dra­ma­tisch de­fi­zi­tär – wir müs­sen un­se­re Stim­me, wo im­mer es geht, er­he­ben.“Und sie un­ter­nimmt ei­nen Ver­such, all je­ne zu be­schwich­ti­gen, die ihr Zö­ger­lich­keit im Um­gang mit den eu­ro­pa­po­li­ti­schen Ide­en des fran­zö­si­schen Prä­si­den­ten Em­ma­nu­el Ma­cron vor­wer­fen. Man lie­ge ja gar nicht weit aus­ein­an­der. Die Aus­stat­tung von EU- und Eu­ro-haus­halt sei „die ein­zi­ge of­fe­ne Fra­ge“. Bis zum Eu-gip­fel im Ju­ni soll sie ge­löst sein.

Nichts an Mer­kels au­ßen­po­li­ti­schen Aus­füh­run­gen ist neu. Über­ra­schend ist je­doch der Stel­len­wert, den die Kanz­le­rin die­sen Fra­gen an­ge­sichts der po­la­ri­sier­ten in­nen­po­li­ti­schen De­bat­te bei­misst.

Als Mer­kel dann doch noch auf die La­ge in Deutsch­land zu spre­chen kommt, geht es nicht et­wa um Si­cher­heits- oder In­te­gra­ti­ons­fra­gen. Es geht um Tech­nik. et­wa um die Au­to­mo­bil­in­dus­trie. Es sei „un­fass­bar, wel­ches Ver­trau­en die deut­sche Au­to­mo­bil­in­dus­trie in Zu­sam­men­hang mit dem Die­sel ver­spielt hat“. Es sei nicht die Auf­ga­be der Bun­des­re­gie­rung, das wett­zu­ma­chen. „Ihr müsst jetzt in die Mo­bi­li­tät der Zu­kunft in­ves­tie­ren“, ap­pel­liert sie an die Kon­zer­ne, „da un­ter­stüt­zen wir euch.“Dann kommt Mer­kel auf die Bat­te­rie­zel­lenpro­duk­ti­on zu spre­chen, die doch bit­te in Eu­ro­pa statt­zu­fin­den ha­be. Und auf künst­li­che In­tel­li­genz – de­ren Ent­wick­lung dür­fe nicht am Da­ten­schutz schei­tern. Da­ten­ver­ar­bei­ten­de Sys­te­me bräuch­ten nun mal Da­ten. „Das ist wie wenn man Kü­he züch­ten will und ih­nen kein Fut­ter gibt“, sagt die Phy­si­ke­rin Mer­kel.

Mer­kel be­nennt ih­re Prio­ri­tä­ten; sie strahlt an die­sem Vor­mit­tag ei­ne neue Ent­schlos­sen­heit aus. Die Kanz­le­rin scheint in der un­ge­wöhn­li­chen bun­des­po­li­ti­schen Kon­stel­la­ti­on ih­re Rol­le ge­fun­den zu ha­ben. Von den Frak­tio­nen lässt sich das nicht un­be­dingt sa­gen. Sie su­chen noch nach ih­rer Rol­le – im Ver­hält­nis zu­ein­an­der und auch zur AFD.

Igno­rie­ren oder re­agie­ren? Uni­on, SPD, FDP, Lin­ke und Grü­ne rin­gen nach dem rich­ti­gen Um­gang mit der AFD. Am Mitt­woch ver­ge­hen zwei St­un­den, bis es aus ih­ren Rei­hen ei­ne ent­schlos­se­ne Ent­geg­nung auf Wei­del gibt. Uni­ons-frak­ti­ons­chef Vol­ker Kau­der spricht Wei­del und ih­rer Par­tei ein„christ­li­ches Wer­te­ver­ständ­nis“ab. Er ha­be die zwi­schen­zeit­lich ab­we­sen­de Wei­tik del ei­gens in den Plenar­saal zu­rück­ho­len las­sen müs­sen, um ihr ent­geg­nen zu kön­nen. „Groß­mäu­lig im Aus­tei­len und schwach im Ein­ste­cken – das ist die AFD“, sagt Kau­der und er­hält to­sen­den Bei­fall aus al­len Frak­tio­nen.

Kau­ders Vor­red­ner hal­ten sich an ihr Ma­nu­skript und ar­bei­ten sich lie­ber an­ein­an­der ab. Spd-frak­ti­ons­che­fin Andrea Nah­les übt sich in neu­er Dop­pel­rol­le: Sie lobt ei­ner­seits den Haus­halts­ent­wurf von Spd-fi­nanz­mi­nis­ter Olaf Scholz und kri­ti­siert an­de­rer­seits die Uni­ons­mi­nis­ter. FDP-CHEF Chris­ti­an Lind­ner fühlt sich bei den ge­plan­ten So­zi­al­aus­ga­ben an Kar­ne­val er­in­nert („Ka­mel­le!“). Grü­nen-frak­ti­ons­che­fin Katrin Gö­ring-eckardt wischt die Re­gie­rungs­kri­tik Lind­ners mit dem Ver­weis bei­sei­te, er selbst ha­be ja nicht den Mut ge­habt zu re­gie­ren. Und die Link­s­par­tei lei­det am Ap­plaus, den ih­re Front­frau Sah­ra Wa­genk­necht von der AFD er­hält, als sie Au­ßen­mi­nis­ter Hei­ko Maas ei­nen „Ama­teur im Au­ßen­amt“nennt.

Op­po­si­ti­on ge­gen Re­gie­rung? Das war ein­mal. Im neu­en Bun­des­tag ver­lau­fen die Fron­ten kreuz und quer.

Fo­tos: Im­a­go, dpa

Die Mer­kel-faust: Die Hand der Bun­des­kanz­le­rin ges­tern wäh­rend ih­rer Re­de im Bun­des­tag.

Un­fass­bar, wel­ches Ver­trau­en die deut­sche Au­to­mo­bil­in­dus­trie in Zu­sam­men­hang mit dem Die­sel ver­spielt hat. An­ge­la Mer­kel, Bun­des­kanz­le­rin Wir ha­ben schon lan­ge ei­ne ei­gen­stän­di­ge und selbst­be­wuss­te eu­ro­päi­sche Au­ßen­po­li­tik ge­for­dert. Und wir sind...

Bur­kas, Kopf­tuch­mäd­chen und ali­men­tier­te Mes­ser­män­ner und sons­ti­ge Tau­ge­nicht­se wer­den un­se­ren Wohl­stand, das Wirt­schafts­wachs­tum und vor al­lem den So­zi­al­staat nicht si­chern. Ali­ce Wei­del, Afd-frak­ti­ons­che­fin

Was soll un­se­re Po­li­zei und die Jus­tiz ei­gent­lich von Po­li­ti­kern hal­ten, die von Rechts­bruch re­den, wo kei­ner ist, und die An­wäl­te als Sa­bo­teu­re des Rechts­staats be­zeich­nen? Andrea Nah­les, Spd-frak­ti­ons­che­fin

Mit Geld Zu­stim­mung kau­fen – die Me­tho­de ken­ne ich aus dem Kar­ne­val. Chris­ti­an Lind­ner, FDP-CHEF

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